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Die Fähigkeit, durch Mimik auf einen emotionalen Stimulus zu reagieren, ist ein gutes Zeichen, dass die Erkrankung eher leichterer Natur ist.
 
Innere Medizin 24. Juli 2014

Diagnostikhilfe bei Brustschmerz

Schwer kranke Patienten verziehen keine Miene

Wie stark Patienten mit ihrem Gesichtsausdruck auf visuelle Stimuli reagieren, lässt sich offenbar als Gradmesser für die Schwere einer Erkrankung einsetzen. US-Ärzte haben ein System, das mimische Veränderungen misst, bei Patienten mit Brustschmerz getestet – mit vielversprechendem Ergebnis.

Im Notfallmanagement ist die Prätest-Wahrscheinlichkeit ein entscheidendes Instrument zur Planung des weiteren Vorgehens. Gerade bei Patienten mit Verdacht auf ein akutes Koronarsyndrom oder eine Lungenembolie muss der Arzt rasch abwägen, ob invasive diagnostische Maßnahmen sowie eine umgehende Therapie erforderlich sind oder nicht.

Als Entscheidungshilfe im Notfallsetting propagieren US-Ärzte nun das sogenannte Facial Action Coding System (FACS). Dabei handelt es sich um ein computergestütztes System, das Veränderungen im Gesichtsausdruck der Patienten mithilfe einer numerischen Skala misst. Die Patienten betrachten eine Minute lang unterschiedliche Bilder: einen lustigen Cartoon, einen Mann, der eine Grimasse schneidet und eine weinende Frau. Anhand eines mitgeschnittenen Videos wird erfasst, ob und wie stark sie darauf mimisch reagieren: mit einem Lächeln, einem Ausdruck von Überraschung oder einem Stirnrunzeln. Das Ausmaß, in dem sich die Züge verändern, wird in einem Score abgebildet, der sich aus verschiedenen Action Units (AU), beispielsweise Heben oder Senken der Augenbrauen, zusammensetzt. Für jede AU werden zwischen 0 und 5 Punkte vergeben.

Überraschung im Gesicht zählt am meisten

Jeffrey Kline und Kollegen von der Indiana School of Medicine in Indianapolis haben den Score an 50 Patienten getestet, die sich zwischen Mai und September 2011 mit akutem Brustschmerz und Atemnot in der Notaufnahme des Carolina Medical Centers in North Carolina vorgestellt hatten. Wie Kline und sein Team berichten, konnte man anhand des Scores relativ gut sehen, bei wem – wie spätere Untersuchungen ergaben – eine ernste Erkrankung vorlag und bei wem die Beschwerden eher harmlos waren. Insbesondere die Fähigkeit der Patienten, ein überraschtes Gesicht zu zeigen, war dabei prädiktiv: Wer schwer erkrankt war, reagierte im Allgemeinen nur schwach, bei leichterer Erkrankung war die Reaktion deutlicher. Wie die „Area under the ROC (Receiver Operating Characteristic) Curve" zeigte, war das eindeutig kein Zufallsbefund (0,752).

Alle Patienten hatten im Anschluss an den Test eine CT-Angiographie der Pulmonalarterie erhalten. In acht Fällen (16%) hatte sich innerhalb von 14 Tagen eine ernste Diagnose ergeben. Dies war in drei Fällen eine Pneumonie, in zwei Fällen eine Lungenembolie und in einem Fall ein Herzinfarkt. Ein weiterer Patient hatte ein rupturiertes Aortenaneurysma und einer einen Tumor im Mediastinum.

Mangelnde Reaktion auf emotionale Stimuli

„Schwer kranke Patienten sind offenbar nicht in der Lage, auf einen emotionalen Stimulus so zu reagieren, wie das unter normalen Umständen zu erwarten ist", erklären Kline und Kollegen. Wie die Forscher betonen, waren die Gesichtsausdrücke jedoch kein Maß für Schmerzen und dürften auch nicht so interpretiert werden. Bei den meisten Teilnehmern seien die Schmerzen zum Zeitpunkt der Untersuchung bereits abgeklungen gewesen.

 

ki/Springermedizin.de
, springermedizin.at

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