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Innere Medizin 30. Juni 2005

Wissen fördert die Compliance

Während die Zahl terminal niereninsuffizienter Patienten Jahr für Jahr kontinuierlich ansteigt, hat sich trotz großer Fortschritte auf dem Gebiet der Nierenersatztherapie ihre Prognose in Bezug auf Morbidität und Mortalität in den vergangenen Jahren nur geringfügig verbessert. In den letzten Jahren wurden verschiedene Strategien entwickelt, um mittel- bis langfristig die Epidemie terminal niereninsuffizienter Patienten einzudämmen. Die Erfahrung zeigt, dass trotz genauer und ausführlicher Aufklärung der Patienten am Krankenbett und in der Ambulanz ihr Informationsstand über die Erkrankung, deren Folgen und die möglichen Therapieoptionen meist erschreckend niedrig ist. 

Gründe für mangelndes Wissen

Dies mag damit zusammenhängen, dass die Aufnahmefähigkeit während eines stationären Aufenthaltes beziehungsweise eines Ambulanzbesuches begrenzt ist, die Patienten durch die aktuell durchzuführenden Untersuchungen überlastet und daher für Dinge, die ihr zukünftiges Leben betreffen, nicht mehr aufnahmebereit sind. Häufig ist aber auch die Zeit des betreuenden Arztes limitiert. Aus diesen Gründen gibt es an manchen großen nephrologischen Zentren bereits seit einigen Jahren Informations- beziehungsweise Schulungsveranstaltungen über das Thema Nierenersatztherapie, teilweise in Anlehnung an die seit vielen Jahren erfolgreichen Schulungen beim Diabetes mellitus. 

Unwissenheit und Verdrängung bilden die Grundlagen für die oft mangelhafte Compliance unserer Patienten, wodurch der Erfolg vieler Therapiemaßnahmen in Frage gestellt wird. Es sollte daher eine Herausforderung für uns Ärzte sein, durch entsprechende Aufklärung und Schulung Missverständnisse von Seiten der Patienten auszuräumen und ihnen die Angst vor einer ungewissen Zukunft zu nehmen. Inzwischen gibt es vereinzelt auch "harte" Daten, die zeigen, dass durch umfassende Information die Prognose und die Lebensqualität der Nierenpatienten verbessert werden kann.

Im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern vom Hl. Kreuz in Wels wurde im Oktober 2001 an der 3. Internen Abteilung (Vorstand: Prim. Dr. R. Kramar) ein Schulungsprogramm für Nierenpatienten etabliert, welches im Folgenden kurz vorgestellt werden soll. Das Projekt wurde von Ärzten in Zusammenarbeit mit Dialyseschwestern und Diätassistentinnen unter Einbeziehung der Patientenvereinigung (Dialyseverein) entwickelt. Derzeit wird die Schulung zweimal jährlich an jeweils zwei Vormittagen abgehalten. Eingeladen sind alle Nierenpatienten, in erster Linie ist die Veranstaltung jedoch für jene Patienten gedacht, die in absehbarer Zeit einer chronischen Nierenersatztherapie bedürfen. Bislang werden die Patienten ausschließlich aus unserer Ambulanz mittels aufliegender "Flyer" rekrutiert, wobei Patienten mit weit fortgeschrittener Niereninsuffizienz zusätzlich eine persönliche schriftliche Einladung erhalten. Pro Patient können auch ein bis zwei Begleitpersonen an der Schulung teilnehmen. 

Die Schulung beginnt mit einem Überblick über die wichtigsten Aufgaben der Nieren, danach lernen die Zuhörer die wichtigsten Symptome und einige Krankheitsbilder aus der Nephrologie kennen. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde der einzelnen Teilnehmer werden die drei Verfahren der Nierenersatztherapie erklärt und die jeweiligen Vor- und Nachteile erläutert. Da an unserem Zentrum nicht transplantiert wird, verwenden wir bei der Präsentation der Nierentransplantation den didaktisch hervorragenden Film von Prof. Dr. Pohanka und Kollegen vom AKH Wien.

Weitere Schulungsinhalte 

Der zweite Vormittag beginnt mit einem Besuch auf der Hämodialysestation, je nach Verfügbarkeit wird den auf zwei Gruppen aufgeteilten Schulungsteilnehmern auch ein Peritonealdialysepatient vorgestellt. Danach steht ein Vortrag über Nierendiät und potenzielle Diätfehler mit den zu erwartenden Konsequenzen auf dem Programm, weiters eine Aufklärung über Hilfestellungen in sozialen Fragen (Steuerbegünstigungen, Rezeptgebührenbefreiung etc) Es folgt eine Übersicht über das Leben mit der Dialyse, über die oft notwendigen Einschränkungen (soziale Kontakte, Sexualität, Sport, Urlaub usw.) und manchmal auch unerwarteten Möglichkeiten, die sich durch die Krankheit ergeben (Krankheit als Chance, sein Leben aktiv zu gestalten). Als Brücke hin zu den Patienten steht am Ende des zweiten Vormittags ein Vortrag eines Vertreters des Patientenselbsthilfevereins. Dies sind meist bewegende Momente, weil ein/e selbst Betroffene/r authentisch und mit viel Engagement den Patienten Mut zusprechen kann.

An den bisher bei uns abgehaltenen drei Patientenschulungen nahmen jeweils zwischen 25 und 30 Teilnehmer teil, wobei etwa zwei Drittel davon Patienten und ein Drittel Angehörige waren. Nach dieser relativ kurzen Zeit ist es noch nicht möglich, den Erfolg der Schulungen in konkreten Zahlen auszudrücken. Das Echo auf diese Veranstaltungen war jedesmal groß, viele Patienten hätten sich diese Informationen zu einem früheren Zeitpunkt gewünscht. 

Welche Pläne haben wir für die Zukunft? Die Schulung von präterminalen Nierenpatienten wird sicher ein Schwerpunkt unserer Bemühungen bleiben. Hierbei streben wir eine kontinuierliche Verbesserung der Qualität unserer Vorträge an. Ein fernes Ziel ist die Etablierung eines Schulungsprogrammes für Patienten mit geringfügig eingeschränkter Nierenfunktion, um durch entsprechende prophylaktische Maßnahmen die Progression der Nierenerkrankung hinauszuzögern beziehungsweise überhaupt zu verhindern.

Dr. Manfred Wallner, Ärzte Woche 9/2004

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