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Innere Medizin 4. Juli 2005

Impfkomplikationen – Wie häufig ist Anaphylaxie?

Allergien, Autismus, Multiple Sklerose oder sogar der plötzliche Kindstod werden immer wieder als Impfkomplikationen diskutiert. Wissenschaftliche Belege dafür gibt es nicht. Trotzdem sind Impfungen nicht ganz ohne Risiken, aber nur in sehr seltenen Fällen kommt es zu schweren Komplikationen.

Angeblich impfinduzierte Krankheiten gehören zu den Hot Topics in den Medien. Mit der Folge, dass verunsicherte Eltern auf sinnvolle und notwendige Impfungen wegen vermeintlicher Risiken verzichten, so Prof. A. Helbing, Leitender Arzt der Klinik für Rheumatologie und klinische Immunologie/Allergologie des Inselspitals Bern. Dabei sind die Nebenwirkungen der Impfungen nach seinen Worten meist harmlose und vorübergehende Erscheinungen wie Rötungen, Schwellungen, Fieber und Befindlichkeitsstörungen.

Atopie ist keine ­Kontraindikation

Zu den Erkrankungen, die immer wieder als vermeintliche Impfkomplikationen diskutiert werden, gehören atopische Erkrankungen, Autismus, Multiple Sklerose und plötzlicher Kindstod. Doch für keinen dieser Zusammenhänge gibt es laut Helbling wissenschaftliche oder klinische Evidenz. Deshalb ist auch die Atopie keine Kontraindikation für irgendeine Impfung. „Kinder und Erwachsene mit einer atopischen Erkrankung sollten genauso geimpft werden wie gesunde Personen“, so Helbling. Die Häufigkeit impfbezogener Nebenwirkungen ist sehr gering und liegt beim Erwachsenen bei zirka zehn Ereignissen pro 100.000 Impfdosen, bei Kindern ist die Rate doppelt so hoch. Bei den Impfnebenwirkungen sind Unverträglichkeitsreaktionen, die unmittelbar nach der Impfung auftreten, von jenen zu unterscheiden, die sich erst verspätet manifestieren.

Urtikaria: Häufigste allergische Reaktion

Die häufigste allergische Reaktion ist die Urtikaria. Zu den verzögerten Reaktionen, die bis zu zwei Tage nach der Impfung auftreten können, gehören Vesikel und Pusteln, meist am Arm, und in ganz seltenen Fällen das Erythema exsudativum multiforme mit eventueller Schleimhautbeteiligung (Stevens-Johnsen-Syndrom). Zu den Impfungen, die eine stärkere Lokalreaktion auslösen können, gehören Pneumokokken-, Pertussis-, Influenza-, Diphtherie-, Tetanus- und Hepatitis-B-Impfung. Das Auftreten einer anaphylaktischen Reaktion ist eine äußerst seltene Komplikation. Sie beträgt einen Fall auf zwei Millionen Impfdosen. Bei einer allergischen Impfkomplikation muss die Ursache nicht immer in dem Vakzin selbst liegen. Auch Proteine der Kulturmedien oder Hilfsstoffe können diese Reaktionen auslösen.

Vorsicht bei Hühnerei-Allergie

Die meisten Hühnerei-allergischen Patienten können heute problemlos geimpft werden, es sei denn, es handelt sich um eine schwere Form, so Helbling. In solchen Fällen müsse man bei der Influenza- und der Gelbfieberimpfung vorsichtig sein, da bei diesen Impfstoffen der Gehalt an Hühnereiprotein relativ hoch ist.

Abklärung mit Prick-Test

Im Zweifelsfall sollte zunächst eine Abklärung mit dem Prick-Test erfolgen. Bei negativem Testausfall gilt eine Hühnerei-Allergie als ausgeschlossen, sodass eine volle Impfdosis möglich ist. Bei einem positiven Ergebnis sollte zunächst ein Prick-Test mit dem nativen Impfstoff durchgeführt werden. Bei fehlender Reaktion spricht nichts gegen eine Impfung in normaler Dosis. Bei positivem Testausfall muss die Indikation für die Impfung sehr kritisch gestellt werden. Sollte eine zwingende Impf­indikation bestehen, muss der Impfstoff auf 1:10 verdünnt werden. In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass die Inzidenz der Anaphylaxie bei Gelatine enthaltenden Impfstoffen häufiger ist. Allerdings ist Gelatine nur dann ein Allergen, wenn es an Aluminium gebunden ist. T-Zell-vermittelte allergische Impfreaktionen sind beschrieben, wenn als Hilfsstoffe Neomycin oder Thiomesal beigefügt sind. Deshalb dürfte Thiomesal in den nächsten Jahren komplett aus Impfstoffen verschwinden. Aus Frankreich wurden einzelne Fälle berichtet, wo nach einer Hepatitis- bzw. Tetanusimpfung eine allgemeine Muskelschwäche (makrophagische Myofaszitis) aufgetreten war. Als Ursache diskutiert man eine Immunreaktion gegen Aluminiumhydroxid, das dem Impfstoff als Wirkungsverstärker zugesetzt ist. Ein kausaler Zusammenhang ist aber bisher nicht bewiesen.

Quelle: Vortrag im Rahmen der Davoser Ärztetage am 17. Februar 2005.

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