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Innere Medizin 18. Oktober 2005

Chronobiologie in der Onkologie (Teil 12)

Jeder Mensch hat eigene, mittlerweile sogar messbare Rhythmen. Liegt eine Krankheit vor, werden diese abgeschwächt oder verändert. Dieses Prinzip macht sich die Chronomedizin diagnostisch zu Nutze. In der Krebstherapie kann die Chronobiologie die Lebensqualität der PatientInnen verbessern und Chemotherapie-bedingte Nebenwirkungen reduzieren.

Der Physiologe und Chronobiologe Prof. Dr. Max Moser, Leiter des Instituts für nichtinvasive Diagnostik am Grazer Joanneum Research, erläutert im Interview mit der ÄRZTE WOCHE die Möglichkeiten der Chronobiologie für das Gebiet Onkologie.

Was bedeutet der Begriff Chronomedizin?
Moser: Die Aufgabe der Chronomedizin ist es, aus den Rhythmen, die im Körper vorkommen, diagnostische Rückschlüsse und therapeutische Konsequenzen zu ziehen. Unser Organismus schwingt in einem komplexen System von Rhythmen. Die Rhythmen wirken agonistisch und antagonistisch zusammen und gegeneinander. Ihre Hauptfunktion ist es, eine zeitliche Ordnung in den Organismus zu bringen und die Körperfunktion zu synchronisieren.

Welche Bedeutung hat die Chronobiologie beziehungsweise Chronomedizin für den kranken Menschen?
Moser: Aus den Rückschlüssen, die wir aus gestörten Körperrhythmen ziehen können, ist in einem sehr frühen Krankheitsstadium eine Chronodiagnostik möglich. Ist beispielsweise der basale Ruhe- und Aktivitätszyklus verschwunden, der in der Nacht im eineinhalbstündigen Rhythmus die Schlafphasen moduliert, ist das ein Zeichen von gestörter Erholung. Ein anderes Beispiel ist die Messung der Herzfrequenzvariabilität: Verschwindet die respiratorische Sinusarrhythmie aus dem Ruhepuls, dann ist dies ein Indikator für einen reduzierten Vagustonus – ein ungünstiger Prognosefaktor nach einem Myokardinfarkt. Bei Diabetikern kann auch eine periphere Neuropathie dahinter stehen.

Welcher Zusammenhang besteht zwischen Körperrhythmus und Krebsentstehung?
Moser: Neue epidemiologische Studien zeigen, dass eine Störung der Tagesrhythmik, wie sie beim Jetlag oder durch Nacht- und Schichtarbeit erfolgt, die Entstehung von Krebserkrankungen fördern kann. Beispielsweise erhöht sich das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, für Frauen nach etwa siebenjähriger Tätigkeit in der Nachtschicht um etwa 70 Prozent. Eine Untersuchung an Mäusen, die 2003 in der renommierten Zeitschrift „Cell“ publiziert wurde, konnte zeigen, dass die 24-Stundenrhythmik bei diesen Tieren durch die Entfernung eines Rhythmusgens, des Per 2-Gens, verschwindet. Es zeigte sich, dass die rhythmuslosen Mäuse zu 100 Prozent Krebs entwickelten. Dieser Prozess konnte mit einer geringen Gamma-Strahlungsdosis dramatisch beschleunigt werden, in der Vergleichsgruppe mit intakten Rhythmusgenen geschah dies nicht. Eine intermittierende Störung der Körperrhythmik allein führt also wahrscheinlich noch nicht zu einer Krebserkrankung, triggert diese aber, wenn ein oder mehrere weitere Risikofaktoren dazu kommen.

In welcher Form kann die Chronodiagnostik für die Diagnose von Krebserkrankungen eingesetzt werden?
Moser: Derzeit wird an einer Anwendung zur Frühdiagnostik von Brustkrebs gearbeitet. Ein neues Gerät aus den USA misst die Körpertemperatur im Tagesverlauf permanent an 16 Stellen der Brust. Aus den Veränderungen der Rhythmik kann dann nicht nur die befallene Seite, sondern sogar ein bestimmter Quadrant angegeben werden, in dem ein möglicher Tumor sitzt. Das Gerät befindet sich derzeit in der Testphase, die ersten Ergebnisse sind vielversprechend.

In welcher Form wird die Chronomedizin in der Krebstherapie Eingang finden?
Moser: Chronomedizinische Maßnahmen werden in der Onkologie wahrscheinlich in Zukunft Teil des Therapiespektrums sein, etwa um die Erholungsfähigkeit der Erkrankten zu verbessern und um die Organe des Organismus wieder besser in Einklang miteinander zu bringen. Im Mittelpunkt steht dabei sicher die Lebensqualität, aber auch die Funktion des Immunsystems. In der Chemotherapie ist mittlerweile auch bekannt, dass durch den Zeitpunkt der Medikamentengabe die Nebenwirkungen stark reduziert und die Wirkungen verstärkt werden können. Da gibt es inzwischen schon eine ganze Reihe von Untersuchungen, die zeigen, dass eine Gabe am Morgen eine völlig andere Wirkung hat als dieselbe Dosis am Abend. Das therapeutische Regime zielt dabei vor allem auf eine Verringerung der Nebenwirkungen, aber auch auf die Vulnerabilität der Krebszelle, die zu anderen Tageszeiten aktiv ist als die gesunden Zellen. Soweit mir bekannt ist, laufen erste diesbezügliche Versuche in Österreich im Wiener Donauspital.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 8/2005

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