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Innere Medizin 13. Juli 2005

Harte Beschwerden - weiche Befunde

Patienten mit einem Reizdarmsyndrom (RDS) machen zirka zwölf Prozent einer Allgemeinpraxis und 30 Prozent einer gastroenterologischen Ambulanz aus, in der Literatur finden sich Prävalenzraten von 6 bis 25 Prozent.
Ein für diese Erkrankung typisches Phänomen ist der so genannte "Reizdarmeisberg" - das heißt, drei Viertel der Patienten gehen überhaupt nicht zum Arzt, etwa ein Viertel konsultiert den Hausarzt und nur ein Prozent wird fachärztlich betreut. Die Geschlechtsverteilung zeigt ein deutliches Überwiegen der Frauen.

Im Rahmen der "Frühjahrstagung der Österreichischen Gesellschaft für Psychosomatik in der Inneren Medizinin Wien referierte Prim. Dr. Peter Weiss, Vorstand der Abteilung für Innere Medizin und Psychosomatik des Krankenhauses der Barmherzigen Schwestern in Wien, über diese häufige Erkrankung.

Das Reizdarmsyndrom, im angloamerikanischen Sprachbereich als Irritable Bowel Syndrom (IBS) bekannt, zählt zu den funktionellen Magen-Darmerkrankungen. Entgegen der weit verbreiteten Annahme, dass das Reizdarmsyndrom eine Ausschlussdiagnose ist, sind für die Diagnosestellung die 1999 festgelegten ROM-II Kriterien zu erfüllen (siehe Kasten).
Die obligaten Kriterien können noch durch fakultative Diagnosekriterien ergänzt werden - dadurch ist eine weitere diagnostische Unterteilung in den Obstipations- beziehungsweise den Diarrhoe-betonten Typ möglich, was einen Einfluss auf die medikamentöse Therapie hat.

Diagnostisch wichtige Maßnahmen

Allgemein zur Diagnostik gehören Laboruntersuchungen, insbesondere Blutbild, BSG und CRP.
Eine Koloskopie wird dringend ab dem 45. Lebensjahr empfohlen, vor allem bei erst kurz bestehendem RDS und bei positiver Familienanamnese bezüglich eines Kolonkarzinoms.

Beim Diarrhoe-betonten Typ des RDS sind vor allem Albumin, Ca, T4 und TSH zu bestimmen sowie ein Laktosetoleranztest und ein Enteroklysma durchzuführen. Beim Obstipations-betonten Typ sind die Bestimmung der Kolontransitzeit und eine Defäkografie wichtig.
Die Pathogenese ist wahrscheinlich multifaktoriell zu postulieren - Störung der viszeralen Sensibilität, auch die Rolle des Serotonins wird intensivst erforscht. Als Tatsache gilt, dass es sich beim Reizdarmsyndrom um eine psychosomatische Erkrankung handelt.

Biopsychosoziales Krankheitsmodell

Patienten mit einem RDS weisen nach psychodiagnostischen Kriterien oft unspezifische abnorme Persönlichkeitsmerkmale auf. Depression, Ängstlichkeit und Somatisierung finden sich in vergleichbarem Ausmaß auch bei anderen somatischen und funktionellen Störungen und können daher eher als unspezifische Folge denn als Ursache einer chronischen Erkrankung angesehen werden.

In der Biografie finden sich in zwei Drittel (!) der Fälle bedeutsame persönliche Verluste, verbunden mit ungelösten, pathologischen Trauerreaktionen. Beschwerden treten gehäuft auf, wenn lebensgeschichtlich wichtige Umstellungen stattfinden und ein aktives Entscheiden erforderlich ist.
All diese Faktoren müssen in die psychosoziale Anamnese einbezogen werden. Die konkrete Frage nach Entscheidungsfindung und Entschlussfähigkeit sollte im Gespräch nicht fehlen.
Bei fast der Hälfte der Patientinnen sind anamnestisch Gewalt oder sexueller Missbrauch zu erheben. Diese Tatsache wirkt sich nachweislich auf die Ausprägung der Erkrankung, auf den Umgang der Patientin mit der Krankheit und auf die Copingfähigkeit aus.

Dem Patienten muss ein klares Setting angeboten werden, vorzugsweise eine Betreuung an einer gastroenterologischen Abteilung mit integrierter Psychosomatik.
Unterstützende Funktion stellt die medikamentöse Therapie dar, wobei drei Substanzgruppen in Frage kommen: Spasmolytika wie Mebeverin, 5HT3-Antagonisten wie Alosetron und 5HT4-Agonisten wie Tegaserod.

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