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Innere Medizin 4. Juli 2005

Fokus auf Risikogruppen wird forciert

Diabetes mellitus bedeutet nicht nur für die Betroffenen medizinische und soziale Probleme. Die Erkrankung stellt auch für das Gesundheitssystem – durch die nach wie vor ansteigende Prävalenz – eine wachsende ökonomische Herausforderung dar.

„Die Österreichische Diabetesgesellschaft hat vergangenes Jahr sicher ihren Teil dazu beigetragen, einer breiteren Öffentlichkeit die Problematik dieses Krankheitsbildes näher zu bringen“, resümiert Prof. Dr. Michael Roden vom Wiener Hanusch-Krankenhaus und amtierender Präsident der Gesellschaft (ÖDG) im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. „Schließlich haben wir es uns auch zur Aufgabe gemacht, die Risikogruppen zu identifizieren oder das Augenmerk auf die Vorstufen des Diabetes zu lenken. Durch Einrichtungen, wie die Diabetes-Internet-Plattform, wurde die dafür nötige Kooperation zwischen den Betroffenen und den Diabetes-Behandlern in wünschenswerter Weise etabliert.

Was ist in Ihrer Zwischenbilanz nach einem Jahr als Präsident der ÖDG noch von Bedeutung?

Roden: Ein Anliegen zu Beginn meiner Amtsperiode war es, in Zusammenarbeit mit dem Vorstand ein neues „Mission Statement“ der ÖDG zu formulieren und die Öffentlichkeitsarbeit voranzutreiben. Dies dürfte, Rückmeldungen von Patienten und Kollegen zur Folge, auch gelungen sein. Das Fachgebiet der Diabetologie wird mit zunehmendem Interesse wahrgenommen. So wird der Vorsorge des metabolischen Syndroms mittlerweile große Aufmerksamkeit entgegengebracht. Dies fußt nicht zuletzt in der verbesserten Präventionsaufklärung. Für uns als Gesellschaft stellt sich allerdings die Frage: Wie geht man mit den Vorstufen des Diabetes um? Nicht zuletzt stehen volkswirtschaftliche Betrachtungen im Raum, die Ökonomie zwischen präventiven Maßnahmen und Folgekosten des Diabetes betreffend.

Vor kurzem wurden von der ÖDG Leitlinien präsentiert. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?

Roden: Im Großen und Ganzen können wir stolz auf die Leitlinien sein. Erstmals in der 30-jährigen Geschichte der Österreichischen Diabetes-Gesellschaft konnten wir – durch Zusammenarbeit einer großen Zahl österreichischer Experten – diese auf den internationalen Empfehlungen basierenden Leitlinien fertig stellen. (Anm. der Red.: Siehe dazu Beiträge auf den S. 32 bis 34.) Die Zielvorgaben sollten eigentlich als bindend betrachtet werden, die Behandlung und die Art der Vorsorge als Goldstandard dienen. In Detailfragen stehen in der nächsten Zeit aber sicherlich noch Weiterentwicklungen an. In den jüngst veröffentlichten Ergebnissen der Initiative „Arznei und Vernunft – Typ-2-Diabetes“ werden auch die finanziellen Aspekte, insbesondere der Therapie des Typ-2-Diabetes, miteinbezogen.

Welche Themen, die bei der Jahrestagung 2004 präsentiert wurden, halten Sie für besonders erwähnenswert?

Roden: Ein interessantes Forschungsgebiet beleuchtet zur Zeit die Rolle des Energiestoffwechsels, auch auf (sub)zellulärer Ebene, für den Typ-2-Diabetes. So sind bei Insulinresistenz sowohl im Alter als auch bei familiärem Risiko Vorgänge in den Zellkraftwerken, den Mitochondrien, gestört. Interessant wird sein, wie eine Modifikation des Lebensstils diese Effekte beeinflussen kann. Zudem wurde auf der Tagung auf die Berührungspunkte zwischen der Diabetologie und der Nephrologie – mehrere Kollegen sind in beiden Gesellschaften tätig – eingegangen. Viele Bereiche, wie etwa die Dialyse, erfordern ein enges Miteinander. Die Zusammenarbeit ist aber als hervorragend zu werten. Auch die gemeinsamen Themen mit der Kardiologie wurden beleuchtet: So erhöht ein vorliegender Diabetes nicht nur das Risiko einer koronaren Herzerkrankung, sondern begünstigt auch die Entstehung einer Herzinsuffizienz. Besonders erfreulich war, dass 60 vorwiegend österreichische Abstracts angemeldet wurden. Das Engagement der jungen Kolleginnen und Kollegen in der Diabetesforschung ist beachtlich. Erwähnenswert ist auch ein Gastvortrag des Präsidenten der Amerikanischen Diabetes-Gesellschaft: Die Problematik des Diabetes ist in den USA ähnlich der österreichischen Situation, vor allem was die medizinischen und ökonomischen Herausforderungen einer suffizienten landesweiten Versorgung anbelangt. Allerdings verfügen die amerikanischen Kollegen mit dem seit den 70er Jahren geführten „National Register of Health“ über eine gute Datenlage. Ein österreichisches Diabetes-Register gibt es leider noch nicht.

Wird an der Erstellung eines solchen Registers gearbeitet?

Roden: Im Rahmen eines österreichweiten Diabetes-Plans, der Früherkennung und Betreuung der Patienten einheitlich regeln soll, ist ein solches Register als Basis fast unumgänglich. Bundesministerin Maria Rauch-Kallat hat nach einer Round-Table-Diskussion mit verschiedenen Vertretern des Gesundheitssystems, darunter auch der Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse, Franz Bittner, Bereitschaft angekündigt, einen solchen Plan zu fördern.

Sie hatten sich vergangenes Jahr gegen ein flächendeckendes Diabetes-Screening ausgesprochen ...

Roden: Für eine effiziente Behandlung aller Betroffenen mangelt es nach wie vor an strukturellen Ressourcen. Wir wissen nicht, was auf uns zukommt, wenn wir alle Personen mit Diabetes unkritisch screenen wollen. Dazu fehlt es vor allem – wie ich bereits am Beginn meiner Präsidentschaft gesagt habe – an erhobenen Daten. Prof. Dr. Anita Rieder vom Institut für Sozialmedizin in Wien hat nun bestätigt, dass die Datenlage in Österreich unzureichend ist und ein entsprechender Aufholbedarf besteht. Allerdings bietet die nunmehr beschlossene „Vorsorgeuntersuchung neu“ ein hervorragendes Instrument, die Risikopersonen zu identifizieren.

Welche Pläne haben Sie für das nächste Jahr?

Roden: Die Leitlinien sind etwas, auf das wir als Diabetes-Gesellschaft stolz sein dürfen. Allerdings gibt es noch eine Reihe von Themen, die damit noch nicht abgehandelt wurden: Etwa „Diabetes in der Pädiatrie“, „Ernährung und Diabetes“, „Diabetes und Geriatrie“ und der große Themenkomplex „Diabetes-Schulung“. Diese Ergänzungen werden im laufenden Jahr bearbeitet. Zudem planen wir die Veröffentlichung einer Kurzversion der Leitlinien, eines Pocketfolders, wo in Diagrammform eine rasche Orientierung möglich ist.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 23/2001

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