zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 4. Juli 2005

Reiseimpfung-Update

Die Urlaubssaison ist angebrochen, Fernreisen boomen: Laut Statistik der Reiseveranstalter weisen Fernreisen jedes Jahr fast zweistellige Zuwachsraten auf. Für Allgemeinmediziner führt dies dazu, dass sie immer häufiger mit Fragen zu Reisemedizin, Impfungen und Tropenerkrankungen konfrontiert werden - und die Patienten erwarten sich rasche und kompetente Aufklärung.

Für die Erstellung eines individuellen Impfplanes müssen gewisse Kriterien berücksichtigt werden, zum Beispiel epidemiologische Trends im Zielland, Reisestil, Reiseroute, Unterbringung oder auch spezielle Risikosituationen (Stichwort: "Sextourismus"). Auch Aufenthaltsdauer und Impfvorschriften des jeweiligen Gastlandes sind selbstverständlich wichtige Faktoren. Basisprogramm bei Reisenden

Injektionsstellen für Impfungen sind bei Erwachsenen der M. deltoideus (Intraglutealinjektionen sind ein Kunstfehler!), bei Kindern unter 18 Monaten der M. vastus lateralis. Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der Universität Wien: "Die Anzahl parallel verabreichter Impfungen ist unkritisch, limitierend sind nur der vorhandene Platz am Patienten und seine Leidensfähigkeit." Während einer Schwangerschaft können Totimpfstoffe und Toxoidimpfstoffe - sofern sie gut verträglich sind - angewendet werden, wohingegen attenuierte Lebendimpfstoffe nicht "vorsätzlich" angewendet werden sollen.

"Basisprogramm" bei Reiseimpfungen für alle Reisenden sind Überprüfung und Aktualisierung des Impfschutzes gegen Poliomyelitis und Diphtherie/Tetanus, Hepatitis A und B sowie eventuell Typhus. Ist eine Auffrischung der Polio-Schutzimpfung notwendig, soll auf jeden Fall dem Polio-Salk-Impfstoff der Vorzug gegeben werden.

Hepatitis A, B und Typhus abdominalis

Bei Hepatitis A besteht in fast allen tropischen und subtropischen Regionen eine hohe Endemizität, in Hochendemiegebieten beträgt die Durchseuchung schon bei Kindern fast 100 Prozent. Nach kompletter Hepatitis-A-Grundimmunisierung besteht bei 97 Prozent der Geimpften ein Schutz, der empirisch mindestens zehn Jahre anhält. Wird bis drei Wochen vor Reiseantritt geimpft, kann sich ein sicherer Impfschutz entwickeln.

Nach der Hepatitis-B-Grundimmunisierung muss auf jeden Fall - zur Verifizierung des Impferfolges - ein Antikörpertest durchgeführt werden. Kollaritsch: "Nach unseren Untersuchungen mit den handelsüblichen Hepatitis-B-Impfstoffen weisen bis zu 35 Prozent der über 60-Jährigen nach drei Impfungen keinen ausreichenden Antikörperiter auf; Männer entwickeln prinzipiell eine schlechtere Immunantwort als Frauen." Generell gilt: Wenn ein Impfling etwa ein bis drei Monate nach der 3. Impfung einen Titer von ³100 IU/ml hat, ist er für etwa zehn Jahre geschützt.

Wesentlich ist die Schutzimpfung gegen Typhus abdominalis. Hochrisikogebiete sind Nord- und Ostafrika, Indien, Nepal, Peru und Indonesien. Einziger Vorteil des oralen Impfstoffes ist die Applikationsform; die Schutzdauer ist aber - selbst ohne Einnahmefehler - leider unklar. Prof. Kollaritsch rät daher zur intramuskulären Verabreichungsform: "Vorteile der intramuskulär zu verabreichenden Impfstoffe sind die kürzere Vorlaufzeit und dass die Verantwortung beim Arzt liegt." Die Schutzrate liegt bei 70 Prozent. Allerdings können Kinder unter zwei Jahren nicht mit diesem Impfstoff geimpft werden.

Gelbfieber, Cholera und Japan-B-Enzephalitis

Die sehr gut verträgliche Gelbfieber-Impfung wirkt nach zehn Tagen, der Schutz hält mindestens zehn Jahre an. Nachteil ist, dass der Impfstoff bei Kindern unter einem Jahr unter Umständen Komplikationen macht und dass er größere Mengen Hühnereiweiß enthält und daher bei Hühnereiweiß-Allergikern Vorsicht geboten ist.

Indikationen für eine Cholera-Schluckimpfung sind Epidemiesituationen, "Rustikaltourismus" und Langzeitaufenthalte in gefährdeten Gebieten. Sie ist eher nicht notwendig bei typischen Badeurlauben, geführten, hochklassigen Rundreisen, Cluburlauben und auf Geschäftsreisen. Beachtet werden müssen die (gesicherten) Interaktionen des Impfstoffes mit Chloroquin, Mefloquin und allen Antibiotika. Unklar hingegen ist die Interaktion mit anderen Lebendimpfungen wie zum Beispiel Masern. Wichtig: Sicherlich keine Interaktionen gibt es mit der Gelbfieber- und Typhusimpfung.

Die Japan-B-Enzephalitis, eine virale Erkrankung ähnlich einer FSME, aber mit unangenehmerem Verlauf und häufigen neurologischen Defiziten sowie hoher Letalität, ist in Südostasien (von Indien bis Japan) verbreitet, vor allem in ländlichen Gebieten und während der Regenzeit, Überträger sind Culex-Mücken.

"Nachteil des Impfstoffes ist, dass er auf Maushirn gezüchtet wird und daher autoimmunologische Reaktionen auslösen kann, was aber bisher in Österreich nie aufgetreten ist", erläutert Kollaritsch.

Nebenwirkungen können Lokalreaktionen, Fieber und anaphylaktische Reaktionen sein.
Die Impfung ist indiziert bei epidemischen Situationen, Reisen in typische Verbrei tungsgebiete, entsprechendem Reisestil sowie Langzeitaufenthalten.

"Bei Städtetourismus, Club- oder Badeurlauben oder geführtem Hoteltourismus besteht keine Indikation", so Kollaritsch.

Hochrisikogebiete bezüglich einer Meningokokken-Meningitis sind vor allem die Sahelzone in Afrika, die ostafrikanische Seenplatte und Saudiarabien. Die Impfung darf Kindern unter zwei Jahren nicht verabreicht werden; bei der Einreise in das Gastland muss die Impfung zehn Tage alt sein.

Vorsicht auch bei Reisen nach Osteuropa

"Am stärksten unterbewertet in der Reisemedizin ist die Tollwut-Impfung", meint Kollaritsch, "vor allem wenn man bedenkt, dass es im südostasiatischen Raum, in Großteilen von Schwarzafrika und in Südamerika hochendemische Gebiete gibt, in denen die urbane Wut vorkommt, bei der der Haushund als Virsusreservoir dient und viele Touristen die Nähe dieser Tiere suchen." Zur Verfügung stehen mittlerweile ausgezeichnete Gewebekultur-Impfstoffe.

Bei Reisen nach Westeuropa werden neben den Routineimpfungen eventuell Hepatitis A+B-Immunisierungen empfohlen, auf jeden Fall aber eine FSME-Schutzimpfung.

Für Osteuropa wird neben den Routineimpfungen ein Schutz gegen Typhus und Hepatitis-A, Diphtherie und FSME empfohlen, eventuell gegen Hepatitis B und Rabies.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben