zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 18. Oktober 2005

Komplementärmedizin bringt Vorteile (Teil 13)

Häufig müssen sich Tumorkranke ihre komplementärmedizinischen Präparate selbst zahlen – im Erstattungskodex wurden sie in die No-Box verbannt. „Ich glaube allerdings, dass diese Situation nur von passagerer Gültigkeit sein kann. In Deutschland musste eine vergleichbare Regelung auf Druck der Interessensverbände revidiert werden“, meint Prof. Dr. Leo Auerbach, AKH Wien.

Im Interview spricht Prof. Dr. Leo Auerbach, Gynäkologe und Leiter der AKH-Ambulanz für komplementäre Medizin, über die Sinnhaftigkeit von Komplementärmedizin als Begleittherapie bei Krebs, ihre Abgrenzung zur Alternativmedizin und die notwendige Zusammenarbeit zwischen niedergelassenen Allgemeinmedizinern und klinischen Onkologen.

Warum ist die Differenzierung zwischen Komplementärmedizin und Alternativmedizin so wichtig?
Auerbach: Alternativmedizin bedeutet, dass anstatt der Schulmedizin irgendein anderes Verfahren oder eine andere derzeit wissenschaftlich unüberprüfte Therapie eingesetzt wird. Komplementär heißt begleitend, ergänzend zur Schulmedizin angewendet. Die Unterscheidung ist deshalb wichtig, weil sich die Komplementärmediziner als eine Gruppe von Ärztinnen und Ärzten verstehen, die anerkennen, dass die klinische Schulmedizin relevant ist und sinnvoll angewendet werden kann, und dass die Komplementärmedizin eine sinnvolle Ergänzung zur klinischen Krebsbehandlung ist.

Welche Möglichkeiten bietet die Komplementärmedizin in der Onkologie?
Auerbach: Hier gibt es zwei wichtige Zugänge: Erstens geht es hier darum, dass die Patienten ihre Therapie aktiv mitgestalten wollen. Sie wollen etwas zu ihrer Gesundung beitragen. Und zweitens kommt natürlich dazu, dass die Angst vor den Nebenwirkungen der Chemotherapie und der Bestrahlung sehr groß ist und diese mit komplementärmedizinischen Maßnahmen effektiv gelindert werden können.

Welchen Stellenwert hat die Komplementärmedizin im Palliativbereich?
Auerbach: Sie besitzt hier einen sehr großen Stellenwert. Die Palliativbetreuung war ja ursprünglich auch die Domäne der Komplementärmedizin. Ob diese Therapien in der palliativen Phase eine Lebens­verlängerung der Patienten bringen, ist bis heute nicht eindeutig erwiesen. Mit Sicherheit bringen sie eine Verbesserung der Lebensqualität.

Wie kam es zur Verbindung von Schul- und Komplementärmedizin in der Onkologie?
Auerbach: Die Komplementärmedizin ist natürlich Bestandteil der klinisch-wissenschaftlichen Medizin. Sie ist ja nicht vor ein paar Jahren plötzlich aufgetaucht, sondern war lange vor unserer heutigen klinischen Medizin da. Sie wurde dann allerdings nach dem Zweiten Weltkrieg und vor allem in den 60er- und 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts von den bedeutenden wissenschaftlichen Leistungen der modernen Medizin verdrängt. Mit den Errungenschaften blieb damals allerdings oft die Lebensqualität der onkologischen Patienten auf der Strecke. Häufig ging es nur noch darum, das Leben um jeden Preis zu verlängern, auch wenn es nur wenige Tage oder Wochen waren. Damals begann die große Zeit der Alternativmediziner. Sie haben den oft verzweifelten Patienten erklärt: Lasst die Schulmedizin sein, das schadet nur, kommt zu mir, ich zeige euch einen anderen Weg. In dieser Phase der Konfrontation zwischen alternativen Heilungsversuchen und Schulmedizin gab es weltweit eine Gruppe von Ärzten, die gemeint haben: Man nehme doch aus beiden Welten das Beste und versuche einen Synergismus zu schaffen.

