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Innere Medizin 4. Juli 2005

Reisemedizin: quo vadis?

Die Reisemedizin in Östereich ist den Kinderschuhen entwachsen. Wir befragten Reisemediziner DDr. Martin Haditsch, Facharzt für Hygiene, Mikrobiologie und Tropenmedizin in Linz zum neuen Status der Reisemedizin in Österreich.

Wie kann die reisemedizinische Beratung den heutigen Urlaubsansprüchen gerecht werden?

HADITSCH: Es herrscht ein ungebrochen starker Trend zu Auslandsreisen, weg vom klassischen Erholungsurlaub hin zu Bildungsreisen, Abenteuerurlauben und Kreativferien. Daher ergibt sich für die niedergelassenen Ärzte als erste Ansprechpartner die Notwendigkeit, eine individuelle Beratung anbieten zu können. Die reisemedizinische Vorsorge muss intensiviert werden, um dem Sicherheitserfordernissen der neuen Reisevarianten gerecht zu werden. Besonders die Impfcompliance ist mangelhaft, was die rechtzeitige Planung von Impfungen betrifft. Außerdem wird oftmals zu sorglos mit manchen importierten Reiseerkrankungen umgegangen: Einerseits lassen Patienten viel Zeit verstreichen, bevor der Arzt kontaktiert wird, andererseits handeln auch die Ärzte zum Teil zu spät. Historisch gesehen ist jedoch niemandem ein Vorwurf zu machen, denn die Reisemedizin ist ein noch sehr junges Fachgebiet.

An wen sollten sich die Reisewilligen in erster Linie wenden?

HADITSCH: Die zentrale Information über eine geplante Reise obliegt im Großen und Ganzen dem Reisebüro beziehungsweise dem Reiseveranstalter, dem Apotheker und dem Arzt. Die Informationsweitergabe durch die Reisebüros etwa wird vielfach vernachlässigt. Es ist ein Qualitätskriterium eines guten Reisebüros, den Kunden auch über Risken einer Reise aufzuklären, selbst wenn diese Information wider das eigene Interesse sein kann. Allzu oft wiegen die Reisebüros ihre Kunden in trügerische Sicherheit, etwa wenn das Argument verwendet wird, dass für das gewünschte Urlaubsziel "keine Impfung vorgeschrieben" sei. Denn das sagt im Prinzip nichts über die endemische Situation im jeweiligen Land aus. Bis auf wenige Ausnahmen, wie Gelbfieber oder Meningokokken-Meningitis sind weltweit keine Impfungen vorgeschrieben. Und bei diesen Impfungen geht es eher um den Kommunalschutz als um den Schutz einzlener Reisender.Wesentlich ist vielmehr zu wissen, welche vom Land selbst herausgegebenen Impfempfehlungen existieren. Nur so kann das Infektionsrisiko und notwendige Prophylaxemaßnahmen in Erfahrung gebracht werden.

Ist die Impfberatung generell zufriedenstellend?

HADITSCH: Naturgemäß sind Apotheken recht gründlich in der Impfberatung, die Ärzte müssen jedoch noch in höherem Maße sensibilisiert werden. Die Entscheidung hinsichtlich einer notwendigen Impfung basiert neben Indikation und Kontraindikation auf den speziellen Rahmenbedingungen, Dauer, Modus und Zweck der geplanten Reise. So muss die Impfindikation bei beruflichen Reisen schon allein aus arbeitsrechtlichen Gründen großzügig gestellt werden. Auch das individuelle Sicherheitsbedürfnis des Reisenden spielt eine wesentliche Rolle. Eine umfangreiche medizinische Reisevorbereitung ist in zunehmendem Maße notwendig, wenn der Trend weiter in Richtung Individualtourismus geht. Und unter ungewohnten klimatischen Bedingungen können gewisse Grundkrankheiten entgleisen. All das gehört im Vorfeld einer Reise abgeklärt.Das Bewusstsein diesbezüglich nimmt jedoch auch zu.

Wie etabliert ist die Reisemedizin in Österreich?

HADITSCH: Die Reisemedizin ist ein sehr junges Fach. Vor etwa 15 Jahren fand die erste reisemedizinische Veranstaltung unter diesem Namen statt. Und es ist beachtlich, dass sie sich in dieser kurzen Periode derart entwickeln konnte. Wir bemühen uns, die Reisemedizin österreichweit einheitlich zu gestalten und eine entsprechende Qualitätssicherung einzurichten. Regelmäßig stattfindende Konsensustreffen tragen diesem Versuch Rechnung. Verschiedenste medizinische Richtungen, die in diesem Themenbereich angesiedelt sind, von der Tropen- bis zur Flugmedizin müssen nun auf einen Nenner gebracht werden. Die Schwierigkeit liegt darin, weder Überschneidungen, noch Kompetenzstreiigkeiten zu schaffen. Das Ziel muss sein, dass das "Orchester" österreichweit ein Stück spielt.

Ist die Reisemedizin als eigenständiges Fach eine Zukunftsperspektive?

HADITSCH: Österreich wird in Bälde als erstes Land der Welt einen reisemedizinischen Di- plomausbildungskurs für Ärzte im niedergelassenen Bereich anbieten. Schließlich stellen die niedergelassenen Kollegen die erste Ansprechstelle für die Reisewilligen dar. Die Ärzte können sich nach diesem Kurs als "diplomierte Reisemediziner" deklarieren und dementsprechend ihre Qualifikationen für den Kunden vermarkten. Es muss den Leuten klar sein, dass derartige medizinische Sonderleistungen auch etwas kosten.

Welche Qualifikationen wird ein Absolvent eines derartigen Ausbildungskurses erwerben?

HADITSCH: Im Diplomkurs zum Reisemediziner wollen wir keine "Schmalspur"-Hygieniker und Tropenmediziner ausbilden. Vielmehr sollten die Absolventen in Fragen der Reisemedizin sensibilisiert sein. Das Wissen um die potenziellen Gefahren importierter Tropenerkrankungen und das Organisieren weiterer Untersuchungen sind wesentliche Ausbildungsziele. Schließlich vertraut sich der Patient nun einem "diplomierten Reisemediziner" an. Zurzeit wird der Diplomausbildungskurs mit der österreichischen Ärztekammer ausgehandelt. Und befindet sich in Detailfragen noch in Ausarbeitung. Es gibt nämlich seit kurzem auch ein Zertifikat der "International Society of Travel Medicine". Dieses bildet inhaltlich die Grundlage für die verschiedenen Module des österreichischen Diplomausbildungskurses, sodass vom vermittelten Wissen her auch die Prüfung für das internationale Zertifikat erfolgreich absolviert werden kann.

Welche Zukunftsperspektiven gibt es auf dem Gebiet der Reisemedizin?

HADITSCH: In Zukunft werden die elektronischen Medien wesentlich zur Informationsweitergabe in reisemedizinischen Belangen dienen. So ist mittlerweile der zuverlässigste Kommunikationsort zwischen Ländern der dritten Welt und Zentraleuropa das "Internetcafe?, und das viel zuverlässiger als etwa ein Mobiltelefon. Auch der Einsatz einer Web-Cam für bestimmte Bereiche ist zu erwägen. Die Entwicklung neuer Impfstoffe, Prophylaktika, Repellentien oder medizinische Neuerungen stellen nur einen Teil zukünftiger reisemedizinischer Perspektiven dar. Ein Impfstoff gegen Ebola befindet sich derzeit noch im experimentellen Stadium. Dies ist für den Standardtouristen jedoch nicht von großer Relevanz. Auch gentechnologisch hergestellte DNA-Vakzine, Stichwort Impfbanane, sind erwähnenswerte Entwicklungen.

Wo kann der niedergelassene Kollege die entsprechenden Fachinformationen erhalten?

HADITSCH: Der Allgemeinmediziner kann sich über das jährlich abgedruckte Fernreiseprogramm, das von der Ärztekammer veröffentlicht wird, informieren: Aktuelle Impfempfehlungen oder Malariaprophylaxemaßnahmen werden hier grob umrissen. Diese Basisinformation reicht zumeist aus. Bei spezifischeren Fragestellungen sollten die Reisewilligen an eine spezialisierte Stelle weiter verwiesen werden. Bei der internationalen reisemedizinischen Tagung in Innsbruck von 27 bis 31. Mai dieses Jahres werden viele Themenbereiche erläutert: Von der Alpinmedizin, über die Gesundheitsproblematik bei Migranten und Asylanten bis zu neuesten Trends bei Impfungen und Malariaprophylaxe. Von der österreichischen Ärztekammer ist die Veranstaltung für 30 medizinische Fächer approbierbar. Wir entfernen uns zunehmend vom Bild einer Reisemedizin, die sich mit Themen, wie Impfungen und Malariaprophylaxe erschöpft. Es handelt sich um ein umfassendes, alle medizinischen Belange einer Reise betreffendes interdisziplinäres Fachgebiet.

Wir danken für das Gespräch!

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 16/2001

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