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Innere Medizin 30. Juni 2005

„Kompetenzzentren müssen her“

Die Österreichische Gesellschaft für Pneumologie feiert bald ihren 50. Geburtstag. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit dem Präsidenten der Pneumologischen Gesellschaft, Prof. Dr. Lutz-Henning Block, Klinische Abteilung für Pulmologie, AKH Wien, über neue Entwicklungen und den Stellenwert der Pneumologen.

Welche Ziele konnten Sie in Ihrer Funktion als Präsident der ÖGP bislang erreichen?
Block: Die Zeit als Vizepräsident (2 Jahre) und Präsident (2 Jahre) wird zu einem guten Teil von der Planung und Organisation der wissenschaftlichen Tagung ausgefüllt. In meinem besonderen Fall wurde während meiner Amtsperiode eine grundlegende Anpassung unserer Statuten an die Bedürfnisse einer modernen Geschäftsführung vollzogen. Im Zuge dieser Änderung wurden natürlich keine Ziele der Gesellschaft verändert, aber Strategien zur deren besseren Umsetzung entwickelt. Dazu gehören PR-Arbeit, die Führung einer Homepage, das Pflegen internationaler Kontakte und letztendlich die Neugestaltung unserer Kongresslandschaft. Daneben habe ich einen Konsensus über COPD der ÖGP geleitet und beschäftige mich derzeit bereits mit der Konkretisierung unserer Jahrestagung 2005.

Was haben Sie noch vor?
Block: Der Prozess der Stategieentwicklung wird vermutlich nie abgeschlossen sein. Ich möchte noch möglichst viel an Reformpotenzial vorantreiben und werde daher dem mir an die Seite gestellten Vizepräsidenten begleitend zur Seite stehen, um einen nahtlosen Übergang zu ermöglichen. Die Präsentation des neuen „Auftrittes der ÖGP“ anlässlich der 50-Jahre-Feier im Dezember wird für mich ein besonderes Highlight sein.

Wie sehen Sie den Stellenwert der Pneumologie in Österreich?
Block: Durch die Behandlung und Betreuung epidemiologisch extrem wichtiger Volkskrankheiten wie COPD, Asthma bronchiale und tabakassoziierte Krebserkrankungen nimmt die Bedeutung der Pneumologe sicher zu. Vermehrt wird im Beatmungsbereich, insbesondere für die nicht invasive Beatmung, auf pneumologische Expertisen zurückgegriffen. Schlaferkrankungen mit Auswirkungen auf die Atmung und pneumologische Rehabilitation sind Themenbereiche, die immer mehr in überlappenden Versorgungsbereichen gemeinsam mit anderen Fachgebieten betreut werden.

Welche Verbesserungen wären in der Versorgungsstruktur wünschenswert?
Block: Die Versorgungsstruktur sollte im Sinne der Qualitätskriterien für Struktur- und Leistungsplanung der ÖGP, die im Auftrag und in Zusammenarbeit mit dem ÖBIG erarbeitet wurden, verbessert werden. Dafür ist eine Bedarfsplanung für große Kompetenzzentren, die das volle pneumologische Spektrum abdecken, und Versorgungsabteilungen zur Behandlung wesentlicher Schwerpunktbedürfnisse vorzunehmen. Die Versorgung der Patienten im niedergelassenen Bereich soll, wie im allgemeinen Gesundheitsplan vorgesehen, vermehrt in die Heimbetreuung verlagert werden. Das Klientel umfasst zunehmend chronisch kranke Patienten, die ein ausführliches Case/Care-Management erfordern. Dieses kann derzeit nicht als ausreichend entwickelt angesehen werden.

Sehen Sie in den Gesundheitsreformplänen eine mögliche Gefahr für die pneumologische Grundversorgung?
Block: Die Gesamtbettenzahl wird im Konzept der Regierung als wesentliches Benchmarking für Einsparungserfolge angesehen. In Zusammenschau mit dem Case/Care-Management kann das richtig sein, allerdings müsste eine Entwicklung der entsprechenden Strukturen geplant werden und dort wird zuerst Investitionsbedarf sein. Die Verlagerung von Abteilungen in den Bereich von Schwerpunktabteilungen ist ein wichtiges Anliegen der Pneumologen. Die Größe dieser Abteilungen muss dem entsprechenden Versorgungsbedarf angepasst werden (etwa die Übersiedelung des LKH Gmundnerberg ins KH Vöcklabruck). Die Notwendigkeit weniger großer Kompetenzzentren wurde von mir schon erwähnt.

Welches sind die aktuell diskutierten Themen in Ihrem Fachgebiet?
Block: Die Erforschung von Pathomechanismen der COPD und deren epidemiologische Erfassung für Österreich ist sicher ein wichtiges Aufgabengebiet. Weitere Schwerpunkte sind die Entwicklung und Behandlungsstrategien für pneumologische Krebspatienten, infektiologische Risikobeeinflussung auf dem Gebiet der Pneumonien, insbesondere die nosokomiale Problematik. Auch die besonderen Krankheitsbedingungen in der Pneumologie werden zur Zeit thematisiert. Nicht zuletzt gilt unser Augenmerk auch der präventiven Funktion der Pneumologen im Lebensstilbereich: Die Einflüsse von Rauchen, Übergewicht und Bewegungsarmut im Sinne einer primären und sekundären Prävention.

Welche Rolle spielt die Tuberkulose in Österreich? Worauf sollte man als Hausarzt achten?
Block: Die Tuberkulose spielt eine Rolle in Bezug auf die Tragweite der Auswirkungen bei Unbehandeltheit und Unterdiagnostik. Daher wird die Expertise in der Diagnostik und der Komplexität in der Therapie und deren Nebenwirkungen in der Pneumologie immer eine Rolle spielen. Dies ist weniger ein Problem der Dramatik an zunehmenden Zahlen, sondern ein Problem, dass mit Migration häufiger multiresistente Erkrankungsfälle gesehen werden und Infektionsschutz und alle damit verknüpften Probleme nicht unterschätzt werden dürfen. Der Hausarzt sollte bei unklaren Fällen von Leistungsverlust und Krankheitsgefühlen immer daran denken, speziell wenn Expositionsrisiko gegeben ist. Eine Abklärung ist durch Fachärzte oder -abteilungen möglich.

Worin unterscheiden sich die aktuellen für COPD und Asthma von bisherigen Empfehlungen?
Block: Die aktuellen Leitlinien für COPD und Asthma gehen wie bei allen chronischen Erkrankungen im Speziellen auf eine stadienadaptierte Therapie und damit auf die Verbesserung des Managements im Hinblick auf Optimierung der Lebensqualität ein. Es wurde versucht, eine unnötige Übertherapie, wo Medikamente keinen Nutzen nach evidenzbasierten Medizinkriterien erwarten lassen, zu vermeiden und einen Anhaltspunkt für Mindesterfordernisse der Therapie zu geben. Der Stellenwert nicht medikamentöser Therapieverfahren wurde zum ersten Mal gleichfalls bewertet.

Mit welchen praxisrelevanten Neuerungen ist in den kommenden Jahren zu rechnen?
Block: Neue Medikamente werden vor allem für die großen Gruppen der Asthma und COPD-Patienten an der Symptomqualität und damit an der Krankheitsbelastung ansetzen. Ein Ersatz der bisherigen Therapien im Sinne eines Durchbruchs in grundsätzlicher Behandlung wird nicht zu erwarten sein. Die Weiterentwicklung wird jedenfalls auch im Sinne des Patientenmanagements gehen, vermehrte Eigenverantwortung und Lebensstilmedizin auch in der Pneumologie zu finden sein. Abhängigkeit von Tabak zu behandeln wird ein volkswirtschaftliches Anliegen bleiben und würde viele Probleme lösen. Die molekularbiologische Grundlagenforschung wird ihre Ergebnisse zwar in den nächsten 2-3 Jahren noch nicht niederschlagen können, vielleicht aber in weiterer Zukunft die Behandlung der Patienten verändern.

Welche Wünsche hätten Sie in der Zusammenarbeit mit den Allgemeinmedizinern?
Block: Ein besseres Case/Care-Management der Patienten durch eine enge Zusammenarbeit. Die Allgemeinmediziner müssen das Problem identifizieren, der Pneumologe und der Allgemeinmediziner lösen das Problem gemeinsam: Rauchen muss als Suchtkrankheit vom Hausarzt wahrgenommen werden, die unentdeckte Folgekrankheit kann der Pneumologe aufdecken. Der Allgemeinmediziner begleitet Patienten mit COPD, der Lungenfacharzt übernimmt Schulung und komplexe Managementstrategien. Bei Krebs-patienten ist die enge Kooperation mit dem pneumologischen Krebs-zentrum und dem Facharzt wichtig. Die Allgemeinmediziner sollen nicht die „Arbeit“ mit den Patienten aufgebürdet bekommen, aber sie müssen ihre Bedürfnisse selbst formulieren.

Zu guter Letzt: Welche Wünsche hätten Sie an die Politik?
Block: Ein nationaler Gesundheitsplan, der in Ansätzen geboren wurde, scheint leider wieder fallen gelassen worden zu sein. Wir brauchen Politiker, die mit den Experten die Entwicklung von Gesundheit und Krankheit nicht nur in Zeiträumen von Regierungsperioden sehen, sondern den Mut haben, demographische Erkrankungsentwicklungen zu beeinflussen. Rauchen und nicht medizinische Gesundheitsmaßnahmen sind nur ein Beispiel dafür. Die Annahme, dass wachsende Bereiche von Erkrankungszahlen weniger Ressourcen verbrauchen werden, ist ein deutliches Indiz dafür, dass die Medizin einen Leistungsverlust ankündigen soll, der von den Politikern nicht ausgesprochen wird. Die Forschung braucht politische Unterstützung. Die Wettbewerbsfähigkeit erfordert, dass wir wenigstens im europäischen Wettbewerb bestehen können.

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