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Innere Medizin 30. Juni 2005

Herzrasen: Nicht immer eine somatische Ursache

Die Kardiologie ist eines jener medizinischen Fächer, bei denen PatientInnen-Orientiertheit in Diagnostik und Therapie gegenüber einer bloßen Krankheits- Orientiertheit nicht aus den Augen verloren werden sollte.

Vegetative, körperliche und psychische Symptome

OA Dr. Georg Titscher"Der subjektive Faktor Mensch verschwindet sonst aus der Medizin", betont der Kardiologe und Psychotherapeut OA Dr. Georg Titscher, Hanusch Krankenhaus, Wien. Patienten mit Herzangst im Rahmen von Panikattacken (PA) beschäftigen oft niedergelassene Ärzte, Notdienste und Krankenhäuser. Zwar ist bei ihnen kein objektiver Befund erhebbar, sie leiden aber unter einer Vielzahl vegetativer, körperlicher und psychischer Symptome. Eine Panikstörung besteht aus wiederholten Panikattacken. Eine Panikattacke ist eine einzelne Episode von intensiver Angst oder Unbehagen. Nach dem ICD-10 treten bei einer Panikattacke mindestens 4 von 14 körperlichen und psychischen Symptomen auf. Dazu gehören Herzrasen, Herzklopfen, Schweißausbrüche, Schwindel oder Benommenheit, Entfremdungsgefühl der eigenen Person gegenüber (Depersonalisation), Angst, die Kontrolle zu verlieren, verrückt zu werden, und die Angst zu sterben - die auftretenden Symptome lösen echte Todesangst aus!

Ausführliche Anamnese mit psychosozialen Daten

Die Anfälle dauern zwischen einigen Minuten und einer halben Stunde. Sie können unerwartet spontan auftreten, sind aber manchmal auch situationsgebunden an einen Reiz, an dessen Vorstellung oder situationsbegünstigt durch phobische Objekte. Von einer Panikstörung spricht man bei wiederholten Anfällen ohne besondere körperliche Belastung. Die Diagnostik erfolgt hauptsächlich durch eine ausführliche Anamnese mit psychosozialen Daten.

Titscher: "Hilfsbefunde sollten so wenig wie möglich und so oft wie unbedingt nötig eingeholt werden." Charakteristisch ist die ständige ängstliche Konzentration des Patienten auf das Herz. Zur Differenzialdiagnostik der PA gehören in erster Linie Phobien, zur Panikstörung die generalisierte Angst im Rahmen einer depressiven Störung.
Die Unterscheidungen sind manchmal nicht ganz einfach, denn Depression, Agarophobie und generalisierte Angststörung können - neben Suchtverhalten und Zwangsstörung - auch in Form einer Komorbidität auftreten.

Eindeutige Diagnose für Panikpatienten wichtig

Therapiert wird in akuten Fällen mit "Talking down", Tranquilizern (Benzodiazepine) oder Betablockern, sonst mit Überweisung an den Psychosozialen Notdienst oder eine Panikambulanz. Da Benzodiazepine nur kurzfristig verabreicht werden sollen, kann man anschließend SSRI wie etwa Paroxetin oder Sertralin geben. Psychotherapie und Biofeedback können ebenfalls hilfreich sein. Die eindeutige Diagnosestellung ist für den Panikpatienten besonders wichtig. Es ist nicht gestattet, dem Patienten nur auf Grund fehlender Organbefunde zu sagen: "Das ist nur psychisch!"

Quelle: Vortrag im Rahmen eines Collegium publicum

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