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Innere Medizin 30. Juni 2005

Wiederholung als heilsames Ritual

"Medizin ist nicht eine Disziplin, die im luftleeren Raum stattfindet, sondern die immer ein Teil der gesellschaftlichen Realität, ein Teil der realen Umgebung und der ehrfurchtgebietenden Institutionen ist", so Doz. Dr. Margot Schmitz, Wien. Wenn ein Mensch bedrohlich krank wird, dann ist der Repräsentant der Medizin nicht nur ein Helfer, sondern auch der Mächtige, der Anwalt der Institution "Krankenhaus und Krankenkasse".

"Der Hausarzt ist wie der Bürgermeister einer Ortschaft; und man muss sich auf seine Freundschaft und seinen Einfluss verlassen, um in den Genuss einer guten Betreuung zu kommen. Der Rest der Medizin in großen Häusern mit lateinischen Aufschriften ist nicht durchschaubare Macht und fremder Einflussbereich", formuliert Schmitz. Diese Aspekte spielen eine sehr große Rolle, vor allem bei sozial isolierten Patienten mit niedrigem Bildungsstand und schlechtem finanziellen Hintergrund. Kommen noch Angst - oder Depression hinzu, die möglicherweise schon die Patienten ein Leben lang begleitet haben, sonstige chronische Risikofaktoren wie Übergewicht, Bluthochdruck, Rauchen, Alkohol, dann verstärken sich die schlechten Vorzeichen. Die Mortalität bei einer Erkrankung - egal welcher - hängt von diesen sozialen Risikofaktoren ab. 

Daher ist der Umgang mit der Krankheit, von Arzt und Patient, nicht durch rationale Faktoren determiniert. Den Patienten interessiert nicht, welche Klassifikation der Tumor in einer bestimmten Skala hat. Wenn eine schwere Krankheit "hereinbricht", interessieren grundlegende Fragen: Warum gerade ich? Ist es eine Strafe? Was habe ich falsch gemacht? Welcher Wunderheiler kann mir helfen, welche Ernährung kann mich heilen und wer sagt, dass der Arzt sich nicht irrt? "Diese Fragen beschäftigen den Patienten, und es muss erlaubt sein, mystische Vorstellungen zu haben, verzweifelt zu sein und dann wieder alles möglichst zu verdrängen", betont Schmitz. 

"Verarbeitung passiert nicht, indem Information gegeben wird und der Patient die Information aufnimmt und dann etwas damit anfangen kann. Information wird meist nicht erinnert, falsch erinnert oder uminterpretiert, dem Weltbild des Betroffenen entsprechend." Einer der wichtigsten heilenden Faktoren sei die Wiederholung. Die Wiederholung des Unfassbaren, wie ein Ritual, eine magische Formel wirke wie Nektar und Ambrosio, und der Arzt könne diese Medizinmannseite einbauen. 

Ist ausreichend Wiederholung möglich, dann kann bei jeder Wiederholung ein kleines Detail verändert oder eines dazugefügt werden - wie beim Märchenvorlesen: Hat das Kind das Märchen ausreichend oft gehört, dann darf auch etwas anders sein. Dann gibt die Angst den Verstand wieder frei. Dann ist ein Fenster offen, durch das Information geschoben werden kann. Der Arzt kann Medizinmann sein und so die Angst des Patienten mittragen.

Schmitz: "Allerdings, Angst ist ansteckend. Ermüdung, Erschöpfung und Gereiztheit sind kein Klima für Austausch von Erfahrungen. Hilfe ist es dann, wenn die Aufklärung darin besteht, dass der Arzt zuhört und der Patient redet. Nur die Fragen, die der Patient hat, sollen beantwortet werden. Immer wieder, jedes Mal ein Stück mehr. Die Begleitung ist vor allem eine aushaltende, stille, soweit die Kräfte reichen. Supervision und Austausch sind unbedingt nötig für den Helfer."

Warum ist das für Ärzte so schwer? Ärzte haben einen Gegner, das ist der Tod. Das Leben inkludiert den Tod. Es ist wichtig, die Todesangst des Patienten von der Todesangst des Arztes zu unterscheiden. Die Frage der Eigenvorsorge können Arzt und Patient austauschen, die Frage "Was erlaube ich mir, um jetzt für mich Zeit zu haben und mich glücklich zu fühlen, was ist die Freude dieser Woche, was ist das heutige High-light, welches innere Glücksbild habe ich, wenn ich eine Minute ausraste?"

"Oft ist dies deshalb so schwierig, weil die Angst auf beiden Seiten ist", analysiert Schmitz. "Heilkraft entfaltet sich dann, wenn die Darstellung und der Ausdruck dessen, was gerade ist, empathisch ausgetauscht wird. Das ist keine medizinische Aufgabe, das ist eine tragende Rolle. Beide Darsteller auf der Lebensbühne sind gefordert." Eine psychotherapeutische Schule formuliert das so: "Schiebe den Fluss nicht, er fließt von selbst!" 

Vortrag im Rahmen des 33. Kongresses  für Allgemeinmedizin, Graz, November 2002

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