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Innere Medizin 30. Juni 2005

Die „Polypill“ und das ewige Leben

Seit etwa einem Jahr grassiert der Begriff „Polypill“ durch alle Medien– und viele Menschen träumen schon von der Unvergänglichkeit.

Basierend auf einer Metaanalyse von fast 400.000 Patienten aus 750 Studien, erfanden N.J. Wald und M.R. Law, ein Arzt und ein Epidemiologe, die „Wunderpille 2003“. Durch die in einer Kapsel/Tablette kombinierte Gabe eines Statins, dreier Antihypertensiva (Beta-Blocker, Diuretikum, ACE-Hemmer; in halber Standarddosierung), von Acetylsalicylsäure und Folsäure könnte das relative Risiko – nicht das absolute – von ischämischen Herzereignissen und Schlaganfällen zu 88 bzw. 80 Prozent dramatisch gesenkt werden. Damit diese arithmetische Berechnung aufgeht, müsste jeder im Alter von 55 bis 64 Jahren, egal ob gesund oder krank, diese aus sechs generisch verfügbaren Komponenten zusammengesetzte Pille zwei Jahre lang schlucken. „Wir stehen mit dem Konzept der Polypill vor einer Art Paradigmenwechsel. Die individualisierte Behandlung der Patienten fällt vollkommen weg“, so Prof. Dr. Michael Wolzt, Kardiologe und Leiter der Arbeitsgruppe für kardiovaskuläre Medizin an der Univ.-Klinik für Klinische Pharmakologie, Wien. „Man könnte auch anregen, die Polypill als Nahrungsergänzungsmittel einzuführen oder es gleich dem Trinkwasser zuzusetzen.“

Keine Bioäquivalenzdaten

Und der Experte kritisiert: „Die statistischen Berechnungen der Autoren sind nur bedingt schlüssig. Sie beruhen auf Schätzungen. Eine Metaanalyse zu Einzelprodukten ersetzt keine klinische Studie mit einem Kombinationspräparat. Das Risiko schwerer, klinisch relevanter oder gefährlicher Nebenwirkungen wurde nur mit 8 bis15 Prozent angenommen, ein Prozentsatz, der bei Menschen mit niedrigem Herz-Kreislauf-Risiko nicht vernachlässigbar ist. Patienten, die eine intensivierte Therapie benötigen, würden unterbehandelt. Einige Risikopatienten sollten manche Inhaltsstoffe meiden. Und manche Patienten nehmen bereits einen Wirkstoff ein.“ Welche weiteren Überlegungen zur Polypill gibt es noch? „Bisher sind keine Bioäquivalenzdaten verfügbar. Die Kompatibilität der Wirkstoffe in einer einzigen Tablette/Kapsel ist nicht gewährleistet. Es könnte auch eine Interaktion der Inhaltsstoffe über den Tageszeitpunkt geben. Und in der Sekundärprävention wirksame Produkte wie Omega-3 Fettsäuren sind nicht berücksichtigt“, betonte Wolzt. Abgesehen von dem simplen Ansatz: „Wir behandeln jetzt das Risiko“, hätte eine Polypill auch Vorteile. Alle Personen in der westlichen Welt haben ein hohes Herzkreislauf-risiko, daher wäre viel zu gewinnen. Die Compliance der Patienten bezüglich der Medikamenteneinnahme wäre möglicherweise besser, und durch die großen Stückzahlen wäre der Preis niedriger. Aber: „Besteht nicht die Gefahr, dass sich die Patienten in falscher Sicherheit wiegen? Gaukeln wir ihnen nicht vor, dass sie mit dieser Tablette geschützt sind und sie nichts anderes mehr für ihre Gesundheit tun müssen?“ so Wolzt. „Denn mit ein paar wenigen Interventionen kann man das persönliche Risiko sogar um 90 Prozent reduzieren, sofern man die ‚physiologische Polypill’, wie Bewegung, Ernährung, Gewicht und Nichtrauchen, nicht vernachlässigt.“

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