zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 5. April 2006

Strukturreform ist dringend angesagt

Die ÄRZTE WOCHE sprach mit dem neuen Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Kardiologie, Prof. Dietmar Glogar, Kardiologische Universitätsklinik Wien, über die zukünftige Entwicklung des Fachgebietes, neue praktikable Erkenntnisse sowie ökonomische Aspekte.

Welche Ideen wollen Sie in Ihrer Amtsperiode verwirklichen?

Glogar: Ich habe mir vorgenommen, ein aktiver Präsident zu sein, um die Anliegen der Österreichischen Gesellschaft für Kardiologie und der KardiologInnen nach außen hin gut vertreten zu können. Aus Formalgründen konnte das Bestreben, die Amtszeit auf zwei Jahre zu verlängern, im Rahmen der diesjährigen Tagung noch nicht vollzogen werden. Eine solche Lösung wird jedoch anvisiert, um dem Präsidenten zu ermöglichen, mit dieser Aufgabe vertraut zu werden, sodass eine gewisse Kontinuität nach außen hin gegeben ist.
Es ist zudem nötig, mit den entsprechenden politischen Entscheidungsträgern einen engen Kontakt zu pflegen und ein Mitspracherecht bei gewissen Investitionsentscheidungen von Ländern und Bund, die kardiologische Versorgung der Bevölkerung betreffend, zu bekommen.
Ich halte es für angebracht, die Öffentlichkeit auch über die finanziellen Aufwendungen zu informieren, die nötig sind, um den medizinischen Status zu halten. In regelmäßigen Abständen werden wir Pressekonferenzen zum "State of the art" der Kardiologie veranstalten und den Standpunkt der österreichischen Kardiologen präsentieren.
Die Repräsentation im Ausland ist ein weiteres Ziel, damit auch österreichische KollegInnen in der europäischen kardiologischen Gesellschaften an namhafte Stelle gelangen. Selbstverständlich ist das alles keine "One Man Show", sondern basiert auf den Entscheidungen der Arbeitsgruppen, fokussiert durch den Präsidenten.

Wie ist international der Stellenwert der österreichischen Kardiologie einzustufen?

Glogar: Unterschätzt! Wir verkaufen uns nicht unserem Wert entsprechend. Schließlich haben wir eine im internationalen Vergleich sehr hohe Qualität bezüglich Ausbildung und Verfügbarkeit von Strukturen landesweit aufzuweisen. Wir müssen lernen, uns als kleines Land durchzusetzen, um auch in internationalen Gremien Fuß zu fassen.

Gibt es hierzulande dennoch einen Aufholbedarf?

Glogar: In Österreich existieren drei medizinische Universitäten. Im internationalen Vergleich ist das wenig. Denn das bedeutet, dass sich die klinische Forschung weitgehend auf diese Zentren konzentriert. Hier sind die wissenschaftlichen Impulse an sich gut und finden internationale Beachtung. Es wäre allerdings wünschenswert, wenn sich auch Kreiskrankenhäuser an der klinischen Forschung beteiligen würden, um etwa Multicenterstudien zu ermöglichen. Die Problematik liegt natürlich auch an der mangelnden Finanzierung solcher Projekte.

Wie lässt sich der rasche wissenschaftliche Fortschritt auf dem kardiologischen Terrain in der Praxis finanzieren?

Glogar: Das Gesundheitssystem ist zur Zeit stark genug. Auch für Neuerungen ist an sich ausreichend Geld vorhanden. Allerdings gehören die Strukturen von Grund auf reformiert.

Wo wären Einsparungspotenziale denkbar?

Glogar: Meiner Ansicht nach ist der Rehab-Sektor ungeheuer groß und aufgeblasen. Bei aller Wichtigkeit dieser Einrichtungen sollte durchaus kritisch hinterfragt werden, ob die Investitionen in diesem Bereich tatsächlich sinnbringend getätigt werden. Zudem kann man vieles aus dem stationären in den niedergelassenen Bereich verlagern.
Wir haben eine äußerst hohe Anzahl von Spitalsbetten pro Kopf. Hier ist durch asymmetrische Einsparungsmaßnahmen eine Verschiebung des Geldflusses möglich.
Zudem sind der mangelnde bundesweite Gesundheitsplan und die Unterschiede in den einzelnen Ländern reformbedürftig.
Dies sind jedoch politische Entscheidungen, die kurzfristig kaum zu lösen sein werden.
Wie sinnvoll ist eine permanente Verlagerung medizinischer Normalwerte nach
unten, wie die jüngst andiskutierte
Absenkung des Grenzwertes für Hypertonie auf 120/80 mmHg?
Glogar: Diese sehr widersprüchlich aufgenommene Empfehlung der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde halte ich in dieser Form für irreführend und insbesondere bei älteren Patienten anstrebenswert. Die Darstellung kann nur zeigen, dass ein Wert unter 120 auch eine gewisse prognostische Bedeutung hat. Wir dürfen uns nicht von der Realität entfernen, es ist schon wünschenswert, wenn die bislang gültigen Werte annähernd erreicht werden. Ich halte den von der WHO empfohlenen Grenzwert von 135/85 weiterhin für angebracht.

Wie ist Ihre Einschätzung bezüglich der Stammzelltherapie? Die Beweise für die tatsächliche Wirksamkeit sind noch nicht erbracht...

Glogar: Dies wird wohl auch noch einige Zeit so bleiben, da die entsprechenden randomisierten Multicenterstudien fehlen. Zur Zeit gibt es eine Reihe von Pilotprojekten ohne entsprechende Kontrollgruppen. Wir werden auch an einer groß angelegten Studie teilnehmen, die über zwei bis drei Jahre den Effekt von intrakoronarer oder intramyokardialer Stammzellenimplantation erforschen soll.
Die Problematik bei randomisierten Studien in diesem Bereich liegt sicherlich auch in der ethischen Vertretbarkeit.
Zudem führen wir in Zusammenarbeit mit dem Pharmakologischen Institut experimentelle Untersuchungen zur Verwendung von Myoblasten durch.

Welche Botschaft haben Sie an die niedergelassenen KollegInnen?

Glogar: Der österreichische Kardiologenkongress zeigt bei steigender Teilnehmerzahl keinen Shift zum niedergelassenen Internisten hin. Ich lade die Kollegen daher ein, sich an diesen Veranstaltungen zu beteiligen.
Auch der nächste Kongress, der im kommenden Jahr in Salzburg stattfinden wird, hat Fortbildungscharakter. Generell müssen wir uns bemühen, die Schnittstelle zwischen Fachärzten und Allgemeinmedizinern im niedergelassenen Bereich als Zuweiser und Betreuer auf der einen Seite und den kardiologischen Abteilungen auf der anderen Seite zu verbessern.
Im gemeinsamen Bemühen um den Patienten muss die Kommunikation intensiviert werden. Nicht zuletzt, um mittelfristig eine vermehrte extramurale und damit auch kostengünstigere Betreuung kardiologischer Patienten zu gewährleisten.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben