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Innere Medizin 17. Oktober 2005

Die Einsatzmöglichkeiten der ganzheitlichen Medizin

Der Einsatz von ganzheitlicher Medizin findet immer mehr Anklang. Gerade bei chronischen Krankheiten und schulmedizinisch behandelten Patienten ist ein ganzheitlicher Ansatz hilfreich.

Im pragmatischen Sinn bedeutet Ganzheitsmedizin die Integration von Erfahrungsheilkunde, Naturheilkunde und Regulationsmedizin in den medizinischen Alltag, der von der naturwissenschaftlichen, an den Universitäten gelehrten Medizin geprägt ist. Die Ganzheitsmedizin stößt, wie Dr. Manfred Gartner, Pulmologe, Otto Wagner Spital, Wien, im Gespräch mit der Ärztewoche betont, in den medizinischen Abteilungen der Krankenhäuser aber an ihre Grenzen, weil Patienten aufgenommen werden, deren Erkrankungen im schulmedizinischen Sinn durch den Einsatz technischer und pharmazeutischer Methoden innerhalb kurzer Zeit erfolgreich behandelt werden müssen. Gartner berichtet von seinem Zugang im Rahmen einer Ausbildung der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin. Viele Patienten haben aber nach der Spitalsentlassung Probleme, ihren Alltag zu Hause erfolgreich zu bewältigen.

Warum hat die Schulmedizin Probleme, Patienten nach einer stationären Behandlung gesund und fit für den Alltag zu entlassen?

Gartner: Die klinische Forschung konzentrierte sich in den letzten Jahrzehnten auf die Behandlung von unheilbaren, schweren und lebensbedrohlichen Erkrankungen. Da mit der Schwere der Erkrankung die Phänomenologie, das heißt die Symptomatologie bei den Patienten, immer einheitlicher wird, kann die naturwissenschaftliche Medizin Symptome besser statistisch erfassen und in großen klinischen Studien zum Beispiel Pharmakotherapien testen. Die Pharmakotherapie wird daher, da sie auf Leitsymptome standardisiert wird, in der Regel polypragmatisch eingesetzt, was bei Schmerzmitteln und nichtsteroidalen Antirheumatika beobachtet werden kann. Allerdings darf der Einsatz der Pharmakotherapie nicht generell infrage gestellt werden, da die Anwendung von Medikamenten vielen Erkrankungen den Schrecken nahm und viele Menschenleben retten konnte.

Welche Krankheitsbilder verlangen besonders nach einem „ganzheitlichen Ansatz“?

Gartner: Die Krankheitsbilder, die sich unter Umständen dem gewohnten schulmedizinischen Ansatz entziehen, sind die Befindlichkeitsstörungen der Patienten, die banalen Erkrankungen und die chronischen Behinderungen der bereits schulmedizinisch behandelten Patienten.

Auf welcher Basis kann eine Regulationstherapie in der Pulmologie funktionieren?

Gartner: Das Beispiel einer in der Pulmologie anwendbaren Regulationstherapie ist die Akupunktur als Teil der traditionell chinesischen Medizin. Als Therapieverfahren aus einem anderen Kulturkreis hat die Akupunktur eine andere Pathophysiologie, Nosologie, Diagnostik und Therapie. Es stehen bestimmte Punkte der Körperoberfläche mit entsprechenden Organsystemen in Verbindung. Der Einstich von Nadeln in diese Punkte soll die Funktion der korrespondierenden Organe beeinflussen. Die Akupunktur macht als therapeutisches Prinzip einen Appell an Selbstordnungs- und Selbstheilungsleistungen des Organismus und stellt damit eine Regulationstherapie dar. Durch Akupunktur soll eine Dysbalance von Yin und Yang reguliert werden. Allerdings muss man die kulturell-philosophisch geprägten Vorstellungen der traditionellen chinesischen Medizin interpretieren und in die westliche Medizin adaptieren. Das Problem der Regulation aus Sicht der modernen westlichen Medizin ist an das Vorhandensein nervaler Strukturen geknüpft.

Wo liegt die Domäne der Neuraltherapie?

Gartner: Die Neuraltherapie ist verwandt mit der Akupunktur und ist ebenfalls eine Regulationstherapie. Beide wirken über das Grundsystem nach Pischinger. Ihre Domäne ist die Behandlung chronisch gutartiger Schmerz- und Leidenszustände. Sie ist zum Teil der medikamentösen Therapie überlegen und vor allem mit jeder therapeutischen Maßnahme kombinierbar. Eine akribische Anamnese, Störfeldhinweise, die subjektiven Beschwerden sowie die Palpation von Projektionssyndromen in Haut und Muskulatur sowie die Funktionsprüfung am Bewegungsapparat sind Voraussetzung für eine erfolgreiche neuraltherapeutische Intervention.

Welche Erfolge können mit gezieltem individuellem Training erzielt werden?

Gartner: Training ist eine Therapieform, bei der körperliche Belastung in der richtigen Dosierung in Form von Ausdauertraining eingesetzt wird, um gestörte Körperfunktionen positiv zu beeinflussen. Die regelmäßige körperliche Bewegung löst jeweils in der Erholungsphase organische Wachstumsprozesse aus, welche die Grundlage der Verbesserung der funktionellen Kapazität der betroffenen Organsysteme sind. Verbesserte Leistungsfähigkeit bedeutet auch eine verbesserte Lebensqualität, zumal es bei dieser Therapie keine non responder gibt, nur Patienten, die beim Training eventuell etwas falsch gemacht haben. Einsatzgebiet in der Pulmologie sind beispielsweise COPD-Patienten mit immer wiederkehrender Atemnot, die aufgrund ihrer zunehmenden Immobilität körperlich immer schwächer werden, das Haus nicht mehr verlassen, und aufgrund der Muskelatrophie schließlich ihr Körpergewicht nicht mehr tragen können.

Wo findet die Akupunktur Einsatz in der Pulmologie?

Gartner: Einige Erkrankungen des Respirationstraktes bieten sich für die Akupunktur an. Die Akupunkturtherapie bewirkt einerseits die Umstellung der Fehlatmung zur Normalatmung, andererseits durch Schleimhautwirksamkeit eine Bekämpfung der Entzündung und Abnahme der Sekretmenge. Es resultiert eine Verbesserung des Allgemeinzustandes und häufig auch ein besseres Ansprechen auf Medikamente. Bei der Hyperventilation wird das Gesamtbefinden durch positive Beeinflussung von Angst, Müdigkeit, Reizbarkeit, und Tachykardie deutlich verbessert.

Das psychogen verursachte Asthma ist wie alle psychosomatischen Erkrankungen dem ganzheitlichen Anzsatz der Akupunktur sehr gut zugänglich. Störfelder, wie das sinubronchiale Syndrom, können saniert werden.

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