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Innere Medizin 3. April 2006

Bevölkerung weiß viel zu wenig über Cholesterin

Besorgnis erregend schlecht informiert sind die ÖsterreicherInnen in Sachen„gutes" und „schlechtes" Cholesterin: Zwei Drittel wissen nicht, dass HDL-Werte hoch sein sollten. Und das, obwohl bedenklich viele Menschen hierzulande zu niedrige HDL-Werte aufweisen. Schon eine geringfügige Erhöhung des HDL-Spiegels kann lebensrettend sein, das zeigen große internationale Studien.

Oberflächlich betrachtet scheint der Herz-Kreislauf-Risikofaktor Fettstoffwechsel in den vergangenen Jahren dank Aufklärung und Medienpräsenz massiv an Aufmerksamkeit gewonnen zu haben. Doch im Detail steht es um die Information dazu noch schlecht, zeigt jetzt eine aktuelle repräsentative Umfrage der „Initiative HDL 50-plus“, die vom Meinungsforschungsinstitut ISMA durchgeführt wurde. Vor allem das HDL-Cholesterin wurde bislang in seiner Bedeutung vielfach unterschätzt und ist viel zu wenig bekannt. „54 Prozent der Befragten sind nicht darüber informiert, dass es nicht ‚ein Cholesterin’ gibt, sondern verschiedene Fraktionen“ zitiert die Sozialmedizinerin Prof. Dr. Anita Rieder, Wien, aus dem Datenkonvolut. „Der Anteil jener, die mit den Begriffen HDL und LDL grundsätzlich etwas anfangen können – also sie zumindest schon gehört haben – bleibt mit 44 Prozent deutlich in der Minderheit.“

HDL schützt Herz und Gefäße

Wiederum nur die Hälfte jener, die HDL überhaupt kennen, können dieser Fett-Fraktion die Eigenschaft „gutes“ Cholesterin zuordnen. „Nur 37 Prozent der Befragten geben richtig an, dass HDL-Werte möglichst hoch sein sollen, fast zwei Drittel der Befragten wissen es nicht oder glauben, die Werte sollen möglichst niedrig sein“, meint Rieder. Kein Wunder, dass auch große Verunsicherung besteht, was den Einfluss von HDL auf kardiovaskuläre Erkrankungen betrifft. „Ob hohes HDL hier positiv oder negativ wirkt, beantworten jeweils etwa gleich viele Befragte mit ja oder nein“, so die Präventionsexpertin, „hier besteht also ganz offenbar noch ein großer Aufklärungsbedarf.“ Und Nachholbedarf besteht auch, was die Diagnostik betrifft: „In der Gruppe jener, die HDL und LDL als Begriffe kennen, wurde bei nur 30 Prozent von ihnen auch wissentlich der HDL-Wert gemessen“, gibt Rieder zu bedenken. Prof. Dr. Heinz Drexel, Leiter der Abteilung für Innere Medizin und Ärztlicher Leiter am Landeskrankenhaus Feldkirch. „In der Risikoeinschätzung wurde das HDL-Cholesterin in der Vergangenheit eher vernachlässigt, obwohl es sich in Studien als Prognosefaktor nicht nur für das kardiale Risiko, sondern auch im Hinblick auf periphere oder hirnversorgende Blutgefäße klar etabliert hat.“ In einer Studie des Public Health Instituts in Helsinki gelang etwa der Nachweis, dass Patienten mit höheren HDL-Werten ein deutlich niedrigeres Risiko hatten, einen Schlaganfall zu erleiden. Hingegen wurde kein Zusammenhang zwischen Gesamtcholesterin und Insultrisiko gefunden. „Das Gefäß schützende Potenzial von HDL zeigen auch alle Statin-Studien, in denen dieser Faktor berücksichtigt wurde“, fasst Drexel das aktuelle Wissen zusammen. „Auch bei den peripheren arteriellen Verschlusskrankheiten hat sich HDL als sehr verlässlicher Marker erwiesen.“

Apo A-1: Unbekannter Helfer

Die Studie INTERHEART mit 30.000 Teilnehmern zeigte, dass bis zu 90 Prozent des Herzinfarkt-Risikos mit Hilfe von nur neun leicht messbaren Faktoren vorhersagbar sind. Die beiden wichtigsten davon: Zigarettenrauchen und eine abnormes Verhältnis von Blutfetten – nämlich Apolipoprotein B zu Apolipoprotein A-1 –, die zusammen die Prognose von zwei Drittel aller Herzinfarkte ermöglichen.„Damit ist weltweit eine Unterfraktion der Lipide in den Mittelpunkt des Interesses gerückt“, betont Prof. Dr. Gerald Maurer, Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin II am Wiener AKH. „Zu Unrecht, denn Apolipoprotein A-1 gilt in hohem Maße als schützender und gesundheitsfördernder Faktor. Als wichtigste Proteinkomponente des HDL-Cholesterins fördert es offensichtlich den Rücktransport von Cholesterin aus den Gefäßen zur Leber.“ Eine neuartig formulierte Substanz bringt jetzt völlig neue Behandlungsperspektiven in das Fettstoffwechsel-Management: Das Vitamin Niacin kann die Schutzwirkung des lebenswichtigen HDL-Cholesterin um bis zu 30 Prozent erhöhen. Damit kann das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen weiter drastisch reduziert werden. Der Wiener Stoffwechselexperte Prof. Dr. Bernhard Ludvik: „Niacin kann im Vergleich zu Statinen, Fibraten und anderen verwendeten Wirksubstanzen das HDL-Cholesterin am effektivsten steigern und LDL-Cholesterin sowie Triglyzeride senken.“ Gezeigt hat das etwa das Coronary Drug Project, eine Untersuchung des „US National Heart, Lung and Blood Institute“, in der bei insgesamt 8.341 männlichen Patienten mit vorangegangenem Herzinfarkt Niacin mit Placebo verglichen wurde.

Niacin plus Statine: Bis zu 90 Prozent Risikoreduktion

Fazit: Innerhalb von sechs Jahren nahm das Herzinfarkt-Risiko der mit Niacin behandelten Studienteilnehmer im Vergleich zu Placebo um 26 Prozent ab, und das Risiko für zerebrovaskuläre Ereignisse wie Schlaganfälle um 21 Prozent ab. Nach neun Jahren konnte mit Niacin eine Senkung der Sterblichkeit um 11 Prozent gegenüber Placebo beobachtet werden.„Als besonders interessanter Kandidat hat sich Niacin auch in Kombination mit anderen Behandlungsoptionen erwiesen“, so Ludvik. „Denn die Kombination der potenten Substanz mit einem Statin eröffnet jetzt die bisher nicht gekannte Möglichkeit, bei mehr Patienten zugleich optimale LDL-Werte und hohe HDL-Werte zu erreichen. Eine solche Kombination, zeigen uns Studien, senkt das kardiovaskuläre Risiko viel stärker, als dies mit einem Statin allein möglich ist.“ In der HDL Atherosclerosis Treatment Study (HATS) wurde etwa Niacin mit dem Lipidsenker Simvastatin kombiniert. Dieses Medikamenten-Duo senkte das LDL-Cholesterin um 42 Prozent und steigerte das HDL-Cholesterin um 26 Prozent. Ludvik: „Das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse ließ sich insgesamt gegenüber dem Placebo um 90 Prozent senken.“

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