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Innere Medizin 30. Juni 2005

Mutter-Kind-Pass-Untersuchung vor Schuleintritt?

Die Ausgangsdaten sind nicht gerade neu. Laut Dr. Ernst an der Lan, Facharzt für Orthopädie in Ried im Innkreis und Obmann der Fachgruppe für Orthopädie der Ärztekammer für Oberösterreich, weisen rund ein Drittel aller Kinder im Vorschulalter Haltungsschäden auf. Das wollen Ärzte in Oberösterreich nicht mehr so hinnehmen.

Haltungsschäden treten vor allem im Bereich der Wirbelsäule und der Füße auf. "Das Problem hat langfristigen Charakter", betont an der Lan. Erkrankungen des Bewegungsapparats seien weiterhin an der Spitze der Ursachen für Frühpensionierungen, der zweithäufigste Grund für Krankenstände und verursachten massive Kosten im Gesundheits- und Sozialwesen.
Die oberösterreichischen Orthopäden orten eine "Untersuchungs-Lücke" zwischen erstem und sechstem Lebensjahr. Dazu an der Lan: "Im Mutter-Kind-Pass ist eine orthopädische Untersuchung im ersten Lebensjahr vorgesehen, erst mit sechs Jahren wirft der Schularzt wieder einen Blick auf die Haltung." Notwendig sei daher eine weitere orthopädische Untersuchung vor Schuleintritt, die in den Mutter-Kind-Pass aufgenommen werden soll.
Vorwiegend betreuen Ärzte für Allgemeinmedizin Kinder zwischen ein und sechs Jahren. Diesen fehle aber mitunter das nötige Fachwissen, meint der Orthopäde. Bei Verdacht auf Haltungsschäden sollte deshalb möglichst sofort an einen Facharzt für Orthopädie oder Pädiatrie überwiesen werden. "Immerhin machen orthopädische Probleme ein Drittel der Beschwerden aus, mit denen Patienten zum Hausarzt kommen", so an der Lan. Alarmzeichen seien Muskelverkürzungen oder wenn sich ein Kind schlechter oder gar nicht mehr vornüber beugen kann.

Geringe Sensibilität gegenüber Allgemeinmedizinern

Die vermeintlichen Mankos bei den Allgemeinmedizinern will Dr. Oskar Schweninger, Kurienobmann der Ärzte für Allgemeinmedizin der Ärztekammer für Oberösterreich, so nicht gelten lassen: "Dass Früherkennung und Behandlung von Haltungsschäden bei Kindern und Jugendlichen enorm wichtig sind, steht außer Streit. Legitim ist auch, wenn der Vertreter einer Fachgruppe Lobbying für seine Kollegen betreibt. Ärgerlich ist für mich nur die geringe Sensibilität, mit der dies geschieht." Man könne den Allgemeinmedizinern und damit auch den Kindergarten- und Schulärzten sehr wohl zutrauen, ein korrektes Screening auf Haltungsschäden durchzuführen.
"Wenn dann bei den Orthopäden rasche Termine zu weiterführenden Untersuchungen geboten werden und die nötige Therapie eingeleitet wird, halte ich das für den richtigen Weg", kommentiert Schweninger. Gerade die oberösterreichische Kurienspitze bürge persönlich dafür, dass sich die einzelnen Gruppierungen der niedergelassenen Ärzte nicht auseinander dividieren ließen.
An der Lan sieht bei Hausärzten die Chance, Eltern generell zu motivieren, ihre Kinder vor dem Schuleintritt zur Kontrolle beim Orthopäden zu überweisen. Der nächste Zeitpunkt dafür sei erst rund um das zehnte Lebensjahr, wo ein stärkerer Wachstumsschub erfolgt.
Als Grund für die stete Zunahme von Haltungsfehlern ortet van der Lan Lebensgewohnheiten: Kinder würden vermehrt auf sich selbst gestellt sein und zu wenig Motivation für Bewegung erhalten, zu viel Zeit würde sitzend auch vor der Schule verbracht. "Dies trifft sowohl für Kinder aus dem städtischen als auch aus dem ländlichen Bereich zu", ist der Orthopäde überzeugt.
Da Haltungsschwächen zunächst keine Beschwerden verursachen, unterschätzen auch Eltern gerne das Problem und dessen Folgen. Entscheidend sei neben der fachärztlichen Kontrolle und Betreuung eine Änderung des Lebensstils; Kinder einfach ins Fitness-Center mitzunehmen, sei sowohl pädagogisch als auch orthopädisch gesehen der falsche Weg.

Stundenlanges Sitzen

"Mit Schuleintritt ist dann die permanente Verschlechterung der Fehlhaltungen vorprogrammiert", so an der Lan. "Stundenlanges Sitzen ist weder gesund, noch für den Lernerfolg notwendig." Der Orthopäde verweist auf international erfolgreiche Modelle in der Schweiz, wo Schüler beispielsweise die Möglichkeit haben, Sitzbälle zu nützen, im Liegen zu lesen bzw. Dehnungs- und Entspannungsübungen fixer Teil des Stundenplans sind.
"Die ’bewegte Schule’ ist in Österreich nach wie vor nur ein Lippenbekenntnis. Ich orte hier keinerlei wirkliche Veränderung in den letzten zehn Jahren", kritisiert an der Lan. Er appelliert auch an Schulärzte, stärker gesunde Schulmöbel bzw. deutlich mehr Bewegung im Schulalltag einzufordern.

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