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Innere Medizin 10. April 2006

Die Gefahr aus dem Kochtopf

Nahrungsmittelallergene lösen Irritationen an der Mundschleimhaut, Übelkeit, Erbrechen, Durchfälle und andere lokale Symptome aus. Es kann aber auch zu Systemreaktionen wie Hautsymptomen (Urtikaria, Ekzem), Angioödemen oder Asthma kommen; im Extremfall kann sich durch massiven Blutdruckabfall und Verengung der Bronchien ein lebensbedrohlicher anaphylaktischer Schock entwickeln. Nahrungsmittelallergien des Kleinkindes- und Kindesalters unterscheiden sich prinzipiell von jenen des Erwachsenenalters: Kinder reagieren auf Substanzen, die über den Verdauungstrakt in den Körper gelangen (intestinale Allergene), Erwachsene hingegen auf Substanzen, die über den Atemweg in den Körper gelangen (inhalative Allergene), mit immunologischer Sensibilisierung. 

Nahrungsmittelallergien beim Kind 

Nahrungsmittelallergien sind häufig die erste Manifestation einer Atopie. Die ersten nutritiven Antigene, mit denen das Kind konfrontiert ist, sind Kuhmilchproteine. Entsprechend ist die Milchallergie die erste und häufigste Lebensmittelallergie im Kleinkindesalter. Diese Kinder leiden unter Erbrechen und Durchfällen oder einer Dermatitis. Seltenere Nahrungsmittelallergien des Kleinkindesalters sind die Allergie gegen Hühnerei, Weizen, Soja, Fisch oder Erdnuss. 

Normalerweise verschwinden die Nahrungsmittelallergien spätestens im Vorschulalter spontan (Ausnahme: Fisch, Erdnuss), ein Effekt der Reifung des Immunsystems des Verdauungstrakts. Entsprechend dem natürlichen Verlauf der Atopie werden diese Kinder jedoch ab diesem Zeitpunkt mit einer allergischen inhalativen Symptomatik beginnen. Als vorbeugende Maßnahmen gegen Nahrungsmittelallergien im Kindesalter kann eigentlich nur eine möglichst lange Stillzeit und später Kontakt mit potenziellen Allergieauslösern empfohlen werden. 

Nahrungsmittelallergien bei Jugendlichen und Erwachsenen 

Nahrungsmittelallergien von Jugendlichen und Erwachsenen beruhen meistens auf einer "Kreuzreaktivität" zwischen inhalativen und nutritiven Antigenen: Antikörper, die ursprünglich gegen inhalative Allergene gebildet wurden, reagieren dabei auf ähnlich strukturierte Allergene aus Nahrungsmitteln. So kann es passieren, dass bei einem Patienten, der an einer Pollenallergie gegen Birke, Erle, Hasel etc. leidet, auch der Genuss eines Apfels zu Atemnot, Juckreiz und anderen allergischen Reaktionen führt.
Ebenso entsteht manchmal eine Allergie gegen Sellerie und Gewürze der Familie der Apiaceae (Anis, Fenchel, Kümmel, Koriander usw.) bei Patienten, die auf Kräuterpollen allergisch reagieren - das "Beifuß-Sellerie-Gewürzsyndrom". 

Nahrungsmittelallergien, die durch eine inhalative Sensibilisierung gegen tierisches Material hervorgerufen wurden, findet man bisweilen bei Vogelbesitzern, diese entwickeln dann eine Allergie gegen Eier ("bird-egg-syndrome"). Interessanterweise sind diese Patienten - vorwiegend erwachsene Frauen - nicht gegen dieselben Allergene im Hühnerei sensibilisiert wie Kinder: "Bird-egg-Syndrom"-Patienten entwickeln Antikörper gegen ein Dotterprotein, Kinder sind auf Allergene im Eiklar sensibilisiert. Hausstaubmilben sind verwandt mit Weich- und Krustentieren. Hausstaubmilbenallergiker vertragen daher oft keine Shrimps, Krabben, Muscheln, Schnecken oder Tintenfische. 

Diagnostisches Vorgehen 

Nachdem Nahrungsmittelallergien bei Erwachsenen meist als "Nachfolgeallergien" von Allergien gegen Substanzen, die über den Atemweg in den Körper gelangen, auftreten, stellt die Grundlage der Nahrungsmittelallergiediagnostik eine Befragung der Patienten über vorhandene Überempfindlichkeiten gegen inhalative Allergene dar. Anschließend werden routinemäßig Hauttestungen und IgE- Antikörper-Bestimmungen durchgeführt. Eine weitere Form der Diagnostik besteht in einer Eliminationsdiät (Meidung des verdächtigten Nahrungsmittels) oder Exklusionsdiät (Meidung sämtlicher Nahrungsmittel mit bekannter allergieauslösender Potenz), unter der sämtliche allergisch vermittelten Symptome verschwinden sollten. Nach einer "allergen-freien" Exklusionsdiät von drei bis vier Wochen werden stufenweise wieder andere Proteine zugeführt. Unter genauer Dokumentation ist so der Auslöser für Allergie/Intoleranz oft zu identifizieren. Positive Labor- und Hauttestergebnisse sind immer kritisch zu prüfen. Besonders bei Patienten, die viele IgE-Antikörper besitzen, gilt: nicht alle Patienten mit Nahrungsmittel-spezifischem IgE haben klinische Symptome! Insgesamt kann man feststellen, dass im Bereich der Nahrungsmittelallergien besonders häufig mit falsch-negativen und falsch-positiven Ergebnissen zu rechnen ist. 

Therapiemöglichkeiten 

Die beste Therapie - oder eigentlich Prophylaxe - besteht in Allergenkarenz. Die Meidung von versteckten Nahrungsmittelallergenen ist aber logischerweise schwierig. Patienten, die schon Systemreaktionen erlebt haben, sollten mit Notfallmedikamenten, Anaphylaxiepatienten und Asthmatiker auch mit einem Adrenalin (Epinephrin-) Autoinjector ausgerüstet werden. Andere Therapiemethoden wie die spezifische Immuntherapie können derzeit nicht empfohlen werden, da nicht genügend wissenschaftliche Daten vorliegen. Die Verwendung von Kuhmilchersatznahrungen als therapeutische Maßnahme bei milchallergischen Kindern ist sinnvoll, wobei aber darauf hingewiesen werden muss, dass die Formula-Nahrungen hypoallergen (wenig beziehungsweise niedrig allergen), aber keineswegs "allergenfrei" sind. Die Rolle hypoallergener Milchersatznahrung in der Prophylaxe der Allergie ist umstritten. 

Häufiger als Allergien: Unverträglichkeitsreaktionen

Wesentlich häufiger als Allergien sind nicht-immunologisch bedingte Unverträglichkeitsreaktionen auf Nahrungsmittel. Am häufigsten sind dafür bakterielle, pflanzliche oder tierische Giftstoffe (z.B. aus Tollkirsche oder von Schimmelpilzen) verantwortlich. Natürlich können auch Hormonbotenstoffe wie z.B. Histamin, Tyramin und Serotonin, wenn sie in hohen Konzentrationen in einem Nahrungsmittel vorliegen, eine Allergie-ähnliche Symptomatik hervorrufen. Giftstoffe in Nahrungsmitteln entstehen bei Lagerung und Verarbeitung durch Mikroorganismen und Enzyme (Gärung, Fermentation, Verderb). Liegt zusätzlich ein Diamino-oxidase(DAO)-Mangel (dieses Enzym inaktiviert hormonelle Botenstoffe) vor, so ist eine besondere Sensitivität auf histaminhältige Nahrungsmittel die Folge. Oft ist die Einnahme von Medikamenten, welche die DAO blockieren, die Ursache für eine Histaminunverträglichkeit. 

Andere Enzymdefekte (z.B. Milchzuckerintoleranz) führen auch zu Verdauungsstörungen, die mit bestimmten Lebensmitteln assoziiert sind, aber nicht als Allergie klassifiziert werden dürfen. Als pseudoallergische Reaktionen bezeichnet man Symptome, die klinisch nicht von allergischen Zwischenfällen zu unterscheiden, aber nicht durch IgE-Antikörper vermittelt sind. Bei manchen Menschen können Konservierungsmittel, Farbstoffe und andere Lebensmittelzusätze zu allergieähnlichen Symptomen führen. Diese Reaktionen sind jedoch äußerst selten. Schließlich können auch psychische Faktoren (Aversion) zu Unverträglichkeitsreaktionen führen. Alle nicht-toxisch und nicht-immunologisch verursachten Nahrungsmittelunverträglichkeiten sollten als Nahrungsmittelintoleranzen bezeichnet werden. 

Quelle: www.univie.ac.at/dieuniversitaet; nach einem Beitrag von Prof. Dr. Christof Ebner

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