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Innere Medizin 24. Juli 2005

Einsatz von Anabolika bei HIV-Infektion

Anabole Steroide sind analoge Wirkstoffe des natürlichen Testosterons, welches hauptsächlich in den männlichen Testes und in den weiblichen Ovarien produziert wird. Anabolika haben in den letzten Jahren rasch Eingang in das Management der HIV-Infektion gefunden.

Hemmung der Apoptose

Ihre weltweite Akzeptanz beruht auf der Fähigkeit, den Muskelabbau beim so genannten Wasting-Syndrom rückgängig zu machen, die Muskelkraft zu steigern, Appetit und Sexualfunktionen zu verbessern sowie die Lebensqualität zu erhöhen. Unter Berücksichtigung der Gesamtkosten bei HIV/AIDS kann der rationale Einsatz von Anabolika kostensenkend wirken.

Klinische Studien von Maguen S., Poles M. und Fisher A. zeigten, dass es unter Anabolika zu keinen sekundären immunsuppressiven Effekten kommt. Klein S. et al. beobachteten sogar bei einem HIV-positiven Patienten mit Hypogonadismus und Wasting-Syndrom einen günstigen Einfluss von Testosteron auf die CD4-Lymphozytenzahl durch Hemmung der Apoptose. Auch das menschliche Wachstumshormon (rhGH, Serostim®) vermag laut Chappel S. eine Immunrekonstitution auszulösen und die Lebensqualität HIV-positiver Menschen zu verbessern. Mehrere Studien konnten nachweisen, dass Anabolika in Kombination mit körperlichem Training besser wirken als ohne physische Aktivität. Um den vollen Nutzen anabol wirksamer Substanzen auszuschöpfen, müssen die Patienten eine hochkalorische Ernährung mit hohem Eiweißgehalt konsumieren.

Einige Experten empfehlen zusätzlich eine hohe Zufuhr von Arginin (Milchprodukte, Fleisch, Geflügel, Fisch, Nüsse und Schokolade) und Omega-3-Fettsäuren (Fisch). Die tägliche Eiweißzufuhr sollte etwa 75 Gramm betragen, wobei aber der Allgemeinzustand sowie Leber- und Nierenfunktionen berücksichtigt werden müssen.

Behandlungserfolge

In rezenten klinischen Phase III-Studien konnten durch Einreiben des Oberkörpers oder Bauches mit Testosteron-Gel (Androgel®) konstante Tagesspiegel erzielt werden. Diese Applikationsmethode ist bequemer und weniger schmerzhaft als die intramuskuläre Injektion. Strawford und Mitarbeiter berichten in ihrer klinischen Studie an 24 HIV-positiven Männern über gute Behandlungserfolge mit einer Kombinationstherapie aus Testosteron (100 mg/Woche i.m.), Oxandrolon (20 mg/Tag p.o.) und einem Trainingsprogramm (3x/Woche). Die Gewichtszunahme betrug nach acht Wochen 6,7 kg, ohne Oxandrolon jedoch nur 4,2 kg.

Anabole Steroide sind kontraindiziert bei Prostata- und Mammakarzinom, Schwangerschaft, schwerer Leberinsuffizienz sowie Nephrose und nephrotischer Phase einer Nephritis. Die langfristige Gabe eines hoch dosierten anabolen Steroids kann eine Peliosis-Hepatitis auslösen, eine seltene vaskuläre Läsion, die zu Leberversagen und neoplastischen Veränderungen führen kann.

Meist führen nur sehr hohe Dosen von anabolen Steroiden, die 5x bis 20x über den empfohlenen Dosierungen liegen, zu unerwünschten Nebenwirkungen, wie Hodenatrophie, Gynäkomastie, Hypertonie und Ödeme bei Männern sowie Menstruationsstörungen, Flüssigkeitsretention, Klitorisvergrößerung, Abnahme der Brustgröße und Bluthochdruck bei Frauen.

Außerdem kann es unter anabolen Steroiden zum Auftreten von Aggressionen, Psychosen, manischen Episoden, Akne, Haarausfall und berührungsempfindlichen Brüsten kommen. Androgene beeinflussen den Kohlenhydrat- und Lipidstoffwechsel. Bei Patienten mit kardiovaskulären Risikofaktoren ist jedenfalls ein regelmäßiges Monitoring des Lipidprofils sinnvoll. Im Verlauf der reproduktiven Jahre sinkt der Androgen-Spiegel bei Frauen. Ein Androgen-Mangel wurde insbesondere bei AIDS-kranken Frauen beschrieben. Die typischen Beschwerden umfassen allgemeine Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Depression und Libidoverlust.

Anabolika bei Frauen

Miller K. Et al. führten an 45 AIDS-kranken Frauen eine randomisierte, placebokontrollierte Pilotstudie mit transdermalem Testosteron durch. Diese Form der Hormonersatztherapie wurde von den Patientinnen gut vertragen und führte zu einer Verbesserung des Körpergewichts und der Lebensqualität. Zur endgültigen Beurteilung der Effizienz und Langzeitsicherheit von anabolen Substanzen bei Frauen müssen weitere klinische Studien mit höheren Fallzahlen durchgeführt werden.

Häufig verwendete anabole Substanzen
Arzneimittel Dosis für Männer Dosis für Frauen
Anadrol® 50 mg 2x tgl. Po. nicht verfügbar
Androderm® 5 mg/Tag (2 Pflaster) nicht verfügbar
Fluoxymesteron 2 bis 10 mg/Tag po. nicht verfügbar
Nandrolondecanoat 100-200 mg im./Woche 25 mg im./Woche
Oxandrolon 5 bis 15 mg/Tag po. 10-20 mg/Woche
Serostim® (hgH) 4 bis 6 mg/Tag sc. 4 mg/Tag sc.
Testoderm® 4 mg oder 6 mg/Tag nicht verfügbar
Testoderm® TTS 5 mg/Tag (Körperpflaster) nicht verfügbar
Testosteron cyprionat 200-300 mg/2 Wo. im. 50-75 mg/2 Wo. im.
Oxymetholon 150 mg/Tag po. 150 mg/Tag po.
Gayle Newshan & Wade Leon; International Journal of STD & AIDS; Volume 12(3), March 2001:pp141-144)

Info: Dr. Wolfgang Steflitsch, Immunambulanz, 2. Int. Abt., Pulmologisches Zentrum, Otto Wagner Spital, Wien, Tel.: 910 60 / 42 710, e-mail:  

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