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Innere Medizin 30. Juni 2005

Mit dem Skalpell gegen die Verstopfung

Tagelanges Stuhlverhalten, endlose "Sitzungen" am WC, quälendes Pressen und dennoch das Gefühl der unvollständigen Entleerung - unzählige Menschen leiden an chronischer Verstopfung. Die Symptomatik wird sowohl von den Betroffenen selbst - meist Frauen im mittleren und fortgeschrittenen Lebensalter - als auch von den behandelnden Ärzten häufig auf eine chronische Darmträgheit zurückgeführt. Die Folge chronischer Verstopfung ist oft ein Missbrauch von Abführmitteln, der gerade bei älteren Patienten über Wasserentzug und Kaliummangel zu einer Verschlimmerung der Symptomatik führt.

In vielen Fällen ist aber nicht Darmträgheit die Ursache, sondern eine Rektocele. Die Rektocele ist eine sackförmige Deformierung des Enddarmes, die als unphysiologisches Stuhlreservoir wirkt und eine normale Defäkation unmöglich macht.

Erkrankung der Darmwand

Bisher wurde nur Patienten mit extrem großen Rektocelen zur Operation geraten; in der Annahme, die Ursache der Enddarmdeformierung sei eine Schwäche des muskulären Beckenbodens, erfolgte die Korrektur durch aufwändige operative Rekonstruktion der Beckenbodenmuskulatur. Schmerzhafte Operationswunden im Bereich des Dammes und der Scheide waren unvermeidlich.

Im Krankenhaus St. Elisabeth in Wien wurde vor kurzem eine neue Operationsmethode zur Behandlung einer Rektocele präsentiert. Der bereits durch sein Hämorrhoidenoperationen mittels der Staplertechnik weltbekannte italienische Chirurg Dr. Antonio Longo konnte durch zahlreiche Untersuchungen nachweisen, dass nicht die Größe der Rektocele, sondern ein Defekt in der dünnen Muskelschicht der Darmwand für die Beschwerden der Patienten verantwortlich ist. Eine große Rektocele mit erhaltener Muskelschicht der Darmwand macht so gut wie nie Symptome; wenn aber die Muskulatur der Darmwand defekt ist, werden schon kleine Rektocelen symptomatisch.

Ein kurzdauernder und schonender Eingriff

Longo schloss daraus, dass die Rektocele primär eine Erkrankung der Darmwand und nicht des Beckenbodens ist. Sein nächster Schritt war, zusammen mit dem Konzern Johnson und Johnson Ethicon eine Nahtmaschine zu entwickeln, mit der es nun möglich ist, den muskelschwachen Teil der Mastdarmwand zu entfernen und den Defekt zu schließen. Longo: "Vor der Operation ist aber eine genaue radiologische Abklärung mittels Defäkographie und Ultraschall erforderlich." Die teils aufwendigen Voruntersuchungen zur exakten Diagnostik wurden von der röntgenologischen Abteilung des KH St. Elisabeth unter der Leitung von Primaria Dr. Boller durchgeführt.

Der Eingriff kann in Epidural- oder Allgemeinanästhesie durchgeführt werden und dauert etwa 30 Minuten. Da die Maschine über den After eingeführt wird, werden schmerzhafte Operationswunden im Bereich des Dammes und der Scheide vermieden. Die Operationsnaht im Inneren des Darmes ist schmerzlos, weil die Darmwand keine Schmerznerven besitzt. Es wird keine Nachbehandlung benötigt, die Patienten können in der Regel zwei Tage nach der Operation wieder entlassen werden. Bei über 90 Prozent der Patienten haben sich die Beschwerden eindrucksvoll gebessert.

Însgesamt wurden von dem italienischen Chirurgen weltweit über 500 Patienten mit der neuen Methode operiert; allein im KH St. Elisabeth in Wien-Landstraßse wurde vor kurzem im Rahmen des 35. Workshops die 100. Operation von Longo durchgeführt. Bereits seit einiger Zeit besteht die sehr erfolgreiche Kooperation von Longo mit der chirurgischen Abteilung des KH St. Elisabeth (Leitung: Doz. Dr. Martin Glöckler). Interessierte aus aller Welt kommen zur Demonstration und zum Training der neuen, transanalen Resektionsmethode der Rektocele. Glöckler: "Wir bekommen von überall Nachfragen nach unseren Workshops!"

Bisher sind keine ernsthaften Komplikationen aufgetreten; ab und zu kann es in den ersten postoperativen Tagen zu einem gehäuften Stuhlabsetzen kommen. Die Defäkation muss so zu sagen erst neu "gelernt" werden.

Glöckler: "Die Patienten sind wegen der enormen Verbesserung der Lebensqualität sehr dankbar!"

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