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Innere Medizin 8. Juli 2005

Musikerhand: Ein Fall für Orthopäden

Er war Schüler beim ersten Flötisten der Wiener Symphoniker und wäre fast selbst Berufsmusiker geworden, doch nach zwei missglückten Probespielen entschied er sich doch für ein sicheres Standbein und studierte Medizin. Dr. Martin Donner, Facharzt für Orthopädie in Wien, ist indes der Musik treu geblieben und leitet heute unter anderem das Kammermusikensemble "Kontraste". Wir fragten ihn nach der "Musikerhand".
Man sagt, dass die Kulturleistungen des Menschen vor allem auf die besonderen Fertigkeiten seiner Hand zurückzuführen sind.
Donner: Die Hand ist, so könnte man sagen, ein Leitorgan der menschlichen Existenz. Schon das Wort "begreifen" deutet darauf hin, dass hier ein Zusammenhang besteht mit der zerebralen Leistung, die der Mensch erbringt. Wenn er etwas begreift, "kapiert" er - mit dem caput.

Welche Bedeutung hat die Hand in der Musik?

Donner: Die Hand ist in der Musik eine conditio sine qua non. Es gibt kaum ein Musikinstrument, das ohne Hände spielbar wäre, wenn man vielleicht vom Alphorn der schweizerischen Senner absieht, das unter Umständen auch mit den Armen gehalten werden kann.

Nun weisen die Hände, was Größe oder Spannweite betrifft, eine relativ hohe Variationsbreite bei den Menschen auf.

Donner: Wer extrem kurze Finger hat oder bei wem der fünfte Finger, aus welchen Gründen auch immer, sehr kurz geblieben ist, sollte sich nicht gerade für das Klavierspiel entscheiden, weil das Erreichen der Oktaven ihm Schwierigkeiten machen wird. Wer eine besonders kräftige Hand hat, dem ist eher von der Geige abzuraten, da die ein besonders feinfühliges Spiel erfordert. Die Schwierigkeit ist nur: Wie weiß man, ob eine Sechsjährige, die mit dem Klavierspiel beginnt, zehn Jahre später die optimale Hand haben wird? Das ist ein Würfelspiel. Das kann ich nicht wirklich prognostizieren. Ich kann allenfalls das Wachstum anhand bestimmter Tafeln vorhersagen, doch die Wachstumszonen lassen sich nicht 1:1 auf die Hand übertragen.

Im Instrumentalunterricht lernt der Schüler vor allem die Beweglichkeit seiner Finger zu verbessern.

Donner: Technik lernen ist erfahrungsgemäß die unangenehmste Phase im Unterricht. Sie beginnt im dritten, vielleicht schon zweiten Lernjahr - nach dem Glücksgefühl, mit dem neuen Instrument nun Melodien spielen zu können. Aber wer diese erste Technik-Phase durchtaucht, die vielleicht zwei, drei Jahre intensives Üben bedeutet, dem öffnet sich ein weites Feld.

Der Musikphysiologe Prof. Dr. Christoph Wagner weist darauf hin, dass von der Musikerhand Fertigkeiten verlangt werden, die auf ihre ursprüngliche Natur und Aufgabe kaum Rücksicht nehmen. So muss etwa die linke Hand die gleiche Geschicklichkeit aufweisen wie die rechte, die normalerweise führende Hand.

Donner: Wenn ich an mein eigenes Instrument denke, die Flöte, so hat hier die linke Hand sogar wesentlich kompliziertere Bewegungen auszuführen als die rechte Hand - Gabelgriffe mit allen nur erdenklichen Fingerkombinationen. Beim Klavier sind beide Hände in gleicher Weise gefordert.

Weiters sagt Wagner, dass die Finger beim Instrumentalspiel so weit wie möglich voneinander isoliert und als eigenständige Organe eingesetzt werden.

Donner: Beim Holzblasinstrument muss ich ein, zwei oder drei Finger gleichzeitig drücken, um einen Ton zu erzeugen. In der Tat wird von allen Fingern dieselbe Schnelligkeit, Elastizität und Kraft verlangt.

Mit welchen Hand-Beschwerden sind Musiker vor allem konfrontiert?

Donner: Die häufigste Erkrankung ist sicherlich die Sehnenscheidenentzündung, die aber in den meisten Fällen reversibel ist und kein Dauerhandicap bedeutet. Doch die Hand darf man nicht isoliert betrachten. Zu ihrer Funktion müssen beispielsweise auch die Hebe- und Haltemuskeln der Arme Arbeit verrichten. Auch die Halswirbelsäule müssen wir hier mit einbeziehen. Bei den meisten Musikern weist sie schon in jungen eine deutliche Fehlstellung auf - ein Phänomen, das uns Orthopäden besonders beunruhigt. Es gibt heute kaum noch eine Geiger-Halswirbelsäule, die normal wäre. Die Halswirbelsäulenmuskulatur ist ständig überdehnt und überfordert, was zu Durchblutungsdefiziten in diesem Bereich führt. In der Folge kann es zur Irritation der Nerven kommen, die von der Halswirbelsäule in die Hand führen. Dadurch sind Missempfindungen in der Hand möglich, im Extremfall gar eine motorische Schwäche.

Eine andere Ursache für Missempfindungen in der Hand kann auch das so genannte Karpaltunnelsyndrom sein.

Donner: Dieses Leiden treffen wir öfters bei Musikern an. Der Nervus medianus wird in diesem Fall durch das quer gespannte Handband oder durch andere Veränderungen in seiner unmittelbaren Nachbarschaft einem Druck ausgesetzt. Das Karpaltunnelsyndrom äußert sich in einer gewisssen Damstigkeit und in Gefühlsveränderung vor allem in den Fingern 1 bis 3.
Sind die Finger 4 und 5 betroffen, liegt in der Regel ein Ulnaris-Syndrom vor, häufig dadurch verursacht, dass der Nervus ulnaris eine mechanische Irritation im Bereich einer Rinne (sulcus ulnaris) an der Innenseite des Ellenbogens, dem so genannten "narrischen" Bein, erfährt.
Manche Ärzte sagen, es gebe nichts Einfacheres als ein Karpaltunnelsyndrom zu operieren. Tatsächlich genügt da ein kleines Schnittchen, schon die Öffnung dieses Tunnels führt bereits zu einer Entlastung. Allerdings haben wir es hier mit einem Gebiet zu tun, das ganz verschiedene Organe auf sehr engem Raum vereint. Auf diese Strukturen kann durch eine postoperative Narbenbildung leicht Zug ausgeübt werden. Deshalb sollten erst alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft werden, bevor man da hineinschneidet.
Operative Eingriffe haben immer ein gewisses Risiko - nichts in der Medizin ist hundertprozentig! Kann der Musiker nach der Operation seine Finger gar noch schlechter bewegen als vorher, stehe ich mit einem Fuß in der Schadenersatzklage und der Patient mit dem anderen Fuß in der Berufsunfähigkeit.

Eine Operation ist also auch nicht gleich bei einem "Schnellenden Finger" indiziert?

Donner: Nein, hier liegt eine Verdickung der Sehnenscheide an bestimmten Stellen vor, die dazu führt, dass der Finger nicht ohne Schmerzen gebeugt bzw. gestreckt werden kann. Infolge der Engstelle wird der Widerstand mit einem Ruck überwunden - der Finger schnellt beim Strecken geradewegs nach vorne. Das ist ein Phänomen, das bei Musikern nicht so häufig vorkommt, es ist auch relativ leicht mit Injektionen therapierbar.

Wie sieht es mit der Belastung der Gelenke aus?

Donner: Das rechte Daumengrundgelenk ist gerade bei Klarinette- und Oboe-Spielern stark belastet, weil sie mit dem Daumen das gesamte Instrument halten müssen. Im Daumensattelgelenk kann es aufgrund langjähriger Belastung zu arthrotischen Veränderungen kommen, zur so genannten Rhizarthrose, die manchen Musikern so arge Beschwerden macht, dass sie sogar berufsunfähig werden. Mit Schmerzen und Unlustgefühlen Musik machen zu müssen, ist für den Berufsmusiker etwas besonders Unangenehmes.

Bedeutet Hornhaut auf den Händen auch ein Problem für Musiker?

Donner: Hornhaut kann dann ein Problem sein, wenn sie die Gefühlsintensität beeinträchtigt, wenn also beispielsweise dem Geiger beim Pizzicato die Rückmeldung fehlt, wie stark er die Saiten zupft. Beim Bläser stellt sich das Problem nicht so sehr, weil die Klappe ja nicht dosisabhängig ist.

Wenzel Müller, Ärzte Woche 38/2001

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