zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 14. Juli 2005

"Ist ein Arzt an Bord?"

"Ist ein Arzt an Bord , so möge er sich bitte umgehend beim Flugbegleitpersonal melden." Diese Durchsage während eines Fluges löst unter KollegInnen meist gemischte Gefühle aus: Man wird sich natürlich melden, befürchtet aber, dass man unter den gegebenen Bedingungen nicht wirklich kompetent helfen kann.

Aber: "Meist handelt es sich medizinisch betrachtet um relativ harmlose Zustände", schreibt Prof. Dr. H. S. Füeßl in der "Münchner Medizinischen Wochenschrift", der anhand einer Statistik der British Airways eine "Hitliste der medizinischen Notfälle" zusammengestellt hat. Auch Angst vor Schadenersatzansprüchen braucht man nicht zu haben, die meisten großen Airlines haben für hilfeleistende ÄrztInnen Sicherungssysteme vorgesehen (siehe Kasten).

Magen-Darmprobleme führen die Hitliste an. Orale Anti- emetika, Rehydratationslösungen und Antidiarrhoika werden in aller Regel vom Flugbegleitpersonal abgegeben. Bei Verdacht auf ein akutes Abdomen wird jedoch der Rat des Arztes eingeholt, ob eine Zwischenlandung nötig ist oder nicht. In der Zwischenzeit kann ein i.v. Zugang gelegt und Flüssigkeit gegeben werden.

Brustschmerzen, Verdacht auf kardiale Probleme

Die anamnestische Abklärung ist oft schon unter normalen Umständen nicht leicht. Nitro-Spray ist an Bord, bei schwerer Angina pectoris gibt man ASS, opioidhaltige Analgetika und Sauerstoff. Bei diagnostischer Unsicherheit könne man, so Füeßl, auch zu einem Antazidum greifen. In den Umgang mit einem Defibrillator ist das Personal vor allem der großen Fluglinien eingewiesen. Es besteht außerdem oft die Möglichkeit der Übertragung an medizinische Einrichtungen auf dem Boden, die auch Therapie-Anweisungen geben.

Epilepsie: Patienten mit Epilepsie haben ein erhöhtes Risiko, einen Anfall zu bekommen. Injizierbares Diazepam ist zwar vorhanden, doch sollte man damit bei den meist ohnehin selbstlimitierenden Anfällen vorsichtig sein, weil eine Ateminsuffizienz drohen kann.

Asthmaanfall: Meist hat der Patient seinen Bronchodilatator in den Koffer gepackt. Im Notfallkoffer finden sich injizierbare Broncholytika und Adrenalin, Sauerstoff ist ebenfalls vorhanden.

Kollaps: Bei den meisten Kollapszuständen handelt es sich um harmlose vagovasale Synkopen, die Angehörige und Flugpersonal dennoch in Aufregung versetzen können. Füeßl: "Während man den Puls fühlt, hilft sich die Natur in der Regel von selbst."

Psychiatrische Probleme: Panikattacken oder Angstzustände können für viel Unruhe sorgen, meint Füeßl. Oft genüge es, die Diagnose zu bestätigen und den Patienten zu beruhigen. Auch hier sollte man mit Anxiolytika vorsichtig sein, da an Bord oft Alkohol reichlich konsumiert wird und mit unerwünschten Wechselwirkungen gerechnet werden muss.

Hypoglykämien: Durch den ungewohnten Rhythmus der Essenszeiten kann es bei Diabetikern auch einmal zu einem "Hypo" kommen. Hat er selbst kein Glukagon dabei, so gibt es das sowie Glukoselösungen in der Bordapotheke.

Kopfverletzungen: Durch aus dem Handgepäcksraum herabfallende Gegenstände können schwerwiegende Kopfverletzungen entstehen. Hier kann man als Arzt meist nicht viel tun, wird aber möglicherweise um die Meinung gefragt, ob eine vorzeitige Landung nötig ist oder nicht.

Allergische Reaktionen: Für akute anaphylaktische Zustände sind Medikamente vorhanden, manche Patienten mit bekannten Allergien haben Adrenalin-Autoinjektoren mit, benötigen aber in der Aufregung oft Hilfe.
Gynäkologische Notfälle: Zwar werden jedes Jahr einige Babies im Luftraum geboren, aber insgesamt ist das doch sehr selten, weil Schwangere ab der 34. beziehungsweise 36. Woche nicht mehr fliegen dürfen. Auch hier kann man als Arzt um die Meinung bezüglich einer vorzeitigen Landung gefragt werden.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben