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Innere Medizin 30. Juni 2005

Lebendnierenspender sind gefragt

Die Nierentransplantation ist nicht nur die älteste klinisch angewandte Transplantation, sondern auch im Vergleich zu anderen Organtransplantationen eine Therapieform mit der höchsten Versorgungswirksamkeit in der Bevölkerung. Etwa 50% aller in Österreich an einem Endstadium einer Nierenerkrankung leidenden Patienten sind erfolgreich nierentransplantiert (n=2.960; 31.12.2001). Die Eignung eines terminal Nieren-insuffizienten Patienten für eine Transplantation wird durch einen standardisierten Untersuchungsalgorithmus festgestellt. 

Mit etwa 50 Nierentransplantationen pro Million Einwohner/Jahr liegt Österreich weltweit im Spitzenfeld. Der Wartelistenumfang bleibt relativ konstant, die Wartezeit auf eine Niere beträgt in Österreich durchschnittlich etwa 18 Monate. Möglich sind diese Erfolge durch das relativ gute Spenderaufkommen in Österreich und auch durch eine zunehmende Frequenz an Lebendspendertransplantationen. 

Keine definitive Lösung

Die Nierentransplantation verbessert entscheidend die Lebensqualität und die Überlebensrate der Patienten, da die Überlebenszeit mit einer transplantierten Niere bedeutend länger ist als an der Dialyse und die Lebensqualität unabhängig von der dreimal wöchentlich durchzuführenden Dialyse unvergleichlich höher ist. 
Zudem ist die Organtransplantation wesentlich billiger als die Dialyse. Sogar im Jahr, in dem die Transplantation erfolgt, sind die Kosten um zirka 20 Prozent unter den jährlichen Dialysekosten.

Die Einjahresorganfunktionsrate ist etwa 90 Prozent, die Patientenüberlebensrate in Abhängigkeit von der Komorbidität der Empfänger bei etwa 95 Prozent. Die so genannte Halbwertszeit, also jener Zeitpunkt, an dem noch 50 Prozent der Organe in Funktion sind, beträgt etwa zehn Jahre. Dies bedeutet, dass nach dem ersten Jahr mit einem jährlichen Transplantatverlust von 3-5% infolge immunologischer und nicht immunologischer Verwerfungsprozesse zu rechnen ist. Demnach ist die Nierentransplantation keine definitive Lösung der Urämiebehandlung, sondern eine langfristig temporäre. Urämische Patienten können deshalb im Laufe ihres Lebens mehreren Transplantationen unterzogen werden.

Alle Patienten müssen auf die Dauer der Transplantatfunktion immunsuppressive Medikamente einnehmen, um eine Abstoßung zu verhindern. Diese Medikamente haben Nebenwirkungen, die im Rahmen der Nachbetreuung genau beobachtet und balanciert werden müssen. Es stehen zunehmend neue immunsuppressive Medikamente zur Verfügung, welche die gleiche immunsuppressive Potenz der bisherigen Medikamentenpalette aufweisen, die jedoch ein deutlich geringeres Nebenwirkungsprofil zeigen. Mit individuell auf den Patienten zugeschnittenen immunsuppressiven Protokollen hoffen wir auch die Halbwertszeit in Zukunft weit über zehn Jahre ausdehnen zu können.

Prinzipiell kann, wie eingangs erwähnt, die Nierentransplantation unter Heranziehung eines Leichennierenspenders oder die Verwendung eines Lebendspenders durchgeführt werden. Trotz Zunahme der Lebendspende in den letzten Jahren liegt das Verhältnis Leichenspende : Lebendspende in Österreich bei etwa 85% : 15%, während in Amerika und Skandinavien 40-50% aller Nierentransplantationen in Form einer Lebendspende durchgeführt werden. Um den Gedanken der Lebendnierenspende in Österreich weiter zu forcieren und zu propagieren und die Öffentlichkeitsarbeit zu verbessern, soll darauf in diesem Artikel genauer eingegangen werden.

Voraussetzungen für Lebendnierenspende

Der Begriff "Lebendnierenspende" bedeutet, dass ein lebender Mensch einem anderen seine Niere schenkt, ohne an materielle oder ähnliche Vorteile zu denken. Bei der Operation wird die gesunde Niere des Spenders auf einen Empfänger übertragen, dessen Nieren nicht mehr arbeiten und praktisch funktionslos sind. Wenn die Bereitschaft zur Spende frühzeitig vorhanden ist, kann dem Empfänger die mitunter lange und schwere Dialysezeit erspart bleiben. 

Generelle Grundvoraussetzung für eine Nierenspende ist die Verträglichkeit der Blutgruppe zwischen Spender und Empfänger und eine negative immunologische Vortestung. Der Lebendnierenspender muss als weitere Voraussetzung zwei normal funktionierende Nieren besitzen, darf kein Diabetiker sein und keinen hohen Blutdruck aufweisen. 

Die definitive Eignung für eine Lebendnierenspende wird analog der Empfängervoruntersuchung nach einem genau definierten Untersuchungsprotokoll festgestellt. Die Erfolgsquote der Lebendnierentransplantation ist ausgezeichnet und liegt deutlich über den Ergebnissen der Leichennierentransplantation. Je genetisch ähnlicher Spender und Empfänger sind, desto besser das Ergebnis. 

Auch Lebendnierenspenden von Lebenspartnern oder Ehegatten - also nicht verwandten Personen beziehungsweise emotional verwandten Personen - weisen eine außerordentlich hohe Erfolgsquote auf. Die Nieren von Lebendspendern funktionieren im Durchschnitt etwa doppelt so lange wie jene von Leichennierenspendern.

Bei der Spenderoperation wird ein Eingriff an einer Person vorgenommen, die diese Operation nicht braucht und die ein geringes Risiko von Komplikationen eingeht. Aus diesem Grund muss man in Ruhe über die Lebendnierenspende diskutieren. Keinesfalls darf der Dialysepatient einen Angehörigen oder Partner zur Spende drängen oder über eine Ablehnung enttäuscht sein. Das Transplantationsteam versichert sich, dass eine Lebendspende aus freien Stücken und ohne Drängen oder Versprechen irgendwelcher Gegenleistungen geschieht. 

Grundsätzlich kann ein Nieren-spender nach der Operation alle Lebensgewohnheiten unverändert beibehalten. Die verbleibende Niere genügt vollkommen für ein ganz normales Leben. Das Risiko, an den Folgen einer Nierenentnahme ums Leben zu kommen, ist wesentlich geringer als bei einem Verkehrsunfall zu sterben. Die jährlichen Nachsorgeuntersuchungen des Lebendnierenspenders sind der Früherkennung der Entwicklung eines erhöhten Blutdrucks sowie der Kontrolle der Nierenfunktionsleistung gewidmet. 

Ökonomische Aspekte

Neben den vielen Vorteilen des Empfängers hinsichtlich Lebensqualität und Rehabilitationsgrad mit einem funktionierenden Transplantat sprechen auch ökonomische Aspekte für die Lebendnierentransplantation. Durch die Verkürzung der Dialysezeit sowie die Verkürzung der Wartezeit werden durch die Lebendnierenspende im Vergleich zur Leichennierenspende von gesundheitsökonomischer Seite wesentliche Kosten eingespart.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein organersatzpflichtiges chronisches Nierenversagen zweifellos eine schwere Schicksalslast bedeutet, die jedoch durch eine erfolgreiche Nierentransplantation wesentlich erleichtert werden kann. Die Nierentransplantation stellt daher die Therapie der ersten Wahl bei terminaler Niereninsuffizienz dar.

Prof. Dr. Josef Kovarik, Ärzte Woche 9/2004

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