zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 7. März 2006

20 Jahre AIDS in Österreich

Knapp vor dem Weltaidstag am 1. Dezember 2003 fand im Wiener AIDS-Hilfehaus ein Symposium statt, bei dem zahlreiche soziale und medizinische Aspekte der HIV-Infektion beleuchtet wurden. Dabei konnte auf eine 20-jährige österreichische Erfahrung in der Betreuung HIV-positiver Menschen zurückgeblickt werden, denn im Jahr 1983 wurde in Wien der erste AIDS-Patient betreut.

Mag. Frank M. Amort, Leiter der Präventionsabteilung der Aids Hilfe Wien, berichtete über 2.246 österreichische AIDS-Fälle im Zeitraum zwischen 1983 und November 2003, wovon bisher 1.333 Patienten verstorben sind. Nach Risikoverhalten verteilen sich die österreichischen AIDS-Fälle auf „homo-/bisexuell“ (36,1 Prozent), „Needle-Sharing bei iv-Drogen“ (24,5 Prozent), „heterosexuell“ (16,7 Prozent) und „Mutter-Kind“ (1,2 Prozent). Die Hälfte dieser AIDS-Fälle wird in Wien betreut. Ein epidemiologischer Megatrend der 90er-Jahre ist dabei die starke Zunahme der Neuinfektionen bei Frauen. Rund zwei Drittel der neu diagnostizierten AIDS-Patienten waren sich über ihren HIV-Status vorher nicht bewusst.

Anstieg der Lebenserwartung und Sozialhilfeempfänger

Die Geschäftsführerin der Aids Hilfe Wien, Mag. Claudia Kuderna, berichtete über die schwierige soziale Situation von Menschen mit HIV/AIDS in Österreich. Aufgrund der deutlich steigenden Lebenserwartung durch die anhaltenden medizinischen Fortschritte einerseits und die jährlichen Neuinfektionen andererseits verlängert sich der Zeitraum und erhöht sich die Zahl der betroffenen Menschen hinsichtlich einer sozialen Absicherung.
Mehr als die Hälfte der betroffenen Menschen müssen mit einem monatlichen Einkommen unter 600 Euro auskommen. Bei der Einkommensart überwiegen AMS-Bezüge und Pensionen. Das Wohnen wird durch Pflegebedarf, mangelnde Wohnfähigkeit, fehlende österreichische Staatsbürgerschaft und Kosten für die Beschaffung, Adaptierung und Erhaltung von Wohnraum zum Problem. Weit mehr als die Hälfte der KlientInnen ist alleinstehend und verfügt über keinerlei familiäres und soziales Netz. Die Hälfte der betroffenen Frauen sind alleinerziehende Mütter. Sozial bedrohliche Faktoren sind außerdem Abhängigkeit, Begleiterkrankungen und psychische Probleme.
„Zu den Hilfsangeboten der Aids Hilfe zählen Sozialarbeit, Lebensbegleitung und Direkthilfe“, fasste Kuderna zusammen. „Dabei streben wir mehrere Ziele an, wie zum Beispiel Unterstützung bei der dauerhaften sozialen Absicherung, Hilfe zur Selbsthilfe, Vorbeugung von Krisen, Steigerung der Lebensqualität, Förderung der Eigeninitiative, Lobbying und Integration auf dem Arbeitsmarkt.“
Die HIV-Prävention stellt in Österreich einen Modellfall der modernen Gesundheitsförderung dar und ruht auf den drei Säulen Information, Empowerment und Kampf gegen Stigmatisierung. Die Träger der HIV-Prävention waren zumeist NGOs. Das Konzept der Schadensbegrenzung brachte dabei einen Paradigmenwechsel für die Drogenpolitik.

Trotz Aufklärungskampagnen Anstieg an Neuinfektionen

Auf dem Gebiet der Jugendprävention setzt die Aids Hilfe seit vielen Jahren erfolgreich auf flächendeckende, einheitliche Standards mit „Sensibilisierung für HIV/AIDS-Problematik im Kontext der Jugendsexualität“, „Kondom als beste Option für Schutz und Verhütung“ sowie exzellenten Materialien, Workshops und Peer Education.
Der aktuelle Präventionsdiskurs umfasst Medizinalisierung, integrative Konzepte, die Beziehung HIV-Testung und Prävention, Professionalisierung und Qualitätssicherung sowie Nachhaltigkeit bei immer knapper werdenden Finanzmitteln. Amort beklagte das sinkende öffentliche Interesse an österreichweiten Kampagnen, obwohl es im Jahr 2002 zu 442 Neuinfektionen gekommen ist. Die drastische Senkung der Mortalität seit Einführung der antiretroviralen Kombinationstherapie verleitet, so Amort, zu unberechtigtem Optimismus. In Zukunft soll die Prävention laut Amort verstärkt für und mit HIV-positiven Menschen durchgeführt werden. Große Herausforderungen werden Begleitinfektionen wie Hepatitis, Tuberkulose und Sexually Transmitted Diseases sein. Zur Bewältigung dieser Aufgaben wäre ein massenmedialer Impuls dringend notwendig.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben