zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 30. Juni 2005

Schlagen Frauenherzen anders?

Zahlreiche Studien aus der internationalen Medizinliteratur untersuchen Geschlechtsunterschiede in der Kardiologie bezüglich der Untersuchungsmethoden, Symptome, medikamentöser Therapie, Morbidität, Mortalität und Risikofaktoren. Viele Untersuchungen berichteten über höhere Akutmortalität und einen geringeren Zugang zur Spitzenmedizin für Frauen. Zusammenfassend "verschwinden" die Frauen auf dem Weg zu und durch die invasive kardiologische Diagnostik und Therapie. 

Die Ursachen dafür sind nicht eindeutig zu beweisen, die Tatsache aber ist unwiderlegbar. "Herzrisiko" und "Herzinfarkt" sind nach wie vor noch weitgehend männlich besetzt. International besondere Beachtung fand die bemerkenswerte Tatsache, dass viele Substanzen an Frauen nicht untersucht wurden, so wurde zum Beispiel Aspirin in der großen Medikamentenstudie "U.S. Physicians Study" an keiner einzigen Frau getestet!

Tirol: Studie zur Herzsituation

Im Auftrag des Zukunftsministeriums wurden beim Ludwig Boltzmann-Institut für kardiologische Geschlechterforschung (Leiterin: Prof. Dr. Margarethe Hochleitner) für das Jahr 1995 sowie für das Jahr 2000 Studien zur Herzsituation in Tirol in Auftrag gegeben. Sowohl im Jahr 1995 wie 2000 (wie auch in den letzten Jahrzehnten) starben in Tirol zahlen- und prozentmäßig mehr Frauen als Männer einen Herztod (siehe Tab.): Im Jahr 1995 waren es 1.008 Frauen und 875 Männer; die Diagnose "koronare Herzkrankheit" erhielten 572 Frauen und 571 Männer. Im selben Kalenderjahr wurden in Tirol zwar 646 Männer einer Herzkatheteruntersuchung unterzogen, aber nur 332 Frauen - und während 156 Männer einen koronaren Bypass erhielten, waren es nur 54 Frauen... Auffallend an der Todesfallstatistik war bei den Herztoten generell, dass zwar bei Herzinfarkten ein höherer Männeranteil aufscheint, allerdings bei allen anderen unklarer definierten Herztodesursachen ein höherer Frauenanteil. Dem entspricht auch ein geringerer Frauenanteil an den Obduktionsfällen.

Bilanz nach fünf Jahren

Zwischenzeitlich wurden sowohl die Herzchirurgie als auch das Herzkatheterlabor ausgebaut. Bilanz im Jahr 2000 (siehe Tab.): Im 5-Jahres-Vergleich ist keine Trendumkehr feststellbar. Es sterben unverändert mehr Frauen als Männer einen Herztod als auch an einer koronaren Herzkrankheit und es werden weniger Herzkatheteruntersuchungen und in der Folge Bypass-Operationen an Frauen durchgeführt. 

Die Daten für Tirol entsprechen trendmäßig der internationalen Literatur. Hochleitner: "Die Verdoppelung der Katheterplätze hat zwar zu einer Verdoppelung der Herzkatheteruntersuchungen bei Frauen geführt, der Trend zugunsten der Männer hat aber sogar noch zugenommen, was auch für die Bypass-Operationen zutrifft."Der dramatischste Befund ist die Zunahme der weiblichen Herztodesfälle um 9,5 Prozent wie der Todesfälle an koronarer Herzkrankheit bei Frauen. Dies trifft nicht für Männer zu. 

Über Ursachen für dieses Faktum kann aufgrund der vorliegenden Daten nur spekuliert werden. Bei der häufig angeführten hohen und laufend steigenden Lebenserwartung für Frauen ist zu bedenken, dass die Lebenserwartungssteigerung im Beobachtungszeitraum von 5 Jahren allerdings für Frauen nur bei +1,45 Prozent gegenüber Männern bei +2,55 Prozent liegt. 

Nicht zu vergessen ist, so Hochleitner, dass in den vergangenen zwanzig Jahren die Raucherinnenzahlen ständig gestiegen sind, während die Zahlen bei den Männern kontinuierlich fallen und zunehmend Frauen aus Raucherinnen-starken Jahrgängen in die Herzinfarktrisikojahre kommen. Hochleitner abschließend: "Frauen haben geringere Chancen auf Intensivstation und Thrombolyse, teilweise delay-bedingt. Es bleibt selbstverständlich die Frage, warum gerade die Frauen einen längeren delay haben..."

Dr. Hannelore Nöbauer, Ärzte Woche 20/2002

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben