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Innere Medizin 4. Juli 2005

Homöopathie und Evidenz-basierte Medizin

Auch wenn bei komplementärmedizinischen Verfahren die Individualität der PatientInnen im Mittelpunkt steht, so wurden doch etliche randomisierte, placebokontrollierte Studien durchgeführt, beispielsweise zur Wirkung der Homöopathie.

Vor 250 Jahren wurde Samuel Hahnemann, der Begründer der Homöopathie, in Meißen geboren. Aus diesem Anlass fand Ende März am Wiener Institut für Geschichte der Medizin die Expertentagung „Homöopathie in Österreich“ statt. Prof. Dr. Michael Frass, Leiter des Ludwig Boltzmann-Instituts für Homöopathie sowie der Spezialambulanz „Homöopathie bei malignen Erkrankungen“ an der Klinik für Innere Medizin I der Medizinischen Universität Wien, beschäftigte sich dabei mit dem Thema „Homöopathie zwischen Evidence-based-Medicine und Praxis“.

Integration von individueller klinischer Expertise

Frass gab zunächst einen kurzen Überblick zur Evidenz-basierten Medizin und zitierte die bekannte Definition von Sackett (BMJ 1996): „Evidenz-basierte Medizin ist der gewissenhafte, ausdrückliche und vernünftige Gebrauch der gegenwärtig besten externen, wissenschaftlichen Evidenz für Entscheidungen in der medizinischen Versorgung individueller Patienten. Die Praxis der Evidenz-basierten Medizin bedeutet die Integration individueller klinischer Expertise mit der bestverfügbaren externen Evidenz aus systematischer Forschung.“ Laut Frass wurde eine der ersten kontrollierten klinischen Studien vor mehr als 250 Jahren in Großbritannien durchgeführt, als James Lind Skorbut-Patienten mit Orangen und Zitronen behandelte. Im deutschsprachigen Bereich habe sich Ignaz Semmelweis große Verdienste um die systematische klinische Beobachtung erworben.

Überschätzte Placebo-Wirkung

Generell habe es in den letzten Jahrzehnten einen Paradigmenwechsel von der persönlichen Meinung hin zur überprüfbaren Evidenz und von der Eminenz- zur Evidenz-basierten Medizin gegeben, so Frass. Für die Evidenz-basierte Medizin sind prospektive randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte, multizentrische Studien von großer Bedeutung. Frass: „Allerdings kann es auch bei diesem Studientyp diverse Probleme geben, wie zu geringe Teilnehmerzahl, Nicht-Gewährleistung der Verblindung, spontane Besserung, etc.“ In der Komplementärmedizin und insbesondere in der Homöopathie stehe die Individualität der PatientInnen und nicht die Erkrankung im Mittelpunkt, so Frass. Randomisierung und Verblindung sind daher häufig nur schwer möglich. Nichtsdestotrotz gibt es aber zahlreiche in renommierten Zeitschriften publizierte Studien mit entsprechendem Design (randomisiert, doppelblind, placebokontrolliert).
Als Beispiel nannte Frass Arbeiten von Jacobs über die Wirksamkeit der Homöopathie bei kindlicher Diarrhoe (1994 in „Pediatrics“ publiziert) oder von Reilly über den Nutzen bei Heuschnupfen (Lancet 1989 und 1994). Auch in mehreren Metaanalysen zeigte sich eine Überlegenheit der Homöopathie gegenüber Placebo. Frass: „Übrigens wurde früher die Wirkung von Placebos überschätzt. Neuere Übersichtsarbeiten von ­Hrobjartsson vom Nordic Cochrane Center belegen jedoch, dass es praktisch keinen Unterschied zwischen Placeboverabreichung und Nichtstun gibt.“ Wie Doz. Dr. Max Haidvogl, früherer Leiter des Ludwig Boltzmann-Instituts für Homöopathie, betonte, sei es allerdings nach wie vor sehr schwierig, Artikel über die Wirksamkeit homöopathischer Medikamente in „Top-Journals“ zu publizieren. Am ehesten gelinge es, wenn sich keine Effekte zeigten. Hinzu komme, dass es kaum Gelder für entsprechende Forschung gebe.

Kritisiertes ­Verdünnungsprinzip

Stein des Anstoßes für die meisten Kritiker der Homöopathie ist wohl vor allem das Verdünnungsprinzip (Potenzierung). „Allerdings ist die Potenzierung nicht das zentrale Gesetz der Homöopathie“, so Frass. Zudem gibt es sehr wohl neuere Arbeiten, die mögliche Erklärungen dafür liefern, warum Arzneimittel auch in sehr niedrigen Konzentrationen wirken. So fanden Forscher des südkoreanischen Kwangju Institute of ­Science and Technology heraus, dass Molekülcluster umso größer wurden, je höher die Verdünnung war (Chemical Communications 2001). Und der Chemiker Prof. Dr. Louis Rey (ehemaliger Forschungsdirektor bei Nestle) konnte auch in stark verdünnten Salzlösungen (homöopathische Hochpotenzen) Effekte auf das Thermolumineszenz-Verhalten von Deuterium nachweisen (Physica A 2003). Dazu Dr. Martin Peithner, Geschäftsführer der Fa. Peithner, die Homöopathika herstellt, resignativ: „Mittlerweile glaube ich eigentlich nicht mehr, dass Studien der Homöopathie etwas bringen. Solange klinische Pharmakologen einen Glaubenskrieg gegen die Homöopathie führen, wird es zu keiner Anerkennung etwa durch den Obersten Sanitätsrat kommen.“

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