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Innere Medizin 30. Juni 2005

Sitzen, stehen, bewegen neu lernen

Wie trinken Sie Kaffee? Hebt Ihr Arm die Tasse in der gerundeten Geste zum Mund, oder bleibt er fixiert auf halbem Wege stehen, so dass Kopf und Hals zur Tasse geneigt werden müssen? Schon im normalen Alltag kann etwas Angst, nämlich den Inhalt der Tasse zu verschütten, die Qualität der Bewegung ruinieren. Ungleich fataler können die Folgen beim Musikspiel sein, wo höchste Präzision gefordert ist. Unökonomische Kraftanstrengungen führen leicht zu Verspannungen, ja Überanstrengungen. Der australische Schauspieler Frederik Mathias Alexander (1869-1955) hat aufgrund eigener Erfahrungen eine pädagogische Methode zur Vermeidung von Fehlhaltungen entwickelt, die heute als die so genannte Alexander-Technik bekannt ist. 

Die ÄRZTE WOCHE sprach mit Andreas Sandri, der diese Methode am "The Constructive Teaching Center" in London gelernt hat. Seit 1994 arbeitet er als Alexander-Technik-Lehrer in Wien und unterrichtet als Gastprofessor an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz. 

Sie haben Ihre Ausbildung zum Alexander-Technik-Lehrer bei Walter Carrington, einem persönlichen Schüler von F.M. Alexander, in London gemacht. Wie sieht die aus? 

Sandri: Die Ausbildung dauert drei Jahre, man spricht auch von einer vollen Ausbildung. Ich bin fünf Tage in der Woche in die Schule gegangen, für jeweils etwa vier Stunden am Tag, und das über 36 Wochen im Jahr - die untere Begrenzung sind 1.600 Stunden, über mindestens drei Jahre hinweg. Die Ausbildung beinhaltet wenig Theorie und viel praktische Arbeit, nicht zuletzt Arbeit an sich selber. 

Wo setzt die Alexander-Technik an? Welches Ziel hat sie?

Sandri: Die Alexander-Technik geht davon aus, dass wir uns selber oft das Leben schwer machen, indem wir die Schultern anspannen, uns zusammenziehen oder den Atem anhalten. Alexander hat diese Gewohnheiten selbst "pulling down" genannt. Wir bauen Druck in uns selber auf, der sich dann gerne in Verspannungen oder Schmerzen äußert. Die Alexander-Technik kann uns helfen, mit diesen ganz gewöhnlichen, aber destruktiven Gewohnheiten aufzuhören.

Wie sieht diese Arbeit nun aus? 
Wie lernt der Mensch, seine fehlerhaften Gewohnheiten aufzugeben? 

Sandri: Das Denken spielt in der Alexander-Technik eine wichtige Rolle. Der Mensch soll in die Lage versetzt werden, sich selber Richtungsanweisungen für Haltungen und Bewegungen zu geben. Hört sich einfach an, ist aber ein längerer Prozess, der in etwa zu vergleichen ist mit dem Erlernen eines Instruments oder von Auto fahren. Dazu braucht man vor allem Zeit und Geduld. Wir sprechen nicht von Therapie, sondern von Unterricht. 

Der Schüler muss sich zunächst einmal überhaupt seiner Gewohnheiten bewusst werden. Die eigene Haltung ist ein wichtiger Teil von jedem von uns, und das in Frage zu stellen und vielleicht zu verändern, fällt nicht jedem leicht. In einem nächsten Schritt gilt es dann, fehlerhafte Gewohnheiten abzulegen. In den Büchern steht oft, dass dazu mindestens dreißig Lektionen notwendig sind. 

Um welche Richtungsanweisungen geht es da vor allem?

Sandri: Zentral ist die Beziehung von Rücken, Hals und Kopf, diese soll nicht gestört oder behindert sein. Denn sehr oft machen wir den Fehler, dass wir Schultern und Hals anspannen, so dass der Kopf nicht oben auf dem Atlas ruht. So mancher Musiker kennt das: Wenn eine schwierige Stelle kommt, zieht er sich gerne zusammen. Er möchte sich schützen - eine Art von Angstreaktion. Aber gerade das Gegenteil davon ist wichtig - Kopf nicht hinunterziehen -, um die schwierige Stelle zu meistern, um die nötige Freiheit für die feinmotorische Leistung zu haben. 

Wie sollten wir nach der Alexander-Technik richtig sitzen? 

Sandri: Viele sitzen sehr oft nur auf einem Sitzbeinknochen, so ist allerdings kein Gleichgewicht gegeben, so ist es auch nicht möglich, das Gewicht loszulassen. Daher sollten wir darauf achten, auf beiden Sitzbeinknochen zu sitzen, und das Sitzen als eine Bewegung anzuschauen. Wer das erste Mal hierher kommt und eine Alexander-Technik-Stunde nimmt, tut sich in der Regel gar nicht leicht, einfach nur gerade zu sitzen. Das zu lernen, dauert einige Zeit. Dabei müssen wir im Grunde nur vorhandenes Wissen wieder abrufen. Denn als Kinder haben wir mit der größten Selbstverständlichkeit das Sitzen, Stehen, Bewegen richtig gemacht. 

Auf was ist beim Stehen zu achten? 

Sandri: Auch das Stehen hat etwas mit Balancieren zu tun. Mit Balancieren auf den Fußgelenken, den Knien, den Hüftgelenken, und das setzt voraus, dass wir die Gelenke nicht fixieren. Dass also eine Freiheit in den Beinen ist und dass wir sie gerade nicht gegen den Boden stemmen und nicht die Knie durchdrücken. 

Kennt die Alexander-Technik auch so etwas wie eine "richtige" Atmung?

Sandri: Alexander hat sich am Anfang auch zur Atmung geäußert, ist davon dann aber wieder abgekommen. Er hat nämlich bemerkt, dass wir, sobald wir uns auf die Atmung konzentrieren, sie behindern und nicht mehr frei fließen lassen. Alexander hat dann angefangen, rundherum zu arbeiten, darauf Wert zu legen, dass der Brustkasten elastisch ist und seine Länge und Weite behält, damit die Atmung nicht behindert wird.

Wie sieht Ihre Arbeit nun konkret aus? 

Sandri: Ich arbeite mit meinen Händen. Für mich heißt es am Anfang auch, meine Schüler erst einmal kennen zu lernen. Was sehe ich? Wie bewegt sich dieser Mensch? Was ist seine Gewohnheit? Mit meinen Händen möchte ich ihm helfen, dort loszulassen, wo er sich aus dem Gleichgewicht herauszieht.

Machen Sie Ihre Schüler auch direkt auf "falsche" Gewohnheiten aufmerksam?

Sandri: Das ist ganz unterschiedlich. Denn jeder Mensch reagiert wieder anders. Es ist nicht immer sehr angenehm zu hören, was man alles falsch macht. Es gibt Schüler, mit denen arbeite ich, ohne viel zu reden, das sind jene, bei denen ich annehme, dass sie eher Zeit brauchen und nicht gerade erfreut reagieren würde, wenn ich ihnen sage, was sie alles "falsch" machen. Andere wollen aber gerade auf "Fehler" aufmerksam gemacht werden. "Ach so, das wusste ich ja gar nicht, dass ich das so und so mache", sagen sie dann und sind richtig erfreut, dass sie nun mehr über sich selbst wissen. 

Ist die Alexander-Technik also vor allem in der Prävention sinnvoll?

Sandri: Das würde ich schon sagen. Wir wollen dafür sorgen, dass die Schüler gesund und schmerzfrei bleiben. Freilich kommen die meisten erst dann, wenn auch der Schmerz schon da ist. Wobei ich sagen muss: Alexander-Technik-Lehrer sind keine Ärzte und können keine Diagnosen stellen. Ich rate meinen Schülern auch oft, erst einmal zu einem Orthopäden zu gehen und abklären zu lassen, ob nicht ein organischer Schaden vorliegt. 

Mit welchen Beschwerden kommen Musiker vor allem zu Ihnen?

Sandri: Viele Musiker haben Rückenschmerzen und verspannte Schultern. Oft sind diese Beschwerden auch Ausdruck des Drucks im Musikstudium, keine Fehler machen zu dürfen. So werden schlechte Gewohnheiten zusätzlich ausgeprägt. 

Kann es nicht auch zu einem Konflikt für den Musiker kommen: Er soll sich zum einen Anweisungen geben - Rücken lang und weit, Hals frei, Kopf nach vorne -, zum anderen aber auch auf sein Spiel konzentrieren? 

Sandri: Die Alexander-Technik lernt man ja zunächst für sich, zu Hause oder mit dem Lehrer, wenn man gewissermaßen in Sicherheit ist, so wie man auch nicht ins Konzerthaus geht, um die Etüde zu lernen. Mit der Zeit ist es dann möglich, die Alexander-Technik auch bei wichtigeren Tätigkeiten anzuwenden. 

Ist sie auch eine Hilfe speziell gegen Nervosität? 

Sandri: Nervosität ist im Grunde nichts anderes als das Herausfallen aus einem inneren Gleichgewicht. Nervosität ist, so gesehen, Ausdruck des Drucks, den man sich selber macht. Sie hat auch etwas zu tun mit Atem anhalten und mit sich zusammenziehen. Hier hilft die Alexander-Technik gewiss besser als Medikamente, denn die beeinträchtigen oft nur die Wachheit, die notwendig ist, um Kunst zu machen. 

Welchen Stellenwert hat die Alexander-Technik in der Musikerausbildung bei uns im Vergleich zu England?

Sandri: Ich unterrichte zwar in Graz an der Musikuni und auch in Wien im Studentenwohnheim der Musikhochschule, aber der Stellenwert in England ist ungleich größer. Dort ist die Alexander-Technik in jeder Musikschule, nicht zuletzt auch an der berühmten Royal Academy, und auch in den meisten Schauspielschulen Pflichtfach.

Info: Andreas Sandri, Lustgasse 3/35, 
1030 Wien, Tel: 01/7157830, www.sandri.at 
Literaturtipp: Pedro de Alcantara: Alexander-Technik für Musiker, Gustav Bosse Verlag, Kassel, 2002

Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 44/2002

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