Was hat Sie dazu bewegt, die Ambulanz für Komplementärmedizin im AKH zu gründen?
Auerbach: Als ich 1995 auf einer Krebsstation im AKH arbeitete, kamen immer wieder Anfragen von Patienten, wie: „Was kann ich zusätzlich für meine Gesundheit tun?“ Wir hatten dazu wenig Information anzubieten. Nicht selten sind die Patienten zum Alternativmediziner gegangen, weil sie eben von der Schulmedizin keine Antworten erhalten haben. Das hat mich dazu gebracht zu sagen: Wir erforschen die Komplementärmedizin. Also gründeten wir 1995/96 eine Ambulanz im Zentrum der Schulmedizin, im AKH Wien. Im Mittelpunkt standen dabei von Anfang an vier Richtlinien:

  1. Systematisches Sammeln und kritische Durchsicht wissenschaftlicher Publikationen und empirischer Informationen zum Thema Komplementärmedizin;
  2. Beratung der Patienten und Abgrenzung von Dingen, die wir nicht evaluieren können; Infor-mationen und Ausbildung für Kollegen;
  3. Aufzeigen der Sinnhaftigkeit einer Zusammenarbeit zwischen Schul- und Komplementärmedizin in der Onkologie;
  4. Initiierung und Durchführung wissenschaftlich anerkannter Studien, um Wirksamkeit und Verlässlichkeit komplementärer Methoden zu erforschen.

Diese Haltung hat dazu geführt, dass die Ambulanz von allem Anfang an gut angenommen wurde, sowohl von den Patienten als auch von den niedergelassenen Kollegen und Onkologen.

Welche komplementärmedizinischen Verfahren bietet die Ambulanz an?
Auerbach: Unser kleinster gemeinsamer Nenner ist das Sechssäulenmodell (Kasten). Dazu gehören Psychoonkologie und psychologische Begleitung ebenso wie Ernährungsfragen, Fragen der Bewegung und des Trainings. Es folgen Ansätze aus der chinesischen Medizin, Kräuter, Qi Gong und Akupunktur. Dazu kommt die große Gruppe der Antioxidantien, Vitamine, Selen, Spurenelemente, die besonders wichtig sind und auch das Immunsystem stärken, und in letzter Konsequenz natürlich auch die immunmodulierenden Therapien, wie die Enzymtherapie und die Misteltherapie. Wir sehen uns in der Ambulanz primär als Initiator der Therapien. Wir beraten die Leute. Die Patienten gehen nach der Beratung zurück zu ihrem Hausarzt und anderen niedergelassenen Kollegen, die die Therapie dann durchführen.

Welche Rolle spielt der Hausarzt in diesem Therapiebereich?
Auerbach: Der praktische Arzt ist ein wichtiger Partner der Ambulanz. Es kommen ja auch die Patienten vom praktischen Arzt, um sich eine Therapieempfehlung zu holen, und gehen wieder zu ihm zurück. Und hier gilt das Gleiche wie bei den zuweisenden Onkologen. Sie können sich darauf verlassen, dass ihre Patienten nach der Beratung wieder zu ihnen zurückkommen und eine Therapie ohne Wissen der behandelnden Onkologen nicht durchgeführt wird. Wir wollen optimal beraten, die Therapie kann selbstverständlich der behandelnde niedergelassene Arzt durchführen. Eine Partnerschaft sowohl mit den niedergelassenen Praktikern als auch mit den Onkologen ist dabei natürlich essenziell.

Welche Möglichkeiten hat ein niedergelassener Praktiker, der sich noch nicht intensiv mit Komplementärmedizin befasst hat, wenn ein Patient mit einer Therapieempfehlung von Ihrer Ambulanz kommt?
Auerbach: Er kann sich mit uns in Verbindung setzen, am besten über E-mail. Wir beraten sehr gerne auch die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen. Nach Möglichkeit und Anfrage laden wir immer wieder Kollegen aus ganz Österreich zu einem Informationstag in unsere Ambulanz ein. Aber auch die Firmen, die komplementärmedizinische Therapeutika im Programm haben, bieten umfangreiche Hilfestellungen an.

Wie gestaltet sich die Kostensituation im komplementärmedizinischen Bereich?
Auerbach: Wir müssen uns natürlich die Frage stellen: Was bringt die Komplementärmedizin? Der Patient fühlt sich besser, er braucht dadurch weniger klinische Supportiva. Insgesamt ist die komplementäre Medizin billiger als viele Begleittherapeutika. Der Einsatz komplementärmedizinischer Maßnahmen ist also auch wirtschaftlich interessant. Die Kostensituation ist momentan schwierig, weil alle komplementärmedizinischen Therapeutika im neuen Erstattungskodex in der No-Box gelandet sind und für neu erkrankte Patienten meist nicht mehr erstattet werden. Das ist für unsere schwerkranken Patienten natürlich eine unhaltbare Situation. Ich glaube allerdings, dass die Entscheidung, die komplementären Therapien in die No-Box zu verlegen, nur eine passagere Entscheidung sein kann. In Deutschland war das auch eine Weile so, musste dann allerdings auf Druck der Interessensverbände, etwa der Krebsliga, revidiert werden. Im Interesse aller betroffenen Krebskranken hoffe und rechne ich damit eigentlich auch in Österreich.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 9/2005

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben