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Innere Medizin 30. Juni 2005

Revolution in der Diagnose von Lungenkrankheiten

Während das Rauchverhalten bei den Männern rückläufig ist, wird der Höhepunkt der Epidemie bei den Frauen nicht vor dem späten 21.Jahrhundert erreicht werden.

Wenn auch in einigen Ländern wie Australien, Großbritannien und den USA die Anzahl der Raucherinnen abnimmt, wird es nicht nur in den Entwicklungsländern, sondern auch in vielen Staaten Europas noch zu einem Anstieg kommen. Die meisten Jugendlichen beginnen in der frühen Adoleszenz mit dem Rauchen; viele Mädchen experimentieren erstmals im Alter zwischen 10 und 14 Jahren. In einigen Ländern wie Dänemark, Deutschland oder Österreich rauchen im Alter von 14 bis 19 Jahren bereits mehr Mädchen als Burschen. Der Prozess des Rauchbeginns ist mit mehreren Umwelt- und Persönlichkeitsfaktoren verknüpft.
Bei den Umweltfaktoren spielen der elterliche Einfluss, der "Peereinfluss", die Werbung und der sozio-ökonomische Status der Eltern eine Rolle. Während im Volksschulalter noch der Einfluss und das Vorbild der Eltern eine wichtige Rolle spielen, haben viele Studien bewiesen, dass in der Adoleszenz der am meisten beeinflussende Faktor ist, wie viele der besten fünf Freunde oder Freundinnen rauchen ("Peereinfluss?.
Mädchen mit einer "besten Freundin? die raucht, haben ein neun Mal höheres Risiko, mit dem Rauchen zu beginnen. Über 80 Prozent der Jugendlichen geben an, im Beisein gleichaltriger Rauchender erstmals experimentiert zu haben. Selbst bei späterem regelmäßigem Konsum geben noch 71 Prozent an, in Gegenwart anderer Raucher zu rauchen.
Frauen und insbesonders junge Mädchen sind Zielscheibe der Werbung der Tabakindustrie, die mit verführerischem, aber falschem Image der Attraktivität, Vitalität, Schlankheit und Emanzipation das Rauchen bewirbt. In Wirklichkeit verursacht Rauchen Abhängigkeit, Krankheit und Tod.
Jugendliche aus niedrigeren Einkommensschichten rauchen häufiger als solche aus mittleren Einkommensschichten.
Persönlichkeitsfaktoren, die für die Initiierung des Rauchens eine große Rolle spielen, sind:

  • Kenntnis, Geisteshaltung und Überzeugung sowie Selbsteinschätzung und Selbstdarstellung.

  • Rauchende Jugendliche haben öfter eine mangelnde Selbsteinschäzung und niedrigere Zukunftserwartungen als Nichtraucher. Für sie dient das Rauchen auf Grund mangelnden Selbstvertrauens der Bewältigung von Stress, Angst und schlechter Stimmung.

Aufrechterhaltung der Sucht

Das Rauchen beizubehalten resultiert aus der entstandenen Nikotinabhängigkeit sowie psychologischen und sozialen Faktoren.
Bei Frauen spielen neben der Abhängigkeit vor allem Stress, depressive Verstimmung und das Körpergewicht eine Rolle. In einer österreichweiten Untersuchung von mehr als 300 Nikotinabhängigen beiderlei Geschlechts diente für mehr als ein Drittel (34 Prozent) der Frauen Rauchen zur Regulation des Körpergewichts, bei den Männern waren es nur 11,8 Prozent.
18 Prozent der rauchenden Frauen wiesen schwer depressive Symptome auf.
Auch der Rückfall nach Abstinenz scheint bei Frauen eher durch Stress und psychische Belastungen verursacht, männliche Exraucher werden eher in geselliger Runde und in Verbindung mit Alkohol rückfällig.

Prävalenz

Seit dem Ende des II. Weltkriegs hat die Prävalenz des Rauchens bei Frauen signifikant zugenommen.
Nach Schätzungen der WHO rauchen 24 Prozent aller Frauen in den Industrieländern und 7 Prozent in den Entwicklungsländern. Bei den Männer sind es 46 Prozent in den Industrieländern und 42 Prozent in Entwicklungsländern.
Die geschätzte Raucher-Prävalenz bei Frauen für das Jahr 2025 beträgt jeweils 20 Prozent in den Industrie- sowie in den Entwicklungsländern, bei den Männern 25 Prozent in den Industrieländern und 45 Prozent in den Enwicklungsländern.

Rauchverhalten in Österreich

Nach wie vor rauchen Männer häufiger als Frauen.
Nach den statistischen Daten des Mikrozensus 1999 rauchten zu diesem Zeitpunkt in Wien 40,2 Prozent der Frauen und 47,8 Prozent der Männer täglich. Damit ist es von 1991 bis 1999 zu einer Zunahme der täglich rauchenden Frauen um 45,1(!) Prozent und 12,5 Prozent der Männer gekommen.
Parallel zu der stark steigenden Raucherquote der Frauen findet sich die Zunahme der Sterblichkeit an Lungenkrebs.
Das Experimentieren mit dem Rauchen beginnt meistens in der Kindheit. In einer WHO-Untersuchung der meisten EU-Länder von 1997/1998 zeigte sich, dass 50-80 Prozent der 15-Jährigen schon das Rauchen probiert hatten.
Bei den täglichen RaucherInnen in diesem Alter liegt Österreich mit 26 Prozent der Mädchen EU-weit an erster Stelle.
Mit zunehmendem Alter steigt der Anteil derer, die zu rauchen aufgehört haben, bei den Männern jedoch deutlicher als bei den Frauen. Während die Quit-Rate im gesamten Bundesgebiet 1999 bei Männern bei 25,9 Prozent lag, betrug sie für Frauen 18,1 Prozent.

Morbidität und Mortalität

Um das volle Ausmaß der Auswirkungen des Rauchens auf die Gesundheit einer Bevölkerung zu ermessen, bedarf es eines Zeitraumes von etwa einem halben Jahrhundert. Die Zahl der durch Tabak-rauchen verursachten Todesfälle bei Frauen stieg von 10.000 im Jahre 1955 auf 113.000 im Jahre 1995.
Auf Grund des extrem hohen und nahezu einzigen Risikos von Tabak-rauchern für Lungenkrebs ist dessen Häufigkeit der aussagekräftigste Parameter tabakassoziierter Erkrankungen: In Europa hat sich die Zahl der durch Lungenkrebs verursachten Todesfälle bei Frauen zwischen 1973 und 1992 von 18.882 auf 36.772 verdoppelt.
Bei Rauchbeginn vor dem 17. Lebensjahr ist das Risiko für Lungenkrebs doppelt so hoch wie bei einem Beginn danach.
Etwa die Hälfte der derzeit rauchenden Jugendlichen wird an tabakassoziierten Erkrankungen versterben, wenn sie weiterrauchen, ein Viertel davon im mittleren Alter vor dem 70. Lebensjahr, mit einer Verminderung der Lebenserwartung um durchschnittlich 23 Jahre, und ein Viertel davon nach dem 70.
Lebensjahr.
Lungenkrebs ist aber nur ein gesundheitliches Risiko von vielen und reflektiert vor allem das Rauchverhalten von 2 oder 3 Dekaden davor, aber nicht unmittelbare gesundheitliche Auswirkungen.
Tabakrauchen verursacht hinsichtlich der bekannten Herz-, Kreislauf-, Lungen- und Krebserkrankungen bei Männern und Frauen ähnliche gesundheitliche RisIken.
Zusätzlich bestehen für Frauen aber spezifische Gefahren:

  • Geringere Fruchtbarkeit

  • Häufigere Schwangerschaftskomplikationen

  • Vermehrte Früh - und Totgeburten

  • Früherer Eintritt der Menopause

  • Höheres Osteoporoserisiko

Die Kombination von Rauchen und Anti-Baby-Pille erhöht das Risiko für Beinvenenthrombosen, Herzinfarkt und Schlaganfall.
Die Kinder rauchender Frauen in der Schwangerschaft haben ein geringeres Geburtsgewicht und ein höheres Risiko für Atemwegserkrankungen und plötzlichen Kindstod.

Nikotinkarenz lohnt sich

Eine der wichtigsten Botschaften sollte dahin zielen, dass es sich auch nach jahrzehntelangem Rauchen und in höherem Lebensalter noch lohnt aufzuhören.
Viele Studien belegen, dass manche tabakassoziierten Gesundheitsrisiken sich nach dem Rauchstopp sehr rasch verringern, so entsprechen zum Beispiel bei Rauchstopp im ersten Trimenon der Schwangerschaft Geburtsgewicht und -größe der Kinder dem von Kindern nichtrauchender schwangerer Frauen.
Auch das Risiko der koronaren Herzkrankheit reduziert sich bereits in den ersten beiden Jahren nach Rauchstopp deutlich.

OA Dr. Irmgard Homeier, Ärzte Woche 36/2001

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