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Innere Medizin 30. Juni 2005

Mehr Betten für die Nephrologie

Die ÄRZTE WOCHE sprach mit dem Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Nephrologie, Prof. Dr. Josef Kovarik, Vorstand der Abteilung für Nephrologie und Dialyse, Wilhelminenspital, Wien.

Welche Ziele haben Sie sich in Ihrer Rolle als Präsident der Gesellschaft für das kommende Amtsjahr gesteckt?
Kovarik: Eines der vorrangigsten Ziele, das wir verfolgen, ist die bundesweite, flächendeckende Hämodialysebetreuung. Die mangelnden Ressourcen betreffen hier vor allem den Osten Österreichs. Darüber hinaus versuchen wir, die Peritonealdialyse weiterhin zu forcieren. Die verstärkte Zusammenarbeit mit den zuweisenden Ärzten ist ein weiterer wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit: Um bereits im Vorfeld einer schweren Nierenschädigung präventiv tätig zu werden, muss der Früherkennung nephrologischer Probleme seitens der Allgemeinmediziner oder fachärztlicher Disziplinen im niedergelassenen Bereich großes Augenmerk geschenkt werden.
Wünschenswert wäre die rechtzeitige Zuweisung an einen nephrologischen Spezialisten, im Sinne eines „early referral“. Oft wird erst dann ein Nephrologe zu Rat gezogen, wenn der Patient nahe am terminalen Nierenversagen ist. Die betreuenden Hausärzte sollten daher insbesonders bei der Behandlung von Patienten mit Atherosklerose, Hypertonie oder Diabetes mellitus die Niere im Auge behalten und die Spezialisten bei Bedarf möglichst früh einbinden. Eine Kreatininerhöhung, das Auftreten einer Albuminurie mit oder ohne Ödembildung, eine schwer einstellbare Hypertonie, ein pathologisches Harnsediment, die Entwicklung einer renalen Anämie oder das Auftreten von Störungen im Kalzium-Phosphat-Stoffwechsel bedürfen einer raschen Abklärung.

Haben die Spezialabteilungen für die Betreuung nephrologischer Patienten überhaupt die notwendigen Ressourcen?
Kovarik: Natürlich sind nephrologische Spezialambulanzen rasch ausgelastet. Die Kapazitäten dieser Ambulanzen reichen jedoch für die Abklärung nephrologischer Erkrankungen aus. Die Dauerbehandlung muss in Kooperation mit den niedergelassenen Kollegen erfolgen. Wir wollen die vorgestellten Patienten nur begleitend im Sinne von Therapievorschlägen behandeln und nicht an uns binden, sondern wieder in hausärztliche Betreuung übergeben. Dafür ist eine gute Kooperation zwischen den Zuweisern und den Ambulanzen nötig.

Wie soll die Zukunft der Nephrologie nach der Strukturreform aussehen?
Kovarik: Die Nephrologie ist eine Disziplin, deren Klientel sich zunehmend aus älteren Personen zusammensetzt. Aufgrund der Überalterung der Gesellschaft muss eine entsprechende Aufstockung der vorhandenen Betreuungseinrichtungen vorgenommen werden. Die nephrologische Bettenkapazität ist bereits heute zu knapp bemessen. Dem steigenden Bedarf muss man im Rahmen der Strukturdiskussion daher unbedingt Rechnung tragen.

Im April vergangenen Jahres wies Ihre Gesellschaft auf die Engpasssituation in der Dialyseversorgung in Österreich hin. Wie ist der Stand der Dinge?
Kovarik: Vor allem in Ostösterreich ist die Betreuung noch nicht ausreichend. Nach wie vor müssen rund 50 Patienten in der sogenannten „Vierten Schicht“ – die Nachtdialyse oder die Behandlung an nicht systemisierten Hämodialyseplätzen – behandelt werden. Die Zuwachsrate an Dialysepatienten liegt in Wien seit Jahren bei über sechs Prozent. Die steigende Prävalenz insbesonders durch den Zuwachs an Patienten mit Typ 2 Diabetes lässt auch zukünftig einen vermehrten Bedarf erwarten. Deshalb hat heuer das Wiener Hanusch-Krankenhaus bereits Teile der Dritten Schicht eröffnet, auch KFJ und SMZ-Ost haben ausgebaut. Ein Stufenplan zur optimalen Lösung der Wiener Dialysesituation bis zum Jahr 2010 wird zur Zeit in Abstimmung mit dem Büro der Stadträtin für Gesundheit, dem KAV, den Planungsökonomen des Gesundheitsministeriums, dem Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheitswesen, den Sozialversicherungsträgern sowie der Österreichischen Gesellschaft für Nephrologie und den Wiener Primarärzten ausverhandelt.

Über welche Neuerungen gibt es auf nephrologischem Gebiet zu berichten?
Kovarik: Die Aufklärung pathophysiologischer Mechanismen im Gesamtgebiet der Nephrologie zeigt permanent große Fortschritte, wodurch laufend neue Therapiekonzepte formuliert werden. Rezent wurden beispielsweise neue innovative Substanzen zur Behandlung des sekundären Hyperparathyreoidismus in die Klinik eingeführt. Erfreulich ist auch die Entwicklung im Bereich der Transplantationsmedizin. Vor allem die Langzeitergebnisse nach Nierentransplantationen werden durch individuelle Immunsuppresion und optimierte Nachbehandlung zunehmend besser. Allerdings sinkt der prozentuale Anteil der Dialysepatienten, die für eine Nierentransplantation in Frage kommen. Denn trotz guter Transplantationsraten sind viele Patienten, die in Dialysebehandlung stehen, zunehmend älter und damit auch komorbider. Dadurch erklärt sich auch der ständig steigende Dialyseplatzbedarf. Ursächlich für diese Entwicklung sind neben der Überalterung des Patientenkollektivs auch die verbesserte Vorfeldmedizin, wie etwa Stroke-units oder die interventionelle Kardiologie, wodurch ein Erleben der terminalen Niereninsuffizienz möglich wird.

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