zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 30. Juni 2005

Mehr Platz für die Pneumologie

Die Ärzte Woche sprach mit Prof. Dr. Meinhard Kneussl, Univ.-Klinik für Innere Medizin IV, Klinische Abteilung für Pulmologie, AKH Wien, Vorstands- und Präsidiums-mitglied der Österreichischen Gesellschaft für Lungenerkrankungen und Tuberkulose (ÖGLUT) über den Stellenwert der Pneumologie sowie aktuelle Trends.

Mit welchen Themenbereichen ist die ÖGLUT zur Zeit befasst?

Kneussl: Eine vordringliche Aufgabe ist es, das Konsensuspapier zur Therapie von Asthma bronchiale und COPD fertig zu stellen. Zwei Gruppen sind mit dieser Arbeit betraut, in den nächsten Monaten soll das Ergebnis veröffentlicht werden. Es handelt sich um ein Update des 1997/98 herausgegebenen Papiers, in dem nun die neueren Kombinationspräparate und Leukotrienantagonisten ihren Platz bekommen werden.
Zudem bereiten wir eine Tagung zum Thema "Lunge und Umwelt" vor. Im Juni wird auch eine Veranstaltung zum State of the Art der Tuberkulose stattfinden.
Generell ist die Aufklärung der Bevölkerung über die Schädlichkeit des Rauchens ein wichtiger Aufgabenbereich der Gesellschaft.

Sind Sie mit der diagnostischen Qualität der allgemeinmedizinischen Praxis bezüglich COPD zufrieden?

Kneussl: Im Großen und Ganzen kann eine COPD bei entsprechender Fortbildung des Praktikers gut diagnostiziert werden. Die Überprüfung der Lungenfunktion ist hierbei allerdings ein grundlegendes diagnostisches Instrument. In Zukunft soll daher die "kleine Spirometrie" beim Allgemeinmediziner vorgenommen werden können. Werden pathologische Befunde erhoben, ist es sinnvoll, den Patienten rasch an einen Facharzt für Innere Medizin zu verweisen. Bei Atemnot von pulmonaler Seite ist der Pneumologe Ansprechpartner. Zur Zeit muss man leider feststellen, dass es noch zu lange dauert, bis ein Betroffener an die richtige Stelle gelangt.

Ist die pneumologische Versorgungsstruktur in Österreich dafür überhaupt ausreichend?

Kneussl: In Wien haben wir vier pneumologische Zentren, im Burgenland gibt es keine einzige. Ich halte es allerdings für notwendig, dass größere Spitäler auch über eine derartige Einrichtung verfügen. Das Klientel wäre vorhanden. Die Pneumologie sollte im Verband der Medizin als eigenständiges Fach gesehen werden, das in Kooperation mit anderen Fachrichtungen steht. Das Schließen pneumologischer Abteilungen und Eingliedern in andere Fächer halte ich für falsch.

Sind Subspezialisierungen innerhalb des Fachgebietes vonnöten?

Kneussl: Es gibt Spezialisten für Schlafapnoe, Bronchoskopie, Onkologie, Lungenfunktion oder Kardiopulmologie. Das Fach ist allerdings überschaubar, daher halte ich Subspezialisierungen nicht für erforderlich.

Gibt es nicht Kompetenzstreitigkeiten zwischen Kardiologen und Pulmologen, wenn es etwa um die pulmonale Hypertension geht?

Kneussl: Die pulmonale Hypertension war in Österreich im Prinzip stets eine Domäne der Kardiologie. Dies hat historische Gründe, da sich in Wien vor allem Prof. Kaindl und Prof. Mlczoch auf der Kardiologischen Universitätsklinik am AKH damit befassten. Heute bin ich gemeinsam mit meiner kardiologischen Kollegin, Frau Prof. Lang, für dieses Gebiet zuständig. Eine gute Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Fachrichtungen ist sinnvollerweise angezeigt.

Sind über Neuerungen im Management der pulmonalen Hypertension zu berichten?

Kneussl: Das Interesse für die pulmonale Hypertension hat sichtlich zugenommen, die Literatur zu diesem Thema ist stark angewachsen. Die Krankheit galt lange als unbehandelbar, die Patienten starben unbehandelt meist nach drei bis fünf Jahren an Rechtsherzversagen. Als neue Therapeutika sind neben den Prostazyklinen in intravenöser, inhalativer oder subkutaner Verabreichung die Endothelin-1-Antagonisten zu nennen. Für die Patienten bringt das einen enormen Gewinn an Lebensqualität. Eine mögliche neue Lungenhochdruck-Therapie mit dem körpereigenen Transmitterstoff VIP (Vasoaktives intestinales Peptid) wurde federführend von Wissenschaftern am Wiener AKH vorgestellt.

Wie kann der Allgemeinmediziner eine Verdachtsdiagnose stellen?

Kneussl: Er sollte sein Bewusstsein für die Möglichkeit eines Lungenhochdruckes schärfen: Bei Vorliegen einer Atemnot ohne kardiale Ursache oder eine Lungenkrankheit ist ein "daran denken" angezeigt. Die weiterführende Diagnostik und die therapeutischen Interventionen gehören allerdings in die Hände kompetenter Fachärzte für dieses Spezialgebiet. Hier sollte es nur wenige Kompetenzzentren geben, da das Management der pulmonalen Hypertension kompliziert und auch enorm teuer ist. Es sind hier mit Kosten zwischen 100.000 und 200.000 Euro pro Jahr pro Patient zu rechnen.

Haben Asthma und COPD epidemiologisch in den vergangenen Jahren zugenommen?

Kneussl: Die Häufigkeit des exogen allergischen Asthma ist in den vergangenen Jahren massiv angestiegen. Auch in der bäuerlichen Bevölkerung, bei der wir früher so gut wie nie mit Allergien konfrontiert waren, sehen wir zunehmend derartige Fälle. Das vermehrte Auftreten von COPD ist neben Umweltfaktoren vor allem auf den steigenden Rauchkonsum, in erster Linie auch bei der weiblichen Bevölkerung, zurückzuführen. Hier steigt zudem die Prävalenz des Lungenkarzinoms massiv an, was vor dreißig Jahren bei Frauen noch kein Thema war. Auch die verbesserte Diagnostik hat sicherlich Einfluss auf eine vermehrte Dokumentation von COPD.

Welchen Stellenwert hat die Schlafmedizin in Ihrem Fachbereich?

Kneussl: Schlafassoziierte Atemstörungen sind ein wichtiges Thema, da sie zunehmend häufig vorkommen. Allerdings ist auch hier die zunehmende Prävalenz auf die moderne Diagnostik zurückzuführen. Die Sauerstoffmangelzustände in der Nacht können sowohl zu kardialen als auch pulmonalen Krankheiten führen.

Was ist zur Verbreitung der Tuberkulose in Österreich zu sagen?

Kneussl: Durch die Völkerwanderung der vergangenen 20 Jahre und die Zuwanderung von Menschen etwa aus Bosnien, Albanien und Osteuropa bemerken wir wieder ein Ansteigen der Tbc. Durch die offene Form können Infektionen in allen Bevölkerungsschichten vorkommen. Zudem sind selbstverständlich generell alle Personen mit geschwächtem Immunsystem oder Patienten mit einer immunsuppressiven Therapie gefährdet.

Wann sollte an eine Lungentuberkulose gedacht werden?

Kneussl: Es ist essentiell, die Tuberkulose als Differenzialdiagnose niemals auszuschließen. Diese Infektionskrankheit kann in ihrer Erscheinungsform höchst unterschiedlich sein. Daher ist, insbesondere wenn ein Infiltrat in der Lunge bestehen bleibt, an eine Tbc zu denken.

Welche gesundheitspolitischen Verbesserungen würden Sie sich für Ihr Fachgebiet wünschen?

Kneussl: Wir müssen Politikern, der Bevölkerung, aber auch vielen Kollegen klarmachen, dass täglich viele Menschen an den Folgen des Rauchens sterben. Dieser Umstand darf nicht bagatellisiert werden. Das Rauchverhalten, insbesondere das der Jugend, ist in Österreich extrem. Europaweit halten wir in diesen Belangen fast einen negativen Rekord. Hier sollte gesetzlich das Rauchen reguliert werden.

Wir danken für das Gespräch!

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben