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Innere Medizin 30. Juni 2005

Blutdruckzielwerte im Alter

"Zu den wesentlichsten Erkenntnissen der letzten Jahre hinsichtlich der Hypertonietherapie gehören, dass die Obergrenze des systolischen Blutdruckes doch altersabhängig zu sein scheint, dass der systolische Blutdruck beim älteren Patienten aussagekräftiger ist als der diastolische und dass damit der Blutdruckamplitude eine ganz besondere Bedeutung zukommt", erläutert Doz. Dr. Kurt Stoschitzky von der klinischen Abteilung für Kardiologie der Universität Graz. Sowohl die derzeit gültigen Empfehlungen der Österreichischen Gesellschaft für Hypertonie als auch die großen internationalen Gesellschaften nehmen bei den Obergrenzen des "normalen" arteriellen Blutdrucks aber keinen klaren Bezug auf Alter und Geschlecht des Patienten.

Zwei neue Formeln für Blutdruckobergrenzen

Lange Zeit galten arterielle Blutdruckwerte bis 160/90 mmHg als normoton, beim systolischen Druck wurde sogar "100 + Alter" als obere Normgrenze angegeben. Entsprechend den jüngsten Richtlinien von JNC VI und WHO/International Society of Hypertension 1999 beginnt der arterielle Hypertonus bereits bei 140/90 mmHg - und das unabhängig vom Alter des Patienten. 

Stoschitzky: "Neu eingeführt wurde auch der Begriff des ,optimalen Blutdruckes´ - dieser endet bereits bei 120/80 mmHg." Grundsätzlich gilt zur Festlegung des Schweregrades eines arteriellen Hypertonus immer jener Wert (egal, ob systolisch oder diastolisch), der im Bereich des höheren Schweregrades liegt.

Eine Neubeurteilung der Framingham-Daten (Port et al. Lancet 2000; 355: 175-180) stellt jedoch die "Alters- und Geschlechtsunabhängigkeit" der Obergrenzen des normalen arteriellen Blutdrucks sehr in Frage; dabei zeigte sich, dass sowohl die gesamte als auch die kardiovaskuläre Mortalität bei Hypertonikern keinen linearen Verlauf, sondern, in Abhängigkeit vom Alter, den entscheidenden Knick nach oben zwischen dem 70. und 80. Perzentil haben. 

Daraus wurden zwei Formeln errechnet, die sowohl Alter als auch Geschlecht des Patienten berücksichtigen. 
Kürzlich zeigte auch eine neue, große Metaanalyse mit Daten von 15.693 Hypertonikern mit einem Alter über 60 Jahre (Staessen et al, Lancet 2000; 355: 865-872) eine klare positive Korrelation nur zwischen systolischem Blutdruck und Mortalität, während diese für den diastolischen Druck sogar negativ war. 

Blutdruckamplitude wichtig

Diese Ergebnisse wurden auch durch neueste Framingham-Daten (Franklin et al. Circulation 2001; 103: 1245-1249) eindrucksvoll bestätigt: Hier konnte gezeigt werden, dass das Risiko für jüngere Patienten vor allem von der Höhe des diastolischen, für ältere jedoch in erster Linie von jener des systolischen Blutdrucks abhängt, wobei dieser "prädiktive Übergang" etwa zwischen 50. und 60. Lebensjahr stattfindet. Patienten über 60 Jahre zeigten dabei mit höherem diastolischem Druck sogar ein niedrigeres (!) kardiovaskuläres Risiko. "Damit kommt auch der Blutdruckamplitude, deren Wert sich aus systolischem minus diastolischem Blutdruck errechnet, eine besondere prognostische Bedeutung zu, was durchaus einleuchtend erscheint, da dies ja vor allem eine Abnahme der Elastizität der Arterien widerspiegelt", erklärt Stoschitzky.

Die genannten Werte gelten grundsätzlich für Einzelmessungen in Ruhe; sie sind jedoch großen Schwankungen sowie eventuell einem "white-coat- Phänomen" unterworfen. Besser reproduzierbar und aussagekräftiger erscheinen daher Selbstmessungen und 24-Stunden-Butdruckmonitoring. Dabei liegen jedoch die genannten Oberwerte um etwa 10 mmHg systolisch und 5 mmHg diastolisch niedriger. 

Weiters konnten auch zwei Erkenntnisse gewonnen werden, die nicht immer zwingend miteinander zusammenhängen: Einerseits dass ein erhöhter Blutdruck auch ein höheres Risiko mit sich bringt (mit Ausnahme des diastolischen Drucks beim älteren Patienten) und andererseits, dass das Senken eines erhöhten arteriellen Drucks dieses Risiko auch tatsächlich zu senken imstande ist.

Stoschitzky: "Es ist hier jedoch darauf hinzuweisen, dass all die hier genannten ,neuen Erkenntnisse´ derzeit noch als vorläufig zu betrachten sind, da neue Richtlinien seit dem Erscheinen der oben genannten Studien noch nicht vorliegen und daher noch fraglich ist, inwieweit und in welcher Form sie in diese übernommen werden. Es darf jedoch davon ausgegangen werden, dass diese neuen Erkenntnisse zweifelsohne bald ihren entsprechenden Niederschlag finden werden."

Quelle: Vortrag von Doz. Dr. Kurt Stoschitzky auf der 8. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Hypertensiologie vom 14.- 15.9.2001 in Salzburg.

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