zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 10. April 2006

"Primäre Ressource ist der Patient"

"Das oberste Ziel in der Diabetesbetreuung besteht darin, Menschen mit Diabetes in die Lage zu versetzen, ein normales und erfülltes Leben zu führen; die primäre Ressource ist dabei der Patient selbst", lautet es in der European Diabetes Policy Group. Die entscheidenden Stellgrößen werden vom Patient eigenverantwortlich in seinem Alltag durchgeführt. Empowerment im Umgang mit Diabetes mellitus ist mittlerweile schon seit Jahren bekannt, die Umsetzung ist leider immer noch sehr mangelhaft. Dipl. Psych. Bernhard Kulzer vom Diabetes Zentrum Mergentheim, Deutschland: "Gute Arbeit in der Diabetesbetreuung wird auf Seite der medizinischen Versorgung, also der medikamentösen Einstellung, geleistet. Verbesserungsmöglichkeiten sind gefragt, wenn der Patient im Alltag Probleme mit der Umsetzung seines Therapieschemas hat." 

Diagnose ist oft ein Schock

Besonders zu Beginn der Krankheit stellt sich beim Typ II Diabetiker das fehlende Krankheitserleben als problematisch dar, während beim juvenilen Diabetiker mit der Diagnose oft ein Schock verbunden ist. "Wir als Schulungsteam sehen es als unsere Aufgabe an, dem Patienten die notwendigen Fertigkeiten zu vermitteln, um sich mit der Krankheit zurechtzufinden, ihn in dieser schwierigen Phase der Lebensumstellung zu unterstützen und zu begleiten." Es liegt in der Verantwortung des Diabetesteams zu gewährleisten, dass die Person mit Diabetes ein Leben mit eigenen informierten Entscheidungen führen kann. 

Dies wird durch die drei Elemente des Empowerments erreicht:

  1. Wissen über die Erkrankung und ihre Behandlung
  2. Hilfe zur Verhaltensveränderung, um sich an diese Krankheit zu adaptieren
  3. Hilfe, dass der Patient selbstverantwortlich mit seiner Therapie umgehen kann Schulung ist für Patienten wie Ärzte gleichermaßen wichtig. 

Gründe für das Empowerment

Bob Anderson, einer der Pioniere der strukturierten Patientenschulung, nennt drei Gründe, warum es keine Alternative zum Empowermentansatz gibt: Erstens führen Menschen mit Diabetes eine Selbsttherapie; sie selbst treffen eigenverantwortliche Entscheidungen entsprechend den Erfordernissen des Alltags. Zweitens werden wesentliche Therapieentscheidungen nicht vom Arzt getroffen, sondern vom Patienten in seinem Alltag, und dieser hat dafür auch die Verantwortung zu übernehmen. Denn nicht die medizinischen Experten, sondern der Patient selbst trägt auch die Konsequenzen.

Eigenverantwortlichkeit

Drittens verändern Menschen eher ihr Verhalten, wenn sie diese Veränderungen für bedeutsam halten und wenn sie selbst in einen Entscheidungsprozess involviert sind und freie Wahl haben. Kulzer: "Ziel von Empowerment ist also, Patienten zu befähigen, möglichst eigenverantwortlich mit der eigenen Krankheit und deren Therapie zurechtzukommen, was zur Konsequenz hat, Diabetespatienten entscheidungsfähig zu machen. Daraus ergibt sich eine geteilte Expertenschaft. Zum einen der Patient, der seinen Alltag kennt, und zum anderen die medizinische Fachwelt. Und nur unter Zusammenarbeit dieser beiden Expertenteams ist ein adäquater Umgang mit der Krankheit Diabetes mellitus möglich."

Schulungen, die auf Wissensvermittlung aufbauen, haben keinen Einfluss auf den HbA1 Wert. "Schulung muss auf Empowerment aufgebaut sein, um Wirksamkeit zu zeigen, und neuere Schulungsformen machen deutlich, dass es hier um motivationale Prozesse, Veränderung von Einstellungen und Gefühlen, Verhaltensmodifikation geht", so Kulzer. 

Wissen ist nicht vorrangig

Um diese Überzeugung umzusetzen, geht es nicht vorrangig um Wissen, sondern darum, mit dem Betroffenen seinen bisherigen Alltag und Lebensstil zu betrachten, seine Einstellungen und Gewohnheiten zu überdenken. Empowerment ist eine Veränderung der Behandlungsphilosophie, ein absolut neues Paradigma. "Vorraussetzung ist die Grundannahme, dass ein Mensch autonom und selbstbestimmt ist und eigenverantwortlich für sein eigenes Leben", betont Kulzer. 

Die Rolle des Therapeuten ist die eines Assistenten geworden. Traditionellerweise versuchen Ärzte wie Therapeuten Lösungen für die Probleme des Patienten zu finden, ihn "an der Hand zu nehmen" und zu zeigen, wie es geht. Empowerment bedeutet, dass eine gemeinsame Problemlösungsstrategie anzustreben ist. 

Schulungen problematisch

Typischerweise wurden Ziele von behandelnder Seite vorgegeben und dann kontrolliert, wie sich der Patient daran hält, also Compliancemessung vorgenommen. Konkrete Anweisungen wurden dem Patienten vorgelegt, mit dem Kommentar: "Das ist richtig, das nicht". "Wir sind der Überzeugung, dass dieser ehemalige Schulungsansatz für den Patienten in seiner Selbstverantwortlichkeit nicht förderlich ist. Hier bedeutet Empowerment, dem Patienten eine Entscheidungsmatrix vorzugeben, über Vor- und Nachteile verschiedener Verhaltensweisen zu informieren, denn die Entscheidung wiederum liegt beim Patienten, in seiner Verantwortlichkeit? ist Kulzer überzeugt und betont abschließend: "Es ist das Leben des Patienten, wobei wir nur Information anbieten können, doch die Entscheidung zur Lebensgestaltung liegt immer bei dem Einzelnen selbst." 

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben