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Innere Medizin 30. Juni 2005

Pneumologie: Ein Fach in Bewegung

Die ÄRZTE WOCHE sprach mit Prof. Dr. Werner Schlick, dem amtierenden Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Lungenerkrankungen und Tuberkulose, über Entwicklungen und aktuelle Trends in diesem Fach. 

Welche Geschichte hat die Pneumologie?

Schlick: Die Pneumologie wurde als eigenes Fach in jener Zeit geschaffen, als die große Tuberkulose-Epidemie über ganz Europa hinwegging. Die Tuberkulose spielt zwar heute bei uns keine bedeutende Rolle mehr, dafür haben andere Erkrankungen der Atmungsorgane, wie Bronchialasthma, Lungenemphysem, Bronchialkarzinom, interstitielle Lungenerkrankungen und entzündliche Erkrankungen der Atmungsorgane so stark zugenommen, dass sich die Pneumologie konsequent mit diesen Entitäten beschäftigen musste. Weil nicht nur die Lunge, sondern das gesamte System der Atmung, also auch die Atemmuskulatur, die Thoraxwand und die Atemsteuerung Gegenstand unseres Faches sind, ziehe ich die Fachbezeichnung Pneumologie (von "pneuma"=griechisch: Atem) dem Terminus Pulmologie (von "pulmo"=lateinisch: Lunge) vor.

Gibt es also auch in Ihrem Fach Trends zur Subspezialisierung?

Schlick: Nein; aber es gibt natürlich spezielle Fertigkeiten in Diagnostik und Therapie, die zwar idealerweise jeder Pneumologe beherrschen sollte, die aber in derart rascher Entwicklung begriffen sind, dass sie in der Regel von besonders erfahrenen Vertretern des Faches in pneumologischen Abteilungen durchgeführt werden. Dazu gehören zum Beispiel bronchoskopische Verfahren, Thorakoskopie, bestimmte Biopsie-Techniken, bildgebende Verfahren wie die Thorax-Sonographie, allergologische und immunologische Techniken sowie die Auseinandersetzung mit dem Bronchialkarzinom.

Welchen Stellenwert hat die Pneumologie in der gesamten Medizin? 

Schlick: Sie spielt im Konzert der konservativen Fächer eine wichtige Rolle. Sie wird auch nicht zu einem Additivfach der Inneren Medizin werden, weil die internationale Entwicklung dahin geht, dass die Pneumologie ein eigenes Fach bleibt. Die Ausbildungsordnung wird in den europäischen Ländern derzeit harmonisiert und angeglichen. Wir bekennen uns selbstverständlich zur Kooperation mit anderen Fächern wie der Onkologie, Radiologie und Thoraxchirurgie. Am Beispiel eines Patienten mit einem Bronchuskarzinom kann man dies gut erläutern: Der Chirurg operiert ihn, der Strahlentherapeut bestrahlt ihn, aber einer muss die Diagnostik durchführen, den Überblick über alle Vorgänge haben, die Therapie leiten und den Patienten betreuen - und diese Aufgaben nimmt der Pneumologe wahr.

Welche epidemiologischen Entwicklungen hat es in der Pneumologie gegeben?

Schlick: Es gibt Erkrankungen, die sehr stark an Bedeutung und Häufigkeit zugenommen haben, zum Beispiel das Asthma bronchiale, von dem fünf Prozent aller Erwachsenen und zehn Prozent aller Kinder betroffen sind, oder die COPD, die jetzt von allen Erkrankungen die vierthäufigste Todesursache ist und weiterhin stark zunimmt. 90 Prozent der COPD-Patienten sind Raucher, bei denen die Erkrankung eine Prävalenz von 15 bis 20 Prozent hat. Da es immer noch viele Raucher gibt, ist das eine gewaltige Zahl von Patienten. 

Welche Ziele und Aufgaben haben Sie sich denn in Ihrer Amtsperiode gestellt?

Schlick: Das wichtigste Ziel war und ist es, das wissenschaftliche Niveau der österreichischen Pneumologie zu erhalten oder noch zu verbessern. Weiters sind standespolitische Fragen wahrzunehmen, die zwar nicht primäre Aufgaben einer wissenschaftlichen Gesellschaft sind, denen wir uns aber stellen müssen, damit die Pneumologie unter den anderen medizinischen Fächern entsprechend ihrer tatsächlichen epidemiologischen und klinischen Bedeutung anerkannt wird. Wir sind dabei, in Zusammenarbeit mit anderen Fächern Abgrenzungen vorzunehmen für die Behandlung und Betreuung der pneumologischen Patienten. Weiters habe ich mir vorgenommen, ein Leitbild der Pneumologie zu erarbeiten und in einem Weißbuch die Aufgaben der Pneumologie darzustellen. Dieses Weißbuch möchte ich gerne in meiner Amtsperiode zum Abschluss bringen.

Haben Sie irgendwelche Anliegen an die Allgemeinmediziner? 

Schlick: Wir sind bemüht, auf unseren Kongressen auch eine Fortbildung für Allgemeinmediziner anzubieten. Hier kommt es uns vor allem darauf an, bei den Allgemeinmedizinern die kleine Spirometrie zu etablieren, so dass sie in Kooperation mit dem Lungenfacharzt den Patienten wirklich gut betreuen können.

Welche Wünsche haben Sie an die Politik?

Schlick: Die Politik müsste dafür sorgen, dass die derzeitige Versorgungsstruktur mit pneumologischen Abteilungen in Österreich, die zumindest in den meisten Bundesländern derzeit noch befriedigend ist, aufrechterhalten wird und dass sie nicht beschnitten wird zugunsten anderer medizinischer Aufgaben und Fächer. Im Hinblick auf die zu erwartende Zunahme der pneumologischen Erkrankungen muss die Betreuung dieser Patienten sichergestellt sein. Ein weiterer Wunsch ist, dass in Graz ein zweites pneumologisches Ordinariat geschaffen wird.

Welche Zukunftsperspektiven hat die Pneumologie?

Schlick: Asthma und COPD werden weiter zunehmen, aber auch die Zunahme der Lungentumoren wird ein großes Problem darstellen. Die interstitiellen Lungenerkrankungen, von denen es 200 etwa gibt, werden immer wichtiger. Sie sind noch viel zu wenig bekannt. Diese Patienten müssen an zentrale pneumologische Abteilungen kommen, wo gewährleistet ist, dass die richtige Diagnose rechtzeitig gestellt wird und dass auch neue Therapiemöglichkeiten bis hin zur Lungentransplantation rechtzeitig in die Wege geleitet werden können. Und schließlich werden die schlafassoziierten Atemstörungen immer wichtiger. Auch in der pneumologischen Intensivmedizin hat sich mit der Einführung nichtinvasiver Beatmungstechniken sehr viel getan. 

Wichtig sind auch die infektiösen Lungenerkrankungen, die heute noch ein nicht zu unterschätzendes Problem, insbesondere bei älteren oder bei immunsupprimierten oder intensivmedizinischen Patienten darstellen. Hier müssen Konsensus-Statements über die zeitgemäße Behandlung erarbeitet werden, und zwar getrennt für die Patienten mit nosokomialer Pneumonie und für solche mit einer ambulant erworbenen Pneumonie. Auf dem Gebiet der Tuberkulose, an der weltweit noch immer Millionen Menschen jährlich sterben, sollten wir den Anschluss an Bemühungen, neue Tuberkulostatika zu entwickeln, nicht verpassen.

Welche Therapietrends sehen Sie in der Pneumologie?

Schlick: Besonders in der Asthma-therapie ist sehr viel in Bewegung, hier hat es durch neue Entwicklungen beträchtliche Fortschritte gegeben. Auf dem Gebiet der schlafassoziierten Störungen kann man das Risiko eines plötzlichen Todes wesentlich vermindern, indem man die entsprechende Diagnostik und Therapie, zum Beispiel in Form einer C-PAP-Atemmaske, durchführt. Für respiratorisch insuffiziente Patienten gibt es die Langzeitsauerstofftherapie, die zu einer verbesserten Lebenserwartung führt. Auch für die COPD, bei der bisher ein eher nihilistischer Standpunkt eingenommen wurde, weil es keine Therapie gab, die den Verlauf dieser Erkrankung beeinflussen kann, gibt es inzwischen doch neue therapeutische Ansätze. Weiters gibt es neue Therapien für viele interstitielle Lungenerkrankungen, insbesondere für die Lungenfibrosen. In der Lungentransplantation haben sich die Langzeit-Ergebnisse verbessert und reichen an jene der Herztransplantation heran.

Wo sind Ihrer Meinung nach die Forschungsschwerpunkte in der Pneumologie?

Schlick: Forschungsschwerpunkte sehe ich hauptsächlich in der Immunologie und Molekularbiologie. Andere Schwerpunkte sind bildgebende Verfahren zu einer verbesserten Vorsorgeuntersuchung beim Bronchuskarzinom. Hier haben wir das Problem, dass wir seit 30 Jahren praktisch keine Verbesserung der Lebenserwartung erzielt haben. Der Hauptgrund liegt darin, dass die Diagnose meist zu spät gestellt wird. Jetzt gibt es eine verbesserte Screeningdiagnostik mit einer speziellen Art der Computertomographie, der "low dose CT". So könnten wir die Frühfälle rechtzeitig zur Therapie bekommen und die 5-Jahres-Überlebensrate beträchtlich verbessern.

Dr. Hannelore Nöbauer, Ärzte Woche 18/2002

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