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Innere Medizin 8. Juli 2005

Große Fortschritte in der Sepsistherapie

Pro Minute erliegt irgendwo in der Welt ein Patient einer schweren Sepsis. Alleine in Europas intensivmedizinischen Abteilungen zeichnet die Sepsis für 135.000 Todesfälle pro Jahr verantwortlich. Die schwere Sepsis fordert jedes Jahr ähnlich viele Menschenleben wie Lungen-, Brust- oder Dickdarmkrebs.

Die Sepsis ist wohl eines der schwierigsten Krankheitsbilder, die die moderne Intensivmedizin kennt.
Bis dato gab es keine wirksame Therapie zur Verringerung der Mortalität dieser Erkrankung. Aufgrund der intensiven Forschung der vergangenen Jahre ist das Verständnis um Ätiologie und Pathogenese der Sepsis größer geworden, ohne dass dies allerdings zu wesentlichen Fortschritten in der Therapie dieses lebensbedrohlichen Krankheitssyndroms geführt hätte.
Aktuelle Zahlen legen nahe, dass die Inzidenz der Sepsis zunimmt, dass aber die Sterblichkeit, die mit 30-50 Prozent bei schwerer Sepsis und mit bis zu 80 Prozent beim septischen Schock angegeben wird, weitgehend unverändert bleibt.
Die Sepsis ist ein Krankheitsbild, dessen Ursache in einer unkontrollierten Abfolge bestimmter Gerinnungs-, Fibrinolyse- und Inflammationsprozesse liegt. Aufgrund von im gesamten Organismus ablaufenden Entzündungsvorgängen kann es zum Versagen mehrerer Organsysteme kommen.
Bisher beschränkte sich die Therapie auf unterstützende Maßnahmen zur Erhaltung der einzelnen Organfunktionen. Nun steht mit einem aktivierten Protein C eine Therapie zur Verfügung, die direkt in die Entzündungs- und Gerinnungsvorgänge, die bei der Sepsis ablaufen, regulierend eingreift.

PROWESS-Studie

Die Wirksamkeit der neuen Substanz, Drotrecogin alfa (Xigris®), wurde bei Erwachsenen mit schwerer Sepsis inklusive Organversagen bewiesen. Xigris® ist biotechnologisch rekombinant hergestelltes humanes aktiviertes Protein C.
In die PROWESS-Studie (Activated PROtein C Worldwide Evaluation in Severe Sepsis) wurden 1.690 Menschen mit schwerer Sepsis an 164 Zentren in 11 Ländern aufgenommen und entweder der Plazebo- oder der Verumgruppe zugeordnet. Die Patienten hatten eine Infektion und drei Zeichen einer systemischen Entzündungsreaktion sowie einer sepsisinduzierten Dysfunktion eines Organs.
Die Therapie begann innerhalb von 24 Stunden, nachdem die Einschlusskriterien erfüllt waren. Die Patienten erhielten 96 Stunden lang entweder Drotrecogin alfa i.v. oder Plazebo plus optimale Standardtherapie. Primärer Endpunkt war der Tod 28 Tage nach Therapiebeginn.
ö Xigris® verringerte die 28-Tage- Sterblichkeit absolut um 6,1 %.
ö Das relative Risiko zu versterben war unter Drotrecogin alfa um 19,4% geringer als mit Plazebo.
Einer von fünf Patienten, die unter Standardtherapie allein verstorben wären, überlebte also mit Drotrecogin alfa.

ENHANCE bestätigt Daten

Eine internationale, open-label Phase III-Studie, ENHANCE (Extended Evaluation of Recombinant Human Activated Protein C), wurde vor kurzem im Rahmen der Annual Scientific Assembly of the American College of Chest Physicians (CHEST 2003) in Orlando präsentiert.
ENHANCE inkludierte 2.378 erwachsene Patienten mit schwerer Sepsis und unterstreicht die Ergebnisse der PROWESS-Studie. Prof. Dr. Jean-Louis Vincent, Universität Brüssel, Belgien: "Es zeigte sich klar, dass der Benefit von Xigris® für die Patienten am größten ist, wenn die Therapie innerhalb der ersten 24 Stunden begonnen wird. Die 28-Tage-Mortalität stieg auf 40,5 Prozent, wenn das Präparat erst nach dem ersten Tag verabreicht wurde. Eine ebenso präsentierte retrospektive Analyse der PROWESS-Studie an 1.036 Patienten zeigte, dass das Mortalitätsrisiko eines Patienten mit schwerer Sepsis signifikant erhöht ist, wenn er innerhalb der ersten 24 Stunden Therapie keine Zeichen einer Verbesserung der Organfunktion bietet.
Xigris® kann das Gleichgewicht zwischen den wichtigsten Prozessen, die die Sepsis antreiben, wiederherstellen. Es wirkt anti-thrombotisch, pro-fibrinolytisch und anti-inflammatorisch.
Allerdings kann mit der Therapie ein erhöhtes Blutungsrisiko verbunden sein. Deshalb sind z.B. Patienten mit Hirntrauma, intrazerebralen Blutungen oder großen Operationen von der Therapie ausgeschlossen.
Ernste, mit Xigris® assoziierte Blutungsereignisse wurden in PROWESS bei 2,4 % und in ENHANCE bei 3,6 % der Patienten beobachtet, verglichen mit 1,0 % der Patienten in der Plazebogruppe der PROWESS-Studie.
Das Präparat ist für den Einsatz bei Patienten mit schwerer Sepsis mit mindestens zwei Organversagen als Zusatztherapie zur bestehenden Standardtherapie zugelassen.

Quelle: European Society of Intensive Care
Medicine Congress (ESICM) , Oktober 2003, Amsterdam.

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