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Innere Medizin 30. Juni 2005

Krankes Herz durch Distress

Frankfurt am Main. "Sich etwas zu Herzen nehmen" heißt es schon umgangssprachlich. Als nur sinnbildlich und wissenschaftlich ungesichert verwarfen Kardiologen bisher die Zusammenhänge zwischen Herz und Psyche. Studien, die bisher nicht sehr viel Aufmerksamkeit erhalten haben, sprechen allerdings eine andere Sprache.

Studien wurden evaluiert

"Auf Dauer bewirken vor allem die Gefühle Feindseligkeit, Depressivität, Überlastung, Angst und Ärger eine Herzschädigung", sagt Dr. Jochen Jordan, einer der wenigen Psychokardiologen Deutschlands und Privatdozent in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universität Frankfurt. Seiner Initiative ist es unter anderem zu verdanken, dass die oft unzusammenhängenden Studien epidemiologischer, klinischer und experimenteller Art nun von 40 internationalen Experten systematisch evaluiert und dargestellt werden. 

"Die Studien belegen eindeutig, dass bestimmte psychosoziale Einflüsse eigenständige Risikofaktoren der KHK sind. Die quantitative Bedeutung dieser Risikofaktoren ist gleichzusetzen mit dem Einfluss von körperlichen Bewegungsarmut oder Zigarettenkonsum", so Jordan.  Wie er erklärt, können andauernder Ärger oder Frust dann zum Herzinfarkt führen, wenn diese Gefühle als Stress erlebt werden und nicht abgebaut werden können. Stressreaktionen kommen in Situationen vor, in denen Menschen mit einer Herausforderung oder Bedrohung konfrontiert werden. Es werden zentralnervöse Reaktionen aktiviert, vor allem vom Hypothalamus. Dessen Hormone aktivieren die Hypophyse und daraufhin die Nebennierenrinde. Weiterhin bewirken die Hormone der Hypophyse die Ausschüttung von gonadalen Hormonen. "Ist unser Verhalten mit Erfolg oder Belohnung verbunden, oder schaffen wir es, die Situation zu kontrollieren, spricht man vom Eustress. Der Körper schaltet wieder auf vagusgesteuerte Reaktionen um und kann die Stresshormone abbauen", sagt Jordan. Anders verhält es sich mit dem Distress. Dieser ist definiert durch eine wiederkehrende, lang andauernde Verausgabung mit unsicherem Erfolg, fortgesetzter Bedrohung oder Kontrollverlust. "Vom Distress gehen eindeutig Reaktionen mit Krankheitswert auf den Organismus aus, weil die Intensität und Dauer dieser Erregungen nicht angemessen durch gegenregulierende Mechanismen neutralisiert werden können. Es sind frustrierte Anstrengungen", erklärt Jordan.

Auslöser von Distress 

Neu ist in diesem Zusammenhang die Vorstellung, wann es überhaupt zu Stress kommt. Einige der Komponenten, die zu Distress und damit zu koronarschädigenden Effekten führen können, sind zynische, feindselige Einstellungen sowie aggressive Gefühle. Auch die frustrierende Situation am Arbeitsplatz, ohne Aussicht auf Aufstieg, ohne Anerkennung und eigene Verantwortung gelten in der Psychokardiologie als eine Risikosituation für die KHK. "Deshalb ist es wichtig, Patienten auch nach Distresserfahrungen und Bewältigungsmöglichkeiten zu fragen", betont Jordan. Bei entsprechender Diagnose sind verhaltens- oder psychotherapeutische Verfahren der Stressbewältigung wichtige präventive Maßnahmen.  Das Herz ist überdies auch auf positive Weise durch Gefühle zu beeinflussen. Leben wir nämlich in einem sozialen Netz, durch das wir wechselseitig Wertschätzung, Vertrauen und Hilfsbereitschaft in allen Lebenslagen erfahren, kann dies das Ausmaß des erlebten Distress mildern.  Wegweisend war hier unter anderem die kalifornische Alameda-County-Studie (Berkmann 1979), die deutlich machte: Je besser der soziale Zusammenhalt, desto niedriger ist das Sterberisiko, und zwar unabhängig von Lebensstil und medizinischer Versorgung.

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