zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 13. April 2006

Keine AIDS-Entwarnung für Österreich

Anlässlich der XIV. internationalen AIDS-Weltkonferenz, die vergangene Woche in Barcelona stattfand, ist es Zeit, sich wieder einmal die Situation bezüglich HIV/AIDS in Österreich vor Augen zu halten. Die Zahlen der österreichischen AIDS-Statistik sprechen eine deutliche Sprache. Jeden Tag infizieren sich in Österreich ein bis zwei Menschen mit dem AIDS-Virus. Diese Übertragungsrate ist seit fünf Jahren gleich. Geändert hat sich nur die Verteilung der HIV-Übertragung auf die Risikosituationen. 

Die HIV-Übertragung von einer HIV-positiven schwangeren Frau auf ihr Kind kann bei optimaler Betreuung mit Kaiserschnitt-Entbindung und antiretroviraler Prophylaxe für Mutter und Neugeborenes fast immer verhindert werden. Das materno-fetale Übertragungsrisiko liegt dabei unter 3 Prozent.Die HIV-Übertragung durch ungeschützten homosexuellen Geschlechtsverkehr und durch gemeinsamen Gebrauch von Spritzen und Nadeln beim intravenösen Drogenkonsum ist leicht rückläufig, während die Transmission auf heterosexuellem Weg immer stärker zunimmt. Besonders gefährdet sind Frauen durch ungeschützte Sexualpraktiken, weil sie auf Grund von natürlichen anatomischen und physiologischen Verhältnissen gegenüber Männern stark benachteiligt sind.

Noch immer potenziell tödlich

Derzeit leben in Österreich etwa 12.000 Menschen mit HIV/AIDS, die Hälfte davon im Großraum Wien. Im Zeitraum von Jänner 1983 bis Juni 2002 wurden 2.159 AIDS-Fälle gemeldet. Bisher sind insgesamt 1.306 dieser AIDS-Patienten verstorben. Im Vergleich zu den 40 Millionen Menschen mit HIV/AIDS weltweit ist die Prävalenz der HIV-Infektion in Österreich sehr gering, aber im Namen der Medizin und der Menschlichkeit zählt jedes Menschenleben. Und AIDS ist auch heute noch trotz antiretroviraler Kombinationstherapie eine potenziell tödliche Erkrankung.Zahlreiche Menschen mit HIV/AIDS suchen noch immer viel zu spät ärztliche Hilfe, oft erst wenn eine schwere opportunistische Infektion, wie eine Pneumocystis carinii Pneumonie, eine zerebrale Toxoplasmose, eine Kryptokokken-Meningitis oder eine Soorösophagitis, ihr Leben bedroht. Die Gründe dafür, dass in Sachen AIDS in Österreich keine Entwarnung gegeben werden kann, liegen hauptsächlich in der Sorglosigkeit und Leichtsinnigkeit der Menschen. Durch zahlreiche Aufklärungskampagnen kennt mittlerweile der Großteil der Bevölkerung sowohl die Risikosituationen als auch die möglichen Schutzmaßnahmen.

Die Angst vor AIDS scheint aber abgenommen zu haben oder sie wird verdrängt, weil AIDS keinen Neuigkeitswert mehr besitzt und weil es ohnehin eine medikamentöse Behandlung gibt. Eine HIV-Infektion kann völlig symptomlos beginnen. Nur bei einem Fünftel der Patienten mit Primärinfektion zeigen sich grippale Symptome oder eine generalisierte Lymphadenopathie. In den ersten drei Monaten nach der Infektion ist die Virusbelastung in Blut, Vaginalsekret und Samenflüssigkeit extrem hoch. Diese Zeitspanne bezeichnet man als "Diagnostisches Fenster", weil die HIV-Antikörpertests oft negativ ausfallen, obwohl das Risiko der HIV-Übertragung auf andere Menschen durch Beibehalten des Risikoverhaltens sehr hoch ist. Der direkte Virusnachweis mittels HIV-Polymerasekettenreaktion (HIV-PCR) gelingt bereits 7 bis 10 Tage nach erfolgter Infektion. 

Ein negativer HIV-Antikörpertest sagt nur aus, dass der Untersuchte drei Monate vor der Durchführung dieses Tests höchstwahrscheinlich HIV-negativ war!
Nach einer klinisch bedeutsamen Kontamination mit einer HIV-hältigen Körperflüssigkeit muss möglichst rasch - am besten innerhalb von 2 bis 4 Stunden - mit einer antiretroviralen Kombinationstherapie begonnen werden. Mit Hilfe der postexpositionellen Prophylaxe (PEP) kann das Infektionsrisiko signifikant verringert werden. Die antiretrovirale Behandlung hat sich in den vergangenen 15 Jahren enorm weiterentwickelt. Anfang der 90er-Jahre war nur eine Zidovudin-Monotherapie möglich, ab Mitte der 90er-Jahre dann bereits eine antiretrovirale Zweierkombination durch Einführung von ddI und ddC. Im Jahre 1997 begann die Ära der hochaktiven antiretroviralen Kombinationstherapie (HAART) durch Proteasehemmer-haltige Therapieregime. 

Ab Ende 2002 wird es möglich sein, diese Kombinationstherapien durch Fusionshemmer und Interleukin-2 zu ergänzen. Trotz sehr effektiver Kombinationstherapien ist HIV/AIDS gegenwärtig nicht heilbar. Therapiepausen erweisen sich oft virologisch und immunologisch als sehr nachteilig. Die medikamentöse Behandlung sollte durch gesamtmedizinische Konzepte inklusive Ernährungstherapie sowie psychische und soziale Konsolidierung ergänzt werden. Das frühere Konzept für die HAART mit "Hit hard and early" wurde im neuen Millennium durch "Hit hard but not too early" ersetzt.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben