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Innere Medizin 30. Juni 2005

Frauen holen beim kardiovaskulären Risiko auf

Die zeitliche Verschiebung kardialer Events bei Frauen ist auf jahrzehnte-lange Gefäßprotektion vor allem durch Östradiol und Progesteron zurückzuführen.

Die koronare Herzkrankheit tritt bei Frauen 10 Jahre, der Myokardinfarkt 20 Jahre später auf als bei Männern – ein Effekt der Gefäßprotektion durch Sexualhormone. Sie steuren Lipidstatus, Körpergewicht, Hüft- und Bauchumfang, Glukosemetabolismus und Insulinresistenz sowie den arteriellen Blutdruck. Der positive Einfluss der Östrogene auf das Lipidprofil ist einerseits durch eine up-regulation der (hepatischen) LDL-Rezeptoren gegeben, andererseits wird auch die Apo-AI-Synthese gesteigert, wodurch Cholesterol via HDL rasch aus der Zirkulation entfernt werden kann. Triglyzeride und LDL steigen mit zunehmendem Lebensalter an, was offenbar durch reduzierte zelluläre Aufnahme der Substanzen aus dem Blutstrom bedingt ist. Ein Mangel an LDL-Rezeptoren kann durch Östradiol-Zufuhr korrigiert und somit der LDL-Cholesterin-Spiegel gesenkt werden. Körpergewicht und BMI, aber besonders auch das Fettverteilungsmuster hinsichtlich androgyn und gynoid sind von Sexualsteroiden beeinflusst. Gerade der prognostisch äußerst bedeutsame Taillenumfang, aber auch der Hüftumfang werden hormonell gesteuert: Progesteron unterdrückt die kortisolinduzierte Größenzunahme abdominaler Fettzellen, Androgene fördern durch up-regulation der die Lipolyse stimulierenden ß3-Rezeptoren den Fettabbau im Bauchbereich. Somit kann das Sistieren der Ovarialfunktion die androide Fettverteilung bei Frauen fördern, sinkt doch mit zunehmendem Lebensalter sowohl die Progesteron- als auch Androgenproduktion der Ovarien. Auch das Hungergefühl wird von Hormonen gesteuert: Leptin, das ein Sättigungsgefühl induziert, wird in den Adipozyten unter Östradioleinfluss vermehrt gebildet, es fördert aber auch die Androgenproduktion und trägt somit zum Fettabbau im Abdominalbereich bei. Die bei postmenopausalen Frauen häufig anzutreffende abdominelle Adipositas ist also nicht immer nur auf eine hyperkalorische Ernährung zurückzuführen, sondern kann durchaus auch durch hormonelle Veränderungen bedingt sein. Der Blutdruck, insbesondere der systolische, zeigt bei Frauen oft einen typischen Anstieg um das 50. Lebensjahr, dies ist bei Männern selten anzutreffen – ihr Blutdruck steigt von jungen Jahren an kontinuierlich an. Ursache dafür mag das Absinken des Östrogenspiegels um die Lebensmitte sein. Östrogene haben sowohl Einfluss auf die Endothelfunktion – sie stimulieren die NO-Produktion und wirken auch antioxidativ – als auch auf die glatte Gefäßmuskulatur im Sinne von vasodilatierenden Kalziumantagonisten.

Diabetes schädigt Frauen mehr

Ein Diabetes mellitus hat für Frauen wesentlich gravierendere Folgen als für Männer: während ein diabetischer Mann im Vergleich zum Stoffwechselgesunden ein dreifaches koronares Risiko aufweist, steigt dieses bei einer diabetischen Frau auf das Achtfache der nichtdiabetischen Frau an. Eine neuere Metaanalyse von zehn prospektiven Studien relativiert diese Geschlechtsspezifität allerdings. Der Weg vom Östrogendefizit zum Diabetes mellitus umfasst eine gesteigerte adrenerge Reagibilität mit peripherer Vasokonstriktion einerseits und andererseits vermehrte Freisetzung freier Fettsäuren im Rahmen einer gesteigerten Lipolyse. Freie Fettsäuren führen durch Blockade der Rezeptoren zur Insulinresistenz. Die besondere Bedeutung von Nikotin als kardiovaskulärer Risikofaktor bei Frauen liegt neben der Sympathikusaktivierung mit Vasokonstriktion und negativem Einfluss auf Gerinnungsparameter im beschleunigten Östrogenabbau und einem dadurch vorverlegten Menopausebeginn. Rauchen verursacht auch massiven oxidativen Stress und verstärkt so die durch Östrogenmangel induzierte Störung der Endothelfunktion.Östrogene haben eine ausgesprochen antioxidative Wirkung und schützen dadurch die Gefäßwände umfassend vor atherosklerotischen Veränderungen. Frauen, die über einen längeren Zeitraum mehr als 25 Zigaretten pro Tag rauchen, verzehnfachen ihr kardiovaskuläres Risiko im Vergleich zu Nichtraucherinnen. Vor allem Raucherinnnen, die orale Kontrazeption verwenden, sind gefährdet. Frauen zeigen übrigens bei kardiovaskulären Erkrankungen und speziell beim Herzinfarkt deutlich andere Symptome als Männer.

OA Dr. Heidemarie Pilz, Ärzte Woche 15/2001

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