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Innere Medizin 30. Juni 2005

Jeder profitiert von normalen Blutdruckwerten

Die ÄRZTE WOCHE sprach mit Prof. Dr. Karl Silberbauer, Ärztlicher Leiter des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder, Eisenstadt, und Präsident der Gesellschaft für Hypertensiologie.

Was haben Sie sich als neuer Präsident der Gesellschaft für Hypertensiologie vorgenommen?
Silberbauer: Wir sollten bemüht sein, die Hypertensiologie nicht isoliert zu betrachten, sondern alle Randbereiche mit zu berücksichtigen. Daher werde ich mich auch zukünftig bemühen, die anderen Fachgesellschaften zu kontaktieren und gemeinsame Aktivitäten durchzuführen. So arbeiten wir bereits mit den Nephrologen und Kardiologen vor allem im Bereich der Prävention eng zusammen. Die kommende Jahrestagung 2005 gestalten wir gemeinsam mit einer Arbeitsgemeinschaft der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft.
Einen wichtigen Stellenwert hat aber vor allem die Öffentlichkeitsarbeit. Sie wird bereits seit Jahren sehr aktiv gestaltet. In diesem Sinne möchte ich diese auch fortführen. Wir müssen einerseits das Bewusstsein in der Bevölkerung steigern, andererseits auch das Wissen um die Notwendigkeit einer guten Blutdruckeinstellung bei den Ärzten verbessern.

Mit welchen Maßnahmen möchten Sie das erreichen?
Silberbauer: Hier ist vor allem eine gute Basisarbeit erforderlich. Die von der Gesellschaft erstellten Pocket-Guidelines „Klassifikation, Diagnostik und Therapie der Hypertonie 2004“ bieten in kurzer Form Richtlinien zur Behandlung der Hypertonie aus der Sicht unserer Gesellschaft. Die Guidelines basieren auf den internationalen Empfehlungen, sind aber spezifisch an die österreichische Situation angepasst.

Die stetige Herabsetzung der empfohlenen Grenzwerte wird von manchen Kollegen als unpraktikabel kritisiert...
Silberbauer: In unseren Pocket-Guidelines ist genau ersichtlich, wie die Grenzwerte in Relation zur Grundkrankheit, zu Folgeerkrankungen und zu assoziierten Risikofaktoren zu bewerten sind. So kann auch abgelesen werden, ob die empfohlenen Zielwerte in kurzer Zeit anzustreben sind oder man Zeit hat, mit Allgemeinmaßnahmen ans Ziel zu kommen. Jeder Blutdruckwert ist nur im Umfeld betrachtet zu bewerten. Fasst man alle Studien zusammen, so sinkt das Schlaganfallrisiko bis zu Werten von 115/75 mm Hg kontinuierlich! Der Benefit ist daher bis hinunter in den normotensiven Bereich erfassbar. Es muss ein Umdenken erfolgen, dass solche Patienten niedrige Werte unbedingt brauchen!

Wo krankt es am meisten bei der Umsetzung?
Silberbauer: Neben einem oft mangelnden Bewusstsein für die Notwendigkeit einer korrekten Senkung werden meiner Ansicht nach zu wenig Kombinationstherapien angeboten. Auch die Dosis des Kombinationsmedikaments wird meist nicht ausreichend ausgeschöpft. Oft fehlt bei den Therapieschemata das Diuretikum. Ich halte aber gerade diese Wirkstoffgruppe als Kombination für eine sehr effiziente Maßnahme.

In welchen Fällen genügt nicht-medikamentöses Vorgehen?
Silberbauer: Bei fehlenden Risikofaktoren und erhöhten Blutdruckwerten kann vorerst eine Änderung des Lebensstils empfohlen werden. Aber sobald ein oder mehrere Risikofaktoren wie Diabetes zusammentreffen, ist eine sofortige medikamentöse und effiziente Therapie einzuleiten! Zuwarten ist hier nicht angebracht.

Sehen Sie die Hypertensiologie in näherer Zukunft als eigene Fachdisziplin?
Silberbauer: Sie wird es nicht sein, und das ist auch gut so. Die Gesellschaft für Hypertensiologie sieht sich als interdisziplinäre Plattform: Kardiologen, Neurologen, Allgemeinmediziner, Diabetologen ziehen an einem gemeinsamen Strang. Leider kümmern sich viele Fachkollegen zu wenig um die Hypertonie. Es ist zwar das tägliche Brot, die Bedeutung wird jedoch nach wie vor unterschätzt. Auch eine gewisse Fortbildungsmüdigkeit macht sich breit, da so viele Veranstaltungen zu diesem Thema existieren. Allerdings ist das Potenzial für die Patienten extrem groß und noch längst nicht ausgeschöpft.

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