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Innere Medizin 11. April 2006

Kardiologie - Faszination eines Faches

Die Kardiologie gehört mit Sicherheit zu den entwicklungsträchtigsten Gebieten der Medizin. Kaum ein Fach hat in den vergangenen hundert Jahren solche Fortschritte gemacht. Die Entwicklung zu einem eigenständigen Fachgebiet kam durch die enorme epidemiologische Bedeutung der Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems zustande, aber auch durch die Einführung innovativer diagnostischer und therapeutischer Methoden: Neben der Begründung der Röntgendiagnostik durch Konrad Röntgen und der Einführung der Blutdruckmessung durch Riva Rocci und Korotkoff war die Erfindung des EKGs durch Eindhoven der erste Schritt zur Kardiologie. 

Koronarangiographie und Echokardiographie 

Vor allem die Einführung der Koronarangiographie (erstmals von Werner Forßmann vor dem 2. Weltkrieg gewagt) war eng verbunden mit dem Aufschwung der Herzchirurgie in den 50er-Jahren und der ersten Bypassoperation durch René Favoloro an der Cleveland Clinic Ende der 60er-Jahre. Entscheidende Fortschritte in der Diagnostik von Herzerkrankungen konnten mit der Einführung der Echokardiographie erreicht werden, welche schließlich nicht nur die Struktur, sondern auch die Funktion des Herzens und seiner Klappen vermitteln konnte. Gleichzeitig fand durch die Verwendung von radioaktiven Tracern die Myokardszintigraphie Eingang in die Kardiologie. Die Magnetresonanztechnik und die Computertomographie des Herzens sind neuere Methoden, die eine vielversprechende Zukunft vor sich haben.

Interventionelle Kardiologie

1977 führte Andreas R. Grüntzig am Universitätsspital Zürich zum ersten Mal eine perkutane transluminale Koronarangioplastie (PTCA) durch. Damit wurde die Kardiologie zu einem semichirurgischen Fach und erhielt die Möglichkeit, Patienten mit koronarer Herzkrankheit nicht nur medikamentös, sondern selbständig auch interventionell zu behandeln.

Nach der Ballondilatation verbesserte die Einführung der intrakoronaren Stents die Behandlungserfolge der interventionellen Kardiologie markant. Der Durchbruch ließ sich allerdings erst durch technische Verbesserungen und die Einführung einer wirksamen antithrombotischen Therapie durch Antonio Colombo (Aspirin und ADP-Antagonist Ticlopidin, später Clopidogrel) realisieren.

Schrittmacher und Defibrillator

In der Rhythmologie zeichnete sich in den 70er-Jahren ein ähnlicher Durchbruch ab. Die Ableitung intrakardialer elektrischer Signale in verschiedenen Abschnitten des Herzens ermöglichte es, die Entstehung supraventrikulärer und später auch ventrikulärer Rhythmusstörungen besser zu verstehen. Dabei war das Konzept der elektrischen Reentry Circuits entscheidend. Die Implantation des ersten Schrittmachers durch Senning war 1958 eine medizinische Sensation. Die implantierbaren Defibrillatoren sind eine Weiterentwicklung dieser Technologie, die heute zu den wirksamsten Behandlungsmethoden des plötzlichen Herztodes gehört. 

Medikamentöse Entwicklungen

Auch die Einführung wirksamer Medikamente war von großer Bedeutung. Nach Digitalis war Amylnitrit das erste wirksame Medikament in der Behandlung der Angina pectoris. In den 60er-Jahren zeigte Sir John Vane, dass Aspirin die Thrombozytenfunktion über eine Blockade der Thromboxanbildung hemmt. In den 50er-Jahren war die Einführung von nebenwirkungsreichen Antihypertensiva in der Behandlung der Hypertonie ein Durchbruch. Später wurden verträglichere Medikamente zur Blutdrucksenkung eingeführt: die modernen Diuretika, Kalziumantagonisten, Betablocker, ACE-Hemmer und kürzlich Angiotensinrezeptorantagonisten. 

Ein weiterer Durchbruch in der Behandlung von Herz- und Kreislauferkrankungen war die Einführung antithrombotischer Medikamente: zunächst das Heparin, etwas später die Thrombolytika (Streptokinase, Gewebeplasminogen-Aktivator und seiner Analoga) und in jüngster Zeit die "Low Molecular Weight Heparins", Hirudin und seine Analoga sowie die Glykoprotein IIb/IIIa-Antagonisten und die neuen Pentasaccharide. Neben der Einführung der Defibrillation durch Bernhard Lown in den 60er-Jahren trugen diese Medikamente entscheidend zur Senkung der Spitalsmortalität des Herzinfarkts bei. Und die Entwicklung geht weiter.

J. Kardiol/HN, Ärzte Woche 20/2002

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