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Innere Medizin 31. März 2006

Nierenkranke kommen viel zu spät

Es gibt in den frühen Erkrankungsstadien praktisch keine auf die Nieren weisenden Leitsymptome. Die Patienten klagen allenfalls über allgemeines Unwohlsein. Der Hausarzt spielt daher sowohl bei der Früherkennung von Risikopatienten als auch – in Liaison mit dem Nephrologen – bei der Weiterbetreuung eine wichtige Rolle.

„Die meisten Nierenerkrankungen präsentieren sich über lange Zeit ohne auffällige, zielgerichtete Beschwerden“, so Doz. Dr. Friedrich Prischl, 3. Interne Abteilung, Klinikum Kreuzschwestern, Wels. „Es gibt in den frühen Erkrankungsstadien praktisch keine auf die Nieren weisenden Leitsymptome. Die Patienten klagen allenfalls über allgemeines Unwohlsein.“ Aktuelle Daten aus dem amerikanischen Dialyseregister und aus der NHANES-Studie zeigen, dass rund zehn Prozent der amerikanischen Bevölkerung eine Niereninsuffizienz unterschiedlichen Ausmaßes aufweisen; 0,1 Prozent dieser Patienten werden dialysepflichtig. Beim Großteil der Patienten mit Nierenschwäche wird die Problematik erst spät erkannt. Das österreichische Dialyse- und Transplantationsregister kennt im Jahr 2002 6.302 Patienten mit Nierenersatztherapie; die Hälfte davon ist nierentransplantiert. Insgesamt dürften in Österreich 600.000 Menschen mit einer Nierenfunktionseinschränkung unterschiedlichen Ausmaßes leben. Dialysepatienten aller Altersstufen weisen eine Lebenserwartung unter 50 Prozent der Allgemeinbevölkerung auf. Eine 40-jährige Dialysepatientin, die als gesunde Person eine Lebenserwartung von 82,5 Jahren hätte, wird unter der Dialyse nur noch 16,5 Jahre leben. Die stark reduzierte Lebenserwartung sowie die Mühen und Plagen der Nierenersatztherapie veranlassen die österreichischen Nephrologen dazu, Alarm zu schlagen, um die Chancen einer Früherkennung von Nierenfunktionsstörungen zu erhöhen.

Geringere Lebenserwartung

Hauptauslöser für Nierenfunktionsstörungen sind Diabetes mellitus und vaskuläre Krankheiten. Als zusätzliche renale Risikofaktoren gelten Nikotinkonsum, Adipositas, Hyperlipidämie, Hypertonie und die Gabe nephrotoxischer Substanzen, zum Beispiel nichtsteroidale Anti-rheumatika sowie bestimmte Antibiotika. Klinische Studien zeigen, dass Patienten mit einer fortgeschrittenen Niereninsuffizienz, die dem Nephrologen zu spät vorgestellt werden, eine deutlich geringere Lebenserwartung haben. Die Prognose dieser Patienten verbessert sich bereits signifikant, wenn sie mehr als einen Monat vor Beginn der Nierenersatztherapie den Nephrologen aufsuchen. Die Mortalität ist um 40 Prozent höher, wenn niereninsuffiziente Patienten weniger als 90 Tage vor Beginn der Dialyse zum Nephrologen kommen. Wichtige Aufgaben des Nephrologen sind die Erstellung der Diagnose, die Beurteilung der Nierenfunktion und die Einleitung einer spezifischen Therapie, zum Beispiel Immunsuppressiva bei Glomerulonephritis, oder in Zusammenarbeit mit dem Hausarzt und anderen Fachärzten die Optimierung der Blutzucker- und Blutdruckkontrolle. Die Nierenersatztherapie sollte beginnen, bevor die Niereninsuffizienz das urämische Stadium erreicht. Die Patienten sollten umfassend informiert werden und ohne Zwang ihre Entscheidung für eine Hämo- oder Peritonealdialyse beziehungsweise eine Nierentransplantation treffen können. Allerdings ist nur ein Drittel der dialysepflichtigen Patienten für eine Organtransplantation geeignet; bei zwei Drittel bilden Begleiterkrankungen eine Kontraindikation. Aus nephrologischer Sicht gibt es ein paar wichtige „Botschaften“ (siehe Kasten) an die vorbetreuenden Ärzte. Der Hausarzt spielt nicht nur bei der Früherkennung von Risikopatienten eine entscheidende Rolle, sondern auch bei der Compliance-fördernden Weiterbetreuung in Liaison mit dem Nephrologen. Prischl: „Nephrologen drehen als medizinische Ingenieure an den therapeutischen Feineinstellschrauben der Pathophysiologie, zum Beispiel bezüglich Überwässerung, Azidose, Hyperparathyreoidismus, Hyperphosphatämie, Vitamin D-Substitution, renaler Anämie und Infektionsprophylaxe durch zeitgerechte Impfungen.“

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