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Innere Medizin 30. Juni 2005

Die Highlights vom Kardiologen-Kongress

Im Rahmen des Europäischen Kardiologenkongresses (ESC) 2004 wurden Aufsehen erregende Daten präsentiert, die Grundlage für neue Therapieansätze darstellen könnten.

„Mit 40 wissenschaftlichen Präsentationen waren österreichische Herzspezialisten auf dem Europäischen Kardiologenkongress in München sehr stark präsent“, bilanzierte Prim. Dr. Georg Gaul vom Wiener Hanuschkrankenhaus, Past-Präsident der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft (ÖKG), zum Abschluss der größten Medizin-Veranstaltung in Europa mit rund 25.000 Besuchern. Damit lagen die Österreicher über von der Bevölkerung her vergleichbaren Ländern. „Fachlich waren wir mit diesen Präsentationen in allen heute wichtigen Bereichen der Kardiologie vertreten, und besonders erfreulich ist, dass wir zu 25 Prozent mit experimentellen Arbeiten vertreten waren und damit deutlich über dem europäischen Durchschnitt von 18 Prozent lagen. Unsere akademische Grundlagenforschung ist also gut entwickelt.“

Selektiver Cannabinoid Typ 1 Blocker gegen Risikofaktoren

Am ESC wurden auch eine Reihe von aktuellen Erkenntnissen und neuen Entwicklungen auf dem Arzneimittelsektor präsentiert, die für Patienten mit Herz-Kreislauf-Krankheiten von wichtiger praktischer Bedeutung sind. Aufsehen erregten etwa die in München vorgestellten Daten zum neuartigen Wirkstoff Rimonabant, einem Selektiven Cannabinoid Typ 1 Blocker, der sich gegenwärtig in der Phase III einer klinischen Studie befindet. Prof. Dr. Dietmar Glogar vom Wiener AKH, Präsident der ÖKG: „Rimonabant reduziert das Körpergewicht und das Bauchfett, verbessert das Blutfett-Profil und scheint auch beim Aufhören mit dem Rauchen zu unterstützen. Damit wirkt es offensichtlich gegen eine Reihe von Risikofaktoren.“ Sollten sich die Erwartungen erfüllen, könnte der neue Wirkstoff nicht nur beim Abnehmen gefährlich Übergewichtiger unterstützen, sondern als ergänzende Therapie zur Verbesserung der Prognose von Risikopatienten eingesetzt werden.

Innovative medikamentöse Behandlungen

Die ACTION-Studie mit mehr als 7.600 teilnehmenden Patienten zeigte, dass der früher häufig verwendete blutdrucksenkende Wirkstoff Nifedipine GITS in einer lang wirkenden Version bei Angina pectoris-Patienten mit hohem Blutdruck Herzinfarkte und Schlaganfälle verhindern kann. Damit hat sich in Studien die Zahl der Patienten, die im Spital wegen Gefäßverschlüssen behandelt werden mussten, um 13 Prozent verringert. Außerdem verringere sich bei Patienten mit stabiler Angina pectoris die Notwendigkeit von Spitalsaufenthalten wegen Herzinsuffizienz. Glogar: „Dieser Wirkstoff, vor dem vor einigen Jahren immer wieder gewarnt wurde, kann nach der aktuellen Datenlage guten Gewissens als wirksames, ungefährliches und kosteneffektives Medikament eingesetzt werden.“ Die niederländische ICTUS-Studie mit 1.200 Teilnehmern hatte gezeigt, dass bei non STEMI-Herzinfarkten bei Hochrisikopatienten eine moderne Medikamenten-Kombination – gefolgt von Katheterinterventionen im Einzelfall – zunächst genauso gute Ergebnisse bringt wie die ursprünglich in den ärztlichen Richtlinien vorgesehenen sofortigen Eingriffe. Gaul: „Wenn sich die Angina pectoris stabilisiert, kann man jetzt zuwarten und Zeit gewinnen. So können Patienten eventuell nach ein paar Tagen in ein spezialisiertes Krankenhaus transferiert und dort behandelt werden.“ Außerdem haben sich auf dem ESC auch die Anzeichen verdichtet, dass das Fortschreiten einer Aortenstenose durch den Einsatz von Statinen gebremst und so bereits sehr früh in das Krankheitsgeschehen eingegriffen werden kann. „Wie auch Studien am Wiener AKH zeigen, dürften dafür die antientzündlichen Effekte der Statine verantwortlich sein“, erklärt Glogar. „Bisher konnte die Entwicklung der Aortenstenose nicht beeinflusst werden und die einzige Therapieoption war ein künstlicher Klappenersatz im fortgeschrittenen Stadium.“„Zurück ins Labor“ heiße es jetzt für die Stammzellen-Therapie, fasst Glogar die neuesten Entwicklungen auf diesem Zukunftsgebiet zusammen: „Es gibt viele experimentelle Studien, um im Rahmen eines ‚Tissue Engeneering’ ausdifferenzierte Zelltypen und Gewebevorstufen herzustellen. Das ist hochinteressant, allerdings vermutlich für die Praxis erst mittelfristig von Bedeutung.“

Kooperation von Herz- und Diabetes-Spezialisten gefordert

Eines der Schwerpunktthemen am ESC war Diabetes. Gaul: „Damit hat das Thema Diabetes zu Recht verstärkt in die Kardiologie Einzug gehalten. Schließlich haben 75 bis 80 Prozent aller Diabetiker auch eine Herz-Kreislauf-Erkrankung, und 75 bis 80 Prozent aller Herzinfarkt-Patienten weisen einen Diabetes oder seine Vorstufe, eine gestörte Glukose-Toleranz, auf. Konsequenter Weise wurde in München, gestützt auf die internationale EuroHeart-Studie, ein routinemäßiger Diabetes-Check für Herzpatienten gefordert.“ Dieser sei allerdings in Österreich bereits Standard, wodurch in vielen Fällen Diabetes-Langzeitfolgen vorgebeugt werden kann.

Bahnbrechende Erkenntnisse zu Risikofaktoren

Breiten Raum nahmen Fragen rund um die Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein. Glogar: „Während in Europa Infektionskrankheiten abnehmen, nehmen Risikofaktoren für Herzinfarkte und Schlaganfälle zu.“ Besonders beeindruckend seien im Rahmen der Prävention unter anderem die Ergebnisse der in München vorgestellten INTER-HEART-Studie, wonach neun Risikofaktoren für 90 Prozent des Herzinfarkt-Risikos verantwortlich sind. „Allein das Rauchen und ein abnormes Verhältnis von bestimmten Blutfetten, von Apolipoprotein B zu Apolipoprotein A-1, ermöglichen gemeinsam zwei Drittel der Infarkte. Diesen Blutfetten wird also künftig in der Vorbeugung weit mehr Aufmerksamkeit als bisher zu widmen sein“, so Glogar.

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