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Innere Medizin 24. Juli 2005

Afro-Pessimismus und die Medizin

Das Bild Afrikas in Europa ist durch eklatante Wissensdefizite geprägt. Medien unterstützen dieses wenig differenzierte Afrika-Bild durch ständige Meldungen über Hunger, Kriege, Kindersoldaten, Völkermord, Flüchtlingsströme, AIDS und politische Krisen. Das unversehrte, vitale, fröhliche Alltagsleben des traditionellen Afrikas, die mitreißende Lebensfreude - auch unter harten Bedingungen - ist keine Meldung wert.
Der so geförderte "Afro-Pessimismus" färbt leider auch das Verhältnis europäischer Ärzte zu ihren afrikanischen Patienten - und Österreich ist dabei meist keine Ausnahme. Häufig sind die therapeutischen Beziehungen auf Seiten der Ärzte nach anfänglichem Engagement durch das Gefühl der Ratlosigkeit und Resignation gekennzeichnet. Die Hilflosigkeit in dieser Beziehung entsteht durch fehlende Kenntnisse der fremden Kultur und somit durch falsche Annahmen und Erwartungen.

Erfolgsrezept einer Ärztin

Das Erfolgskonzept von Dr. Solange Nzimegne-Gölz, Berlin, sieht die Umwandlung der eurozentrischen in eine afroeuropäische Beziehung vor. Damit dies gelingt, möchte sie durch Vermittlung des kulturellen afrikanischen Erbes und Einblicke in das Wesen und Leben von Menschen aus Schwarzafrika Verständnis für afrikanische Patienten wecken und Wege zum Aufbau einer Vertrauensbeziehung anbieten.
Schwarzafrika südlich der Sahara besteht aus 48 unabhängigen Staaten, die allesamt von der UNO als Entwicklungsländer eingestuft werden. Insgesamt leben in diesen Ländern 660 Millionen Menschen, zwei Drittel davon in ländlichen Gebieten. 75% haben keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen, 66% haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, 30% haben einen erschwerten Zugang zu Gesundheitseinrichtungen.

Medizin nach afrikanischer Art

Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt 47 Jahre. Neben der hohen Kindersterblichkeit (92 auf 1.000 Lebendgeborene) hat die HIV-Epidemie in den letzten 20 Jahren die Lebenserwartung dramatisch gesenkt. Im Mittel sind 4,2% der Bevölkerung HIV-infiziert. Qualität und Dichte der Gesundheitsdienste entsprechen in keiner Weise dem Bedarf. Deshalb ist ein Großteil der Bevölkerung auf die Methoden der traditionellen Medizin angewiesen.
Die traditionelle afrikanische Medizin stützt sich auf die naturreligiöse Vorstellung, dass der einzelne Mensch unlösbar in einen kosmologischen Zusammenhang eingebettet ist. Ein Kontinuum aller Generationen, Geister und Gottheiten spendet dem Einzelnen seine Lebenskraft. Krankheit stellt eine Minderung dieser Lebenskraft dar. Sie resultiert aus gestörten Beziehungen zu den kosmischen Mächten und den Menschen seiner Umgebung. Ursächlich sind ausschließlich Handlungen gegen geltende Regeln, z.B. Verstoß gegen ein Tabu, gegen eine Forderung der Ahnen, gegen Regeln der Dorfgemeinschaft, Fehlverhalten gegenüber Angehörigen oder Nachbarn sowie Zauberei durch Neid und Hass anderer.
Der Heiler versammelt zum "Heilungspalaver" die Familie und die Dorfgemeinschaft des Kranken und versucht durch deren Aussagen und Beobachtungen den Grund der krank machenden Störung herauszufinden. Als diagnostische Verfahren dienen dabei neben dem Heilungspalaver auch Besinnung auf Prophezeiungen der Ahnen, Beachtung von Zeichen der Natur sowie Trancezustände, um Verbindung zu den Ahnen zu finden.
Die Therapieverfahren richten sich darauf, mit Magie und Ritualen die gestörte soziale Balance wiederherzustellen. Ahnen, Geister und Götter werden durch Opfer und Gebete beruhigt, böse Geister durch Fetische gebannt, der Kranke wird nach Einsicht in sein Fehlverhalten 
gereinigt und Versöhnungsriten garantieren das ungestörte Zusammenleben mit der Familie oder mit der Dorfgemeinschaft.

Traditionelle Heiler

Im heutigen Afrika werden oft die medizinischen Verfahren der zwei Welten nebeneinander angewandt. So werden bei der Behandlung der HIV-Infektion zwar in Europa antiretrovirale Medikamente und Prophylaxen eingenommen, bei Besuchen in Afrika wird aber zur Sicherheit auch auf die Kenntnisse eines traditionellen Heilers zurückgegriffen. Der so genannte "noncompliante" Afrikaner versucht seine Identität zu wahren. Bei allem westlichen Auftreten des Afrikaners sind die kulturell geprägten Haltungen sehr viel stärker wirksam, als die vordergründige Anpassung vermuten lässt. Mit all diesen Verhaltensweisen haben europäische Ärzte häufig Probleme. Die Lösung: Der Arzt sollte seine Vorstellungen von Therapie den inneren Möglichkeiten seines Patienten entsprechend modifizieren.
Bei Afrikanern, die mit Europäern zusammenleben, lohnt es sich, zunächst die Interaktionen des Paares zu beobachten. Es bietet sich zunächst an, die Informationen zu der Vorgeschichte und den Symptomen vom dolmetschenden Partner einzuholen. Häufig werden dabei aber die Wünsche und Erwartungen des Patienten nicht ausreichend berücksichtigt. In vielen Fällen sind die männlichen europäischen Partner geleitet von ihren eigenen Interessen, die schon die Wahl der Partnerschaft bestimmt haben. Typisch dafür ist der weiße Unterschichtangehörige, der sich als Manager der hilflosen afrikanischen Ehefrau darstellt. Umgekehrt haben weiße Frauen von afrikanischen Männern oft einen mütterlich bevormundenden Zug an sich und drängen ihre Partner mit Vehemenz zur Integration in die neue Kultur.
Die Beachtung der Unterschiede entscheidet über den Therapieerfolg. Wichtig dabei sind die interkulturelle Kompetenz von Arzt oder Dolmetsch, die Beurteilung der Sozialisation des Patienten und der Lebensbedingungen im Migrationsland sowie die Beurteilung der Einstellung des Patienten zur HIV-Infektion.

Quelle: Dr. Solange Nzimegne-Gölz: "HIV und AIDS - Umgang mit Patienten aus Schwarzafrika" (Roche; new*performance, München; 
online publishing GmbH, München; 2002)

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