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Innere Medizin 4. April 2006

Ungeduldiger als die Beamtenschaft

Vorsorge steht an oberster Stelle in der Prioritätenliste heimischer Gastroenterologen. Davon konnte man sich auf der diesjährigen Jahrestagung im Wiener Palais Ferstel überzeugen.

Die ÄRZTE WOCHE sprach mit dem Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie (ÖGGH), Doz. Dr. Werner Weiss, 4. Medizinische Abteilung der Rudolfstiftung in Wien, über aktuelle Themen und Trends sowie Ärgernisse mit Krankenkassen.

Mehr als die Hälfte Ihrer Amtsperiode als Präsident der ÖGGH liegt nun hinter Ihnen. Welche Zwischenbilanz können Sie ziehen?

Weiss: Ich habe den Hauptschwerpunkt meiner präsidialen Tätigkeit auf medizinische Veranstaltungen und PR-Aktivitäten im Bereich der Früherkennung des kolorektalen Karzinoms gelegt. So setze ich mich nach wie vor dafür ein, die Coloskopie in die Vorsorgeuntersuchung zu integrieren und das entsprechende Bewusstsein für diese Notwendigkeit zu schaffen. Die Plakate und TV-Spots, die in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Krebshilfe entstanden, haben sicherlich große Aufmerksamkeit erregt und bewusstseinsbildend gewirkt. Allerdings ist es noch zu früh, über das Ausmaß des Erfolges zu berichten.

Woran liegt Ihrer Meinung nach der Vorsorgeunwille in Österreich?

Weiss: Eine effektive Durchsetzung der Vorsorgemaßnahmen scheitert nicht zuletzt am mangelnden Weitblick der Sozialversicherungsträger, die anscheinend nur die momentanen Kosten der Vorsorgeuntersuchungen scheuen, ohne auf die mittelfristig enorme Geldersparnis durch eine sinkende Zahl an therapiebedürftigen Karzinomen Bedacht zu nehmen. Zwar gab es auch hierzulande eine Menge Lippenbekenntnisse, dennoch scheint es, dass jede im Gesundheitswesen verantwortliche Stelle sich selbst die nächste ist. In Deutschland oder den USA funktionieren die Screening-Maßnahmen, in Österreich müssen Vorsorgebelange erst neu gruppiert werden.

Ein Kampf gegen bürokratische Windmühlen?

Weiss: Möglich. Aber ich werde unverdrossen weiterkämpfen. So konnten wir für die Jahrestagung den renommierten Gastroenterologen Professor Classen aus München gewinnen, der über eine weitgehend funktionierende kolorektale Vorsorge in Deutschland berichtete. Es ist also - bei einem vergleichbaren Gesundheitssystem - möglich. Und es stimmt mich optimistisch, dass ein solches Programm bei unseren Nachbarn seit nunmehr zwei Jahren gut läuft. Richtig ist, dass ich sicher weitaus ungeduldiger bin als die Beamtenschaft.

Wie steht es denn um die Qualitätskontrolle bei der Coloskopie?

Weiss: Zuerst sollten wir die Coloskopie als wirksames Instrument der Gesundenuntersuchung propagieren. Als zweiter Schritt ist es tatsächlich sinnvoll, ähnliche Kriterien für die Verwendung des Instrumentariums anzuwenden wie in Deutschland, wo die Anzahl der Anwender qualitätsbedingt beschränkt ist.

Viele Kollegen versuchen, ihren Patienten die Untersuchung weitgehend zu ersparen.

Weiss: Die Coloskopie hat sicher auch nicht ganz zu Unrecht ein negatives Image unter Laien, aber auch unter der Ärzteschaft. Wir planen, den Begriff der "sanften Coloskopie" als Qualitätszeichen einzuführen. Sie zeichnet sich durch die Erfüllung einer Checkliste, die Prämedikation oder ein Aufklärungsgespräch beinhaltet, aus. An sich sollte all dies selbstverständlich sein. Die positive Kennzeichnung von Institutionen, die diese Punkte tatsächlich erfüllen, gibt den Patienten und den Zuweisern allerdings Gewissheit.

Wie halten es denn die Ärzte mit ihrer eigenen Vorsorge?

Weiss: In Gesprächen mit Kollegen anderer Fachrichtungen stellt sich oft heraus, dass sie es mit ihrer eigenen kolorektalen Krebsvorsorge nicht allzu genau nehmen. Um eine effektive Vorsorgemedizin betreiben zu können, müssen allerdