zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 30. Juni 2005

KHK auch bei Frauen weiter abklären

Der Frauenanteil im Patientengut mit koronarer Herzkrankheit (KHK) ist deutlich geringer als jener von Männern. Dies gilt vor allem für die prämenopausale Altersgruppe. Doch die KHK ist nach wie vor führende Todesursache bei Frauen in Industriestaaten.

Kardiologen brauchen für die Früh-erkennung die Unterstützung der Allgemeinmediziner. „Schickt Frauen früher zur Abklärung der kardialen Situation“, appelliert Dr. Andrea Podczeck, OA an der 3. Medizinischen Abteilung des Wilhelminenspitals in Wien, an die nieder-gelassene Kollegenschaft. Es sei durch nichts zu rechtfertigen, derart lange zuzuwarten, wie es zur Zeit praktiziert werde. „Patientinnen sollten im Hinblick auf die Abklärung einer Koronarsklerose rechtzeitig zum Spezialisten geschickt werden“, so die Kardiologin. Mittlerweile wird eine KHK bei Frauen zwar weitaus häufiger diagnostiziert als früher, dies scheint aber eher an einer generellen Bewusstseinsbildung für Herz-Kreislauferkrankungen zu liegen. „Tatsächlich werden Patientinnen mit zum Teil eindeutig kardiovaskulärem Beschwerdebild nicht weiter diagnostiziert“, bedauert Podczeck. „Weder die Frauen noch die behandelnden Ärzte scheinen die Möglichkeit einer kardialen Ursache in Betracht ziehen zu wollen.“

Laut einer rezenten deutschen Studie dauert es bei Frauen ein-deutig länger, bis ihnen eine Herzkatheteruntersuchung angeboten wird. „Wir sehen oft“, so die Kardiologin, „dass Frauen eine deutlich schlechtere Diagnostik und medikamentöse Versorgung, geringere Überweisungsraten zu Spezialisten und auch seltener eine Aufnahme auf die Intensivstation zuteil werden.“ Ein weiteres Faktum: Durch einen Diabetes mellitus ist das relative Risiko einer KHK bei Frauen signifikant höher. Hier kehrt sich der Geschlechtsunterschied um, der sonst bei der koronaren Herzkrankheit zu beobachten ist. Die Mortalität bei diabeteskranken Frauen liegt weit über jener der Männer.

Interwiev mit Dr. Andrea Podczeck

Die Unterschiede hinsichtlich Inzidenz, Prävalenz und Symptomatik bei Männern und Frauen mit KHK scheinen einerseits biologisch bedingt zu sein, hängen aber auch mit dem Lebensstil zusammen. „Unbestritten ist, dass die vom Körper selbst produzierten Östrogene ein Schutzfaktor für Frauen während der reproduktiven Lebensphase darstellen“, betonte die Kardiologin Dr. Andrea Podczeck, Oberärztin an der 3. Med. Abt. des Wiener Wilhelminenspitals, im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE anlässlich der Veranstaltung „Kardiologie Interaktiv“ Ende Jänner. Ihr liegt eine erhöhte Aufmerksamkeit für die Diagnostik kardiovaskulärer Erkrankungen bei Frauen besonders „am Herzen“.

Kommen geschlechtsspezifische Unterschiede tatsächlich auch im ärztlichen Management zum Tragen?
Podczeck: Tatsächlich werden Patientinnen mit zum Teil eindeutig kardiovaskulärem Beschwerdebild nicht weiter diagnostiziert. Weder die Frauen noch die behandelnden Ärzte scheinen die Möglichkeit einer kardialen Ursache in Betracht ziehen zu wollen. Langes Zuwarten, wie noch immer oft praktiziert, ist aber durch nichts zu rechtfertigen.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Podczeck: Die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer KHK wird bei Frauen meist unterschätzt, so dass entsprechende Beschwerden, wie beispielsweise Schmerzen im Brustkorb oder Oberbauch, sowohl von den Patientinnen selbst als auch von ihren behandelnden Ärzten eher mit anderen Ursachen erklärt oder als weniger bedrohlich wahrgenommen werden. Oft beschränken sich die diagnostischen Vermutungen auf Wirbelsäulenbeschwerden, die aber auch nicht weiter abgeklärt werden.

Ist die Symptomatik tatsächlich als untypisch zu bewerten?
Podczeck: Wenn man den Daten der deutschen Studie glauben darf, so waren die Symptome gar nicht so unklar. In der Literatur und den Medien wird zwar immer von einem atypischen Beschwerdebild bei Frauen gesprochen, das nicht an eine kardiale Ursache denken lässt. Ruft man sich dann aber rückblickend die Symptomatik ins Gedächtnis, so scheint sie doch recht eindeutig. Es handelt sich anscheinend eher um Hemmungen, die Patientinnen tatsächlich in diese Richtung abzuklären. Ist durch diese neue Datenlage eine Änderung der Grundeinstellung bezüglich der Diagnostik koronarkranker Frauen zu beobachten?
Podczeck: Das Vorurteil „Frauen können nicht kardial krank sein“ setzt sich tendenziell leider fort. Oft wird dies der Vermutung zugeschrieben, dass Frauen auf diesem Gebiet dissimulieren. Vergleicht man Frauen und Männer mit Verdacht auf eine KHK, so wird bei Patientinnen weitaus seltener invasiv vorgegangen. Dies kann jedoch gerade bei der weiblichen Bevölkerung die einzige aussagekräftige Diagnostik sein.

Ist eine Ergometrie zur Abklärung eines kardialen Risikos nicht ausreichend?
Podczeck: Leider liefert uns die Ergometrie zur weiteren Abklärung von Thoraxschmerzen bei Frauen häufig sowohl falsch-positive als auch falsch-negative Ergebnisse. Die Gründe dafür sind noch nicht befriedigend untersucht. Bei weiterführenden Untersuchungen, wie Belastungs-EKG, Stressechokardiographie oder Myokardszintigraphie, liegen Sensitivität und Spezifität deutlich unter den für Männer ermittelten Werten. Erst in Zusammenschau mit der Belastbarkeit während der Untersuchung und anamnestischen Daten ist die Aussagekraft deutlich verbessert.

Wie ist der hormonelle Schutz durch die Östrogene zu bewerten?
Podczeck: Im Durchschnitt erkranken Frauen rund zehn Jahre später als Männer. Grund dürfte der natürliche Schutz des Östrogens sein. Die Wirkung ist sicher vielfältiger als angenommen und hat für Frauen diesseits der Menopause eine starke kardioprotektive Komponente.

Die Ergebnisse der Women’s Health Initiative (WHI) bestätigen den günstigen Einfluss einer Hormongabe auf die kardiovaskuläre Situation aber keineswegs ...
Podczeck: Vor der Publikation dieser Studie galt es noch als Leitlinie, dass eine Hormonersatztherapie vor einer KHK schützt und sie deshalb auch in dieser Indikationsstellung verabreicht werden sollte. Die WHI zeigte jedoch, dass dies – entgegen unseren Erwartungen, die sich auf frühere Observationsstudien stützten – nicht der Fall ist.

In Österreich wird zum Teil massive Kritik an dieser Studie geübt. Sind die Ergebnisse für Sie bindend?
Podczeck: Es ist dies die erste wirklich große prospektive Studie, die sauber durchgeführt wurde. Hinsichtlich der Ergebnisse zur KHK steht sie 100-prozentig und ist insofern bindend für die kardiologische Welt. Vor zwei Jahren hätte ich dies noch nicht so klar gesagt, doch heute steht fest: Die HRT schützt nicht vor kardialen Ereignissen, das Risiko dafür dürfte sogar durch den Hormonersatz etwas höher liegen. Deshalb wird auch in den derzeitig gültigen kardiologischen Guidelines eine HRT aus Gründen des Gefäßschutzes nicht empfohlen.

Wie ist dann aus kardiologischer Sicht die Verabreichung einer HRT zu sehen?
Podczeck: Dies alles soll nicht im Widerspruch zur Gynäkologie stehen. Wenn klimakterische Beschwerden mit einer HRT zu therapieren sind, sollte sie der Patientin auch angeboten werden. Man darf sich dann aber nicht in Sicherheit wähnen, was das kardiovaskuläre Risikoprofil betrifft. Wünschenswert wären Daten für Österreich zu dieser Fragestellung.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 15/2004

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben