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Innere Medizin 30. Juni 2005

Kardiologie braucht Kommunikation

Die ÄRZTE WOCHE führte ein Gespräch mit Prof. Dr. Thomas Stefenelli, Vorstand der 1. Medizinischen Abteilung des Kaiserin-Elisabeth-Spitals in Wien und Präsident der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft, die vom 30.5. bis 2.6. 2002 in Salzburg ihre Jahrestagung abhielt.

Herr Professor, welche Neuerungen gab es in Ihrem Fach in den vergangenen Jahren?

Stefenelli: Eine der neuesten Entwicklungen betrifft die Marker zur Prognosebeurteilung kardialer Erkrankungen, insbesondere die natriuretrischen Peptide. Forschungen haben inzwischen gezeigt, dass die Höhe und Änderungen der Konzentration des Brain-Natriuretric-Peptid - des BNP - sehr gut mit den Stadien der Herzinsuffizienz korrelieren. Ein hoher BNP-Spiegel weist unter Umständen auf eine schlechtere Prognose hin. Daraus ergeben sich zwangsläufig therapeutische Konsequenzen wie beispielsweise engmaschigere Kontrollen oder eine intensivierte Behandlung der betroffenen Patienten. Wir hatten auf der Jahrestagung der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft eine Diskussion über die Frage, ob die Natriuretrischen Peptide in Zukunft die Echokardiographie ersetzen könnten. Aber auch andere Marker gewinnen an diagnostischer Relevanz - wie zum Beispiel das Endothelin, das Professor Pacher und Dr. Berger untersucht haben.

Was hat sich in der Therapie getan?

Stefenelli: Der technische Fortschritt hat es ermöglicht, dass wir heute im Herzkatheter-Labor Shunt-Vitien mit sehr niedrigen Komplikationsraten und ohne große Belastung für die Patienten verschließen können. Die Möglichkeit, ein offenes Foramen ovale bei einer entsprechenden neurologischen Symptomatik zu behandeln, wirft ganz neue Fragen auf: Ist vielleicht ein solcher Eingriff auch prophylaktisch von Nutzen, wie großzügig darf oder wie streng muss die Indikation gestellt werden? 
Eine ähnliche Problematik wirft der "plötzliche Herztod" auf, der Patienten mit einer herabgesetzten Pumpleistung droht. Wir haben gelernt, dass bei diesen Menschen ein implantierter Defibrillator - ein ICD - die Mortalität erheblich senken kann. Lässt sich daraus schließen, dass jeder Patient mit Myokardinfarkt einen solchen Defibrillator braucht? Sind die Daten dafür aussagekräftig genug? Und - heute ein immer wichtigeres Thema - wie lässt sich eine solche Behandlung überhaupt bezahlen, ist sie wirtschaftlich machbar? Alles Fragen, die wir noch klären müssen.

Was wird die Zukunft für die Kardiologie bringen?

Stefenelli: Eines der erstaunlichsten Gebiete, auf denen heute geforscht wird, ist die Stammzelltherapie, von der Patienten mit schwersten Durchblutungsstörungen möglicherweise profitieren könnten. Die Arbeitsgruppe von Dr. Kocher am AKH in Wien beschäftigt sich mit großem Erfolg mit dieser Thematik. Inzwischen werden schon erste Patienten mit diesen neuen Verfahren behandelt - die Teilnehmer sind für die laufenden Studien strengstens vorselektioniert. Für die breite Anwendung eignen sich diese ersten Versuche längst nicht. Man sollte also keine zu großen Hoffnungen wecken, noch ist die Entwicklung in den Kinderschuhen, aber in Zukunft wird auch die Kardiologie von Stammzelltherapien profitieren. Darüber haben wir auf der Jahrestagung einiges gehört. Eine andere, politisch brisante Kontroverse, die wir ebenfalls diskutiert haben, ist die Frage "Schlagen Frauenherzen anders" - der geschlechtsspezifische Unterschied zwischen Frau und Mann in der Kardiologie. Wo liegen die physiologischen Unterschiede? Warum leben Zellen bei Frauen länger? Wenn ja, warum? Fragen, die in Zukunft zu erforschen sein werden.

Welche Rolle spielt die Österreichische Kardiologische Gesellschaft für die Praxis?

Stefenelli: Die Gesellschaft arbeitet primär auf wissenschaftlichem Gebiet - wir vergeben jährlich Stipendien und fördern damit die kardiologische Forschung. Heuer wurden für die Jahrestagung extrem viele Abstracts eingereicht - ein Zeichen, auf welch hohem Niveau sich die Kardiologie in Österreich bewegt. Wir haben innerhalb der Gesellschaft inzwischen insgesamt zwölf Arbeitsgruppen zu allen Teilbereichen der Kardiologie. Darunter sind auch Gruppen, die sich intensiv mit der Qualitätskontrolle beschäftigen. Das ist eine sehr wichtige Aufgabe. Dazu gehört es zu überprüfen, ob Guidelines dem letzten Stand der Forschung entsprechen. Herzkatheter-Labors in Österreich werden heute regelmäßig von Fachleuten supervidiert, die Komplikationsstatistiken der Labors werden publiziert und untereinander - national und international - verglichen. Seit einem Jahr bieten wir Kurse zur Echokardiographie an, die die Teilnehmer mit einer freiwilligen theoretischen und praktischen Prüfung abschließen. Auch für das Pflegepersonal gibt es heute eigene Kardiologie-spezifische Trainigskurse. Außerdem kümmert sich die Gesellschaft darum, dass neueste wissenschaftliche Erkenntnisse in der Praxis auch umgesetzt werden. Auf der Jahrestagung haben Spezialisten aus verschiedenen Gebieten im Sinne einer Fortbildung über wichtige Entwicklungen wie beispielsweise den studienkonformen Betablocker- und ACE-Hemmer-Einsatz bei Herzinsuffizienz informiert.

Wie funktioniert die Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Klinik und Niedergelassenen?

Stefenelli: Immer besser. Da tragen Fortbildungen und Kongresse viel Gutes bei. Auf der Jahrestagung haben wir in diesem Jahr erstmals drei Sitzungen unter dem Motto "Meet the Experts" veranstaltet, zu denen Niedergelassene Fragen an Experten in kleinem, fast privatem Rahmen stellen können - so waren die Teilnehmer nicht nur auf die Diskussionsrunden im Anschluss an die wissenschaftlichen Vorträge angewiesen. In der EKG-Sitzung äußerte sich der Fachmann zu ihm vorgelegten diagnostisch problematischen EKG-Befunden. Ein zweiter Themenschwerpunkt waren Herzklappenerkrankungen - und die Frage nach ganz konkreten OP-Indikationen. In der dritten Sitzung drehte es sich um Frage der oralen Antikoagulation. Minimal-invasive Techniken und bildgebende Verfahren lassen die Grenzen zwischen einzelnen Fächern verschwimmen. 

Wie wird sich der Disput zwischen Kardiologen und Radiologen um die Kompetenz für den Herzkatheter entwickeln?

Stefenelli: Die verschiedenen Teilgebiete müssen wieder zusammenkommen. Die Koronarangiographie ist eine Technik, die von Kardiologen beherrscht wird. Andere Verfahren mit MR- oder CT-Unterstützung gehören in den Aufgabenbereich der Radiologen. Aber auch zu anderen Fachgebieten gibt es Überschneidungen. Zum Beispiel im Bereich der pulmonalen Hypertension sind Kardiologen genauso gefragt wie Pulmologen. Bei zerebro-vaskulären Erkrankungen geht nichts ohne die Mithilfe von Neurologen. Unser Ziel ist also nicht die Abgrenzung, sondern ausgehend von einzelnen Schwerpunkten und bestimmten Krankheitsbildern die Öffnung und Zusammenarbeit der Kardiologie mit unterschiedlichen anderen Fachrichtungen.

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