zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 30. Juni 2005

Rauchen - nur eine Gewohnheit?

Das Abhängigkeitssyndrom definiert eine Gruppe von Verhaltens-, kognitiven und körperlichen Phänomenen, die sich nach wiederholtem Gebrauch psychotroper Substanzen entwickeln (siehe Kasten). In der von der WHO 1992 veröffentlichten zehnten Revision der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsheitsprobleme wurde erstmals das durch Tabakrauchen verursachte Abhängigkeitssyndrom festgehalten. Spätestens damit wurde die häufige Meinung, Tabakrauchen sei bloß eine schlechte Angewohnheit und jeder, der damit aufhören wolle, könne dies von selbst tun, widerlegt. 

Für die beim Tabakkonsum entstehende Abhängigkeit ist Nikotin die verantwortliche Droge. Nikotin wird aus dem brennenden Tabak destilliert und auf Teertröpfchen in die Alveolen inhaliert, von wo es innerhalb von sieben Sekunden ins Gehirn gelangt und zur Freisetzung von Neurotransmittern führt. Diese bewirken eine gesteigerte Wachsamkeit und Wahrnehmungsfähigkeit sowie eine Verbesserung der Stimmungslage und wirken angstbefreiend und appetitzügelnd.

Entzugssymptome

80 Prozent aller Raucher haben Entzugssymptome, wenn sie versuchen, abstinent zu werden. Typische Entzugssymptome sind Unruhe, Gereiztheit, Ungeduld, Schläfrigkeit, Durchschlafstörungen, Verwirrtheit, Konzentrationsminderung und Appetitsteigerung. Diese Symptome sind 24 - 48 Stunden nach der letzten Zigarette am stärksten ausgeprägt und verschwinden dann meist im Laufe von 2 bis 3 Wochen. Die Lust auf eine Zigarette, das Craving, kann aber besonders in Stesssituationen noch über Monate bis Jahre bestehen. 

Von den etwa 80 Prozent nikotinabhängigen Rauchern ist jeweils zirka ein Drittel leicht, mittel oder stark abhängig. Diese Abhängigkeit in Verbindung mit der Entzugssymptomatik macht es so schwer, mit dem Rauchen aufzuhören. Die spontane Entwöhnungsrate ohne Hilfe beträgt nur 2-3 Prozent pro Jahr. Höchstens der Hälfte der Raucher gelingt es, jemals das Rauchen aufzugeben. Daher bedürfen insbesonders stark abhängige Raucher neben einer Verhaltenstherapie auch einer medikamentösen Therapie. Das Ausmaß der Abhängigkeit kann mittels des Fagerströmtests bestimmt werden. Je höher die Punktezahl des aus sechs Fragen bestehenden Tests zum Rauchverhalten ist, desto höher ist die Abhängigkeit.

Die Agency for Health Care Policy and Research empfielt mit den "Five A´s" bei jedem Raucher folgendes Vorgehen: 

  • Ask: Erfrage und erfasse systematisch das Rauchverhalten bei jedem Arztbesuch
  • Advise: Empfiehl jedem Raucher, aufzuhören
  • Assess: Evaluiere die Bereitschaft mit dem Rauchen aufzuhören.
  • Assist: Wenn der Patient bereit ist, aufzuhören, unterstütze ihn und entwickle mit ihm einen Managementplan.
  • Arrange: Sorge für Follow up zur Rückfallprävention 

Nichtmedikamentöse Therapie

Die wichtigste Vorraussetzung für den Erfolg ist der Wille aufzuhören. Zu einer effektiven Raucherentwöhnung gehören aber auch eine individuelle Beratung mit Motivation, eine Verhaltenstherapie und eventuell eine medikamentöse Therapie. 
Die Beratung kann in Gruppen oder Einzelgesprächen durchgeführt werden und sollte in regelmäßigen Abständen über mehrere Wochen mittels persönlichem Kontakt oder telefonisch durchgeführt werden. Der Raucher muss sein Rauchverhalten analysieren und lernen, Gewohnheiten abzulegen und Versuchungen zu erkennen. In der Verhaltenstherapie sollen Strategien im Umgang mit Stress und Versuchung, das Management der Entzugssymptomatik und Maßnahmen zur Rückfallsprophylaxe entwickelt werden.

Nikotinersatztherapie

Die Nikotinersatztherapie (NET) ist eine Alternative, Nikotin aufzunehmen, ohne Tabak zu rauchen. Die Pharmakokinetik der erhältlichen Produkte (Nicorette®, Nicotinell®, Nicotrol®) variiert, aber nichts setzt Nikotin so rasch in die Zirkulation frei wie das Inhalieren beim Zigarettenrauchen.
NET verdoppelt im Vergleich mit Placebo den Langzeit-Entwöhnungserfolg. Nur wenn die Dosis der NET den Milligramm an Nikotin entspricht, die beim Zigarettenrauchen pro Tag aufgenommen wurde, kann die Therapie erfolgreich sein.

  • Mit einem Wirkungseintritt nach 2 - 4 Stunden gibt das Pflaster über 16 -24 Stunden eine fixe Dosis von Nikotin ab. Das Pflaster soll nach 16 -24 Stunden gewechselt und an eine andere Stelle geklebt werden.
    Die anderen Produkte haben einen schnelleren Wirkungseintritt und einen kürzere Wirkdauer und dienen dazu, den Nikotinspiegel rascher an den indivduellen Bedarf anzupassen.
          
  • Der Kaugummi beginnt nach zirka 20 Minuten zu wirken. Er soll gekaut werden, bis sich ein intensiver Geschmack entwickelt. Danach soll er in der Backentasche ruhen, bis der Geschmack nachlässt, um danach erneut gekaut zu werden. 
         
  • Der Inhaler beginnt ebenso nach zirka 20 Minuten zu wirken. Nikotin wird durch das Ansaugen der Luft aus der Kunsstoffschicht freigesetzt und über die Mundschleimhaut aufgenommen.
         
  • Bei den Mikrotabs handelt es sich um Sublingualtabletten, die unter die Zunge gelegt werden, wo sie sich langsam auflösen und Nikotin freisetzen. Sie dürfen nicht geschluckt oder gekaut werden. 
        
  • Lutschtabletten setzen beim Lutschen Nikotin frei und dürfen nicht gekaut oder geschluckt werden. 
         
  • Nasalspray: Ein Srühstoß erfolgt in jedes Nasenloch. Es darf nicht aufgeschnupft werden, da es sonst zu übermäßigem Niesreiz und tränenenden Augen kommt. Mit einem Peak des Blut-Nikotinspiegels innerhalb von 5 -10 Minuten kommt er der Nikotinaufnahme durch Zigarettenrauchen am nächsten.
        
  • Bupropionhydrochlorid: Zyban® ist ein selektiver Dopamin- und Noradrenalinwiederaufnahmehemmer. Es führt einerseits durch Erhöhung des Dopaminspiegels im mesolimbischen System (Belohnungseffekt) zu einer Verminderung des Craving und andererseits über die Beeinflussung noradrenerger Neurone zu einer Verminderung der Entzugssymptomatik. Der exakte Wirkungsmechanismus ist allerdings nicht bekannt. In einer randomisierten, placebokontrollierten Studie zeigte Zyban® alleine und in Kombination mit einem Nikotipflaster eine wesentlich höhere Einjahresentwöhnungsrate (35,5 Prozent) als Placebo oder das Nikotinpflaster alleine. 
    Zyban®150 mg wird nach einer einwöchigen Phase mit einmal täglicher Einnahme für weitere sieben Wochen zweimal täglich eingenommen. Es senkt die Krampfschwelle und ist daher kontraindiziert bei Menschen mit Epilepsie oder erhöhter zerebraler Krampfbereitschaft.

OA Dr. Irmgard Homeier, Ärzte Woche 18/2002

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben