zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 30. Juni 2005

Psychosomatische Tagesklinik eröffnet

Vor allem PatientInnen mit gestörtem Ernährungsverhalten brauchen eine intensive psychosomatische Versorgung. Mit der ersten Tagesklinik eröffnet das Wiener Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern die Möglichkeit einer intensiven Betreuung bei gleichzeitiger Beibehaltung des gewohnten sozialen Umfelds.

Psychosomatische Erkrankungen nehmen zu. „Der Druck, der auf jedem Einzelnen in unserer Gesellschaft lastet, wird größer. Das führt immer öfter auch zu psychosomatischen Problemen“, sagt Prim. Dr. Peter Weiss, Vorstand der III. medizinischen Abteilung am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Wien. Schon bisher wurden in dieser Abteilung jährlich mehrere hundert PatientInnen mit psychosomatischen Beschwerden aus allen österreichischen Bundesländern betreut. Die Behandlung von PatientInnen mit Essstörungen stellt dabei einen wesentlichen Schwerpunkt dar: rund 47 Prozent der PatientInnen sind davon betroffen.

„Essstörungen wie Anorexia nervosa, Bulimie oder Binge Eating Disorder sind heute fünfmal häufiger als noch vor 20 Jahren“, erklärt Weiss. Weitere Schwerpunkte der psychosomatischen Behandlung am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern sind chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Angst- und Panikstörungen, depressive Erkrankungen und chronische Schmerzzustände.

Intensive Psychotherapie

Die psychosomatische Tagesklinik, die am 20. April eröffnet wurde, soll das bisherige stationäre Behandlungsangebot ergänzen. Die Tagesklinik bietet eine vierwöchige ambulante Therapie, die sowohl im Anschluss an eine stationäre Behandlung als auch als eigenes Therapieangebot genutzt werden kann. Die PatientInnen absolvieren dabei von Montag bis Freitag zwischen 8 und 16 Uhr ein intensives psychotherapeutisches Angebot, das Einzel- und Gruppentherapie, konzentrative Bewegungstherapie sowie Mal- und Musiktherapie umfasst. „Durch den Besuch der Tagesklinik können die PatientInnen während ihrer Therapie weiter in ihrem sozialen Umfeld leben und gleichzeitig eine umfassende Behandlung in Anspruch nehmen“, erläutert Dr. Alwin Hockl, der Leiter der Tagesklinik, die Vorteile einer ambulanten Therapie. „Auch ein Bezug auf die konkrete Lebenssituation der Patientinnen und Patienten wird damit leichter.“ Dabei sind eine freiwillige Entscheidung zur Therapie und die ausreichende Motivation die wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Therapie. Generelles Ziel der Behandlung ist die Übernahme von Selbstverantwortung für die Lebensgestaltung sowie die Erhöhung der sozialen Kompetenz. Aber auch die Selbstwahrnehmung und eine verbesserte Ausdrucks- und Konfliktfähigkeit sollen in der ambulanten Therapie erarbeitet werden.

Angehörige und LebenspartnerInnen werden dabei nur auf ausdrücklichen Wunsch des Patienten in die Therapie miteinbezogen. „In der psychosomatischen Therapie geht es häufig um Selbstfindung. Das kann auch heißen, sich von der Ursprungsfamilie wegzubewegen“, sagt Hockl. „Unser Partner ist der Patient und nicht das System, in dem er sich bewegt.“

Kostenloses Angebot

Derzeit stellt die Tagesklinik zehn Plätze zur Verfügung. Das Angebot ist für die PatientInnen, bis auf obligatorische Selbstbehalte für Spitals-aufenthalte, gratis. Verhandlungen bezüglich einer Kostenübernahme durch die Stadt Wien laufen: „Mit Eröffnung der Tagesklinik haben wir auf die starke Nachfrage aus der Bevölkerung reagiert. Damit wir diesen Versorgungsauftrag auch erfüllen können, sind wir auf die Partnerschaft mit der Stadt Wien angewiesen“, erklärt Mag. Stefan Lampl, Geschäftsführer und Verwaltungsdirektor des Krankenhauses der Barmherzigen Schwestern. Die Verhandlungsgespräche mit dem Wiener Spitalsfonds laufen. Auch der Bund soll in die Regelfinanzierung der psychosomatischen Tagesklinik miteinbezogen werden.

Derzeit wird der tagesklinische Betrieb aus dem allgemeinen Krankenhausbudget vorfinanziert. Lampl kalkuliert dabei die Kosten für das heurige Jahr mit etwa 100.000 Euro. „Die stationäre psychosomatische Behandlung haben wir zehn Jahre lang vorfinanziert – erst seit zwei Jahren werden die Kosten vom Spitalsfonds übernommen“, sagt Lampl. Er hofft jedenfalls, dass die Finanzierung der Tagesklinik nicht zehn Jahre lang auf sich warten lässt. Langfristig sieht auch Abteilungschef Weiss eine Kostenersparnis: „Es kann durchaus sein, dass stationäre Betten durch die tagesklinische Versorgung eingespart werden können.“

Sabine Fisch, Ärzte Woche 16/2004

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben