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Innere Medizin 8. Juli 2005

"No overuse without misuse"

Lesen Sie diese Woche den zweiten Teil unseres Gesprächs mit Dr. Albrecht Lahme, der Berufsmusiker und zugleich Facharzt für Orthopädie in München ist. (Den ersten Teil des Gespräches finden Sie in ÄRZTE WOCHE Nr. 39 vom 6. November 2002). Lahme leitet das "Europäische Institut für Bewegungsphysiologie" und lehrt als Dozent für Musikermedizin und Musikphysiologie an den Musikhochschulen sowohl in München wie auch in Salzburg.

Seit etwa 20 Jahren behandeln Sie Musiker - in 70 bis 75 Prozent der Fälle liegen Ihrer Erfahrung nach Beschwerden des Stütz- und Bewegungsapparats vor. Wo liegen die Ursachen? Was machen die Musiker falsch? 

Lahme: Man kann allgemein sagen, was ich auch in meinen Vorträgen immer sage: "There ist no overuse without misuse". Das heißt, es gibt keine Überlastungsschäden ohne eine Art von Fehlverhalten. Und dieser Punkt betrifft auch die Pädagogik, wo sehr viel über Tradition gearbeitet wird. Hier ist es wichtig - und das wird oft zu wenig beachtet - , dass der Lehrer dem Schüler viel Freiraum lässt, insbesondere dann, wenn beide eine unterschiedliche Konstitution aufweisen. Ziel muss sein, dass sich jeder Schüler selbst am Instrument entwickelt, dass er es als Freund, nicht als Feind kennen lernt. 

Ist das Instrumentalspiel auch an gewisse körperliche Voraussetzungen gebunden? 

Lahme: Ja, wir sind daher auch der Ansicht, dass sich jeder Instrumentalspieler zu Beginn einer körperlichen Untersuchung unterziehen sollte, das heißt, der Orthopäde schaut: Wie ist die Körperstatik, wie sind die Gelenke, wie ist die Gelenkstabilisierung, wie die Handspanne? Erst mit diesen Informationen kann der Arzt dann eine Empfehlung für ein bestimmtes Instrument geben. Andererseits darf diese Präventionsuntersuchung nicht dazu führen, dass man einem Kind, das unbedingt Violine lernen möchte, sagt: Nein, das darfst Du nicht, Du bringst nicht die entsprechenden körperlichen Voraussetzungen mit! Wenn der starke Wunsch besteht, soll man den auch respektieren. Man kann nur versuchen, Weichen zu stellen. Entscheidend ist hier auch die Frage, wozu ein Instrument gelernt wird - nur zur Freude oder mit dem Ziel, Berufsmusiker zu werden. Wer Orchestermusiker werden möchte, der muss schon mit fünf, sechs Jahren mit dem Spiel beginnen und täglich zwischen ein und zwei Stunden üben. 

Welche konstitutionellen Voraussetzungen würden etwa gegen das Spiel der Violine sprechen?

Lahme: Extrem langer Hals und extrem lange Extremitäten etwa und auch Einschränkungen der Supinations- und Pronationsbewegungen des Unterarms. Auch extrem kurzer Kleinfinger kann Probleme machen. 

Inwieweit können körperliche Defizite durch die "Kraft des Willens" kompensiert werden?

Lahme: Da gibt es sicherlich Kompensationsmöglichkeiten - aber, auf längere Sicht gesehen, wird dieses System irgendwann zusammenbrechen! Man kann nicht über Jahrzehnte als Berufsmusiker Mankos überspielen, ohne dass Schäden auftreten oder es zu einer vorzeitigen Berentung kommt. Das muss man ganz klar sehen! Wenn der Musiker zu sehr mit dem Willen arbeitet, hat er auch die Tendenz, zu sehr in die Spannung hineinzugehen. Wir haben in unserer Ordination immer wieder Musiker, die über Jahrzehnte völlig zumachen und mit unwahrscheinlicher Spannung, mit übergroßer Muskelaktivität arbeiten. Das halten die Wenigsten allerdings ein ganzes Berufsleben lang durch. 

Wie ist es überhaupt um das Körperbewusstsein bei den Musikern bestellt?

Lahme: Viele Musiker weisen diesbezüglich große Defizite auf. Häufig stellen wir bei ihnen Statik-Fehlstellungen der Wirbelsäule fest, die dann in Kombination mit dem Instrumentalspiel zu vermehrten Beschwerden führen. Daher sind eine lotgerechte Körperhaltung und eine entsprechende Kräftigung der Rückenstreckermuskulatur für den Musiker wichtig, damit er eine gute Körperhaltung auch längere Zeit durchhalten kann. Nun erfordern bestimmte Instrumente geradezu spezifische Fehlhaltungen. Denken wir nur an das Fagott, wo die rechte Schulter zurück- und die linke vorgeschoben wird. Oder beim Cellospiel kommt es leicht zu Verdrehungen der Wirbelsäule. Daher sollte der Musiker besonders darauf achten, diese spezifischen Fehlhaltungen möglichst gering zu halten.

Welche Sportarten können Sie dem Musiker zur Kräftigung der Muskulatur bzw. zum Ausgleich empfehlen? 

Lahme: Schwimmen ist generell sehr gut, ausgenommen bei Schulterbeschwerden und bei Problemen mit der Rotatorenmanschette. Andere Sportarten, die wir empfehlen, sind Reiten, da es sich hervorragend eignet zur Kräftigung der Rückenmuskulatur, und Florettfechten, da es sowohl feinmotorische Leistungen wie blitzschnelle Reaktionen verlangt.

Von welchen Sportarten ist Musikern dagegen eher abzuraten?

Lahme: Abzuraten ist von Tennis, Squash und allen weiteren Sportarten, die eine große Kraftausübung in den Armen erfordern. Wenn Sie zwei Stunden intensiv Tennis spielen und danach Geige, merken Sie, dass Ihnen der Bogen zittert - man spricht von Bogenvibrato. Nach einem Tennisspiel braucht der Körper drei, vier Stunden Pause, um wieder auf die Feinmotorik umschalten zu können.

Wie helfen Sie nun Musikern, die zu Ihnen in die Sprechstunde kommen? 

Lahme: Uns fällt immer wieder auf: Der Musiker möchte gerne eine Art Patenrezept. So einfach geht das aber nicht. Ich bin ein Freund der Diagnostik, der sinnvollen Diagnostik, die heute in der Medizin meiner Ansicht viel zu kurz kommt. Ich muss ja erst einmal wissen: Was fehlt dem Patienten, wie ist sein Bewegungsablauf, wie seine Körperhaltung beim Spiel, wie seine ergonomische Anpassung? Die Bewegungsmuster werden bei uns fotodokumentiert. Auch erheben wir immer eine genaue Musikeranamnese. Wir fragen: Wie lange spielen Sie das Instrument, wie viele Stunden am Tag, was spielen Sie an Literatur, gibt es Literaturstellen, wo die Beschwerden stärker auftreten, hat es einen Lehrerwechsel gegeben und damit eine Umstellung der Technik? Erst wenn ich das alles weiß und dieses Mosaik zusammengesetzt habe, kann ich sagen, ob der Patient eine Therapie braucht - das ist der Fall, wenn deutlich pathologische Befunde vorliegen - , oder ob bei ihm vielleicht eher ein pädagogische Ansatz indiziert ist, wie beispielsweise die Alexander-Technik. 

Welche Bedeutung haben für Sie Medikamente in der Therapie?

Lahme: Wir schauen immer, dass das Medikament an letzter Stelle kommt. Es gibt manchmal Störungen wie ungewolltes Zittern, wo man durchaus mal zu einem Betablocker greifen kann. Aber man darf nie die Nebenwirkungen unterschätzen, oft führen die zu einer Einschränkung der Konzentrationsfähigkeit. 

Was könnte beim Instrumentenbau getan und verbessert werden, damit es zu weniger gesundheitlichen Beschwerden kommt?

Lahme: Ich bin da eher sehr konservativ. Gerade wenn man als Beispiel die Violine nimmt: ein herrlicher Klang, eine wunderbar ästhetische Form! Es gab ja immer wieder Versuche, Instrumente umzubauen und zu verbessern. Ich meine dagegen: Lassen wir die Instrumente so, wie sie sind, wir können aber im Bereich Ergonomie am Instrument - was im Handel unter dem Begriff Instrumentenzubehör läuft - gute, individuell anpassbare Lösungen finden. Doch ein ergonomisches Hilfsmittel kann und darf nie ein gutes Körperbewusstsein ersetzen!

Mit ordentlichem Instrumentenzubehör ließe sich wohl auch der "Geigerfleck" verhindern.

Lahme: Früher hieß es ja: Nur ein Geiger, der viel übt, hat einen Geigerfleck. Wer also keinen Geigerfleck hat, ist faul! Ein Geigerfleck ist nichts anderes als eine einseitige Druckbelastung im Kinn-Hals-Bereich durch den Kinnhalter, es kann zu Pigmentstörungen kommen, zu Entzündungen, ja zu akneartigen Veränderungen, die unter Umständen gar operativ behandelt werden müssen. Diesem Leiden kann man mit einer Kiefer-Winkel-Stütze vorbeugen, wie wir sie selbst entwickelt haben: Sie wird nach Maß und Abdruck individuell angepasst.

Was sagen Sie zum Arbeitsplatz Orchestergraben? Begünstigt er auch Beschwerden?

Lahme: Hier hat sich in den letzten Jahren einiges getan: Bei der Orchesterbestuhlung wird inzwischen sehr viel an Ergonomie gedacht. Ein Problem bleibt: In vielen Opernhäusern ist der Orchestergraben zu klein, es herrscht eine derartige Raumenge, dass sich die Musiker nicht frei bewegen können, und oft ist die Beleuchtung zudem miserabel. In kleinen Räumen dürfen im Grunde keine Opernaufführungen gemacht werden, die für größere Räume komponiert und entsprechend instrumentiert sind!

Literaturtipp: Dr. Albrecht Lahme hat auch zwei Bücher zu dem Thema Musikermedizin geschrieben: "Berufsbedingte Erkrankungen bei Musikern" und "Musikinstrument und Körperhaltung", beide erschienen im Springer Verlag, Heidelberg.

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