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Innere Medizin 30. Juni 2005

Kardiologen machen von sich reden

Im vergangenen Jahr kamen von den heimischen Herzspezialisten nicht zuletzt aufgrund des Kardiologenkongresses in Wien deutliche Lebenszeichen. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit dem Präsidenten der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft (ÖKG), Prof. Dr. Dietmar Glogar, Kardiologische Abteilung des Wiener AKH, über den Berufsstatus und neue praxisrelevante Studienergebnisse.

Nachdem die Dauer der Präsidentschaft nunmehr auf zwei Jahre verlängert wurde, haben Sie etwa die Halbzeit Ihrer Amtsperiode erreicht. Welches Zwischenresümee können Sie ziehen?
Glogar: Tatsächlich wurden auf der letzten Generalversammlung der Gesellschaft anlässlich des Salzburger Kardilogenkongresses die neuen Statuten beschlossen und mittlerweile durch die Vereinsbehörde approbiert. Mit diesem Schritt schaffen wir eine international übliche Richtlinie für dieses Amt. Die Funktion des Präsidenten soll eine aktive sein. Durch die Verlängerung der Präsidentschaft kann sein Handlungsspielraum erweitert werden, es gibt eine gute Einlernphase als „Präsiden elect“ und in der Rolle des Post-Präsidenten für zwei weitere Jahre die Möglichkeit, Agenden wahrzunehmen.

Ein von Ihnen definiertes Ziel war die Verbesserung des Bildes der Kardiologen in der Öffentlichkeit...
Glogar: Ich denke, dass wir hier auf einem guten Weg sind. Der Kardiologenkongress in Wien vergangenes Jahr war ein deutliches Zeichen, da wir dabei auch medial eine gute Möglichkeit bekamen, uns zu präsentieren. Zur Zeit laufen die Vorbereitungen für eine Enquete zu den wesentlichsten kardiologischen Themen Anfang 2005.

Welche Anliegen hätten Sie an die Politik?
Glogar: Nach wie vor, dass man uns zuhört und wir auf sachlicher Ebene über die Notwendigkeiten einer kardialen Versorgungsstruktur in unserem Land diskutieren können. Und dass das Suchen der gemeinsamen Wege auf den objektiven Daten klinischer Erfahrungen basieren kann.

Werden Sie in die gesundheitspolitischen Entscheidungen mit eingebunden?
Glogar: Wir bemühen uns darum, bei einschlägigen Themen Vorschläge zu bieten. Punktuell gelingt es schon ganz gut, etwa bei der Erstellung der ÖBIG-Daten oder im Bereich der Krankenhaus-Planung. Hier sind wir in vielen Ebenen auch eingebunden. In vielen Bereichen allerdings nicht.

Wie sieht es mit den Strukturen im kardialen Rehab-Sektor aus? Vergangenes Jahr fanden Sie hierfür recht scharfe Worte.
Glogar: Ich wurde hier, denke ich, falsch verstanden, denn der Rehab-Bereich ist eine enorm wichtige Sparte und nicht wegzudenken in der Betreuung der Patienten. Dennoch sollte die Indikation für die Einleitung dieser Behandlung genauer gestellt werden. Ein Rehabilitationsverfahren darf nicht einfach ein sozialer Anspruch sein, der alle paar Jahre konsumiert werden kann, sondern bedarf einer entsprechenden medizinischen Notwendigkeit. Sonst leidet die Qualität des Verfahrens.

Welche Themen sind in Ihrem Fachbereich zur Zeit aktuell?
Glogar: Viel mehr als in den vergangenen Jahren müssen wir uns heute auch mit ökonomischen Fragestellungen auseinander setzen. Der Einsatz neuer Verfahren ist nur dann finanzierbar, wenn hier sinnvoll vorgegangen wird. So bescheinigt der derzeitige Stand des Wissens etwa den Drug-Eluting-Stents einen großen Vorteil für die Patienten. In Österreich gibt es hier allerdings massive regionale Unterschiede in der Verwendung der neuen Methode, die in wirtschaftlichen Überlegungen ihre Ursache haben. Hier soll unsere Gesellschaft Richtlinien erarbeiten, um die unserer Meinung nach sehr effektiven Stents für alle verfügbar zu machen. Auch in der Therapie des akuten Myokardinfarktes muss die primäre Angioplastie als Standardtherapie weiter etabliert und die entsprechenden Strukturen landesweit geschaffen werden. Mittelfristig sollte eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung auf diesem Gebiet vorhanden sein. Ein weiterer aktueller Bereich betrifft die Therapie lebensbedrohlicher Herzrhythmusstörungen: zur Zeit ist der Einsatz von implantierbaren Defibrillatoren (AICD) oder das biventriculäre Pacing prominente Themen wissenschaftlicher Tagungen. Wir müssen uns klar darüber werden, welche Patienten etwa einen AICD bekommen und wer die Implantation vornehmen sollte. Neben wissenschaftlichen sind hier selbstverständlich auch wieder ökonomische Kriterien heranzuziehen.

Welche Themen waren beim jetzigen Kardiologenkongess in München für Sie von Interesse?
Glogar: Interessant war vor allem die Auseinandersetzung mit dem interventionellen Bereich: Die Methode der Drug-Eluting-Stents und die damit verbundene drastische Senkung der Restenose-Rate ist beeindruckend. Dennoch gibt es nach wie vor gewisse Zweifel, da die Langzeitresultate noch ausstehen. Wir brauchen hier längere Beobachtungszeiträume. Auch über interventionelle Eingriffe an den Koronarien oder perkutane Klappenrekonstruktionen wurde viel diskutiert. Die Kardiologie setzt sich auch zunehmend mit der Therapie von Mehrgefäßkrankheiten, bislang eine Domäne der Chirurgie, auseinander.

Auch die „Neun Risikofaktoren“ machten medial von sich reden...
Glogar: Fest steht, dass in Europa die Risikofaktoren für Herzinfarkte und Schlaganfälle dramatisch zunehmen. Besonders hervorzuheben sind die Ergebnisse der INTER-HEART-Studie: Neun Risikofaktoren zeichnen hiernach für 90 Prozent des Herzinfarkt-Risikos verantwortlich. Allein die Kombination von Rauchen mit einem abnormen Verhältnis von Apolipoprotein B zu Apolipoprotein A-1 ist für zwei Drittel der Infarkte ursächlich. Demzufolge wird man den beschriebenen Risikofaktoren in Zukunft vermehrtes Augenmerk schenken müssen.

Welche vorgestellten Studienergebnisse sind für die klinische Praxis bereits anwendbar?
Glogar: Eine klinische Relevanz haben auch eine Reihe von Studien – etwa im Rahmen des Euro-Med-Stat-Projektes –, laut der bei frühzeitiger Einnahme eines Lipidsenkers das Eventrisiko nach einem akuten Koronarsyndrom signifikant geringer ist. Ebenfalls erwähnenswert ist eine prospektive Langzeitstudie, die den Kalziumkanalblocker Slow-Release-Nifedipin über fünf Jahre bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit beobachtete und die Sicherheit der Substanz bestätigen konnte. Im Gegensatz zu den USA, die stets große Zurückhaltung bei diesem Medikament übten, haben wir in Österreich eigentlich immer an dieser Therapiemöglichkeit festgehalten. Die vorliegende Studie bestätigt uns nun in diesem Vorgehen. Der Einsatz von Statinen bei einer Aortenstenose ist ebenfalls Gegenstand mehrerer Forschungsarbeiten. Er findet seine Umsetzung bereits in der Praxis, vor allem bei älteren Menschen mit diesem Krankheitsbild.

Gibt es auf dem Gebiet der Stammzellenforschung Fortschritte?
Glogar: Im Bereich der Stammzellforschung gibt es eigentlich nichts Weltbewegendes, auch keine neuen klinischen Studien. Zwar gab es in München viele experimentelle Beiträge, allerdings ist noch Geduld angezeigt. Langsam beginnt man zu verstehen, wie es zur Differenzierung kommt. Auch Versuche mit „tissue engineering“ – im Reagenzglas hergestellte Zellen – könnten einen möglichen zukünftigen Weg zeigen. Bis zu einem durchschlagenden Erfolg dauert es jedoch sicherlich noch. Gerade läuft eine europäische Multicenterstudie zur Stammzellentherapie bei Myokardinfarkt an. Sie beginnt in diesen Tagen mit den ersten Patienten. Neben europäischen sind auch Latein- oder US-amerikanische Zentren beteiligt. Die Studie geht von Wien aus. Man darf schon jetzt auf die Ergebnisse gespannt sein!

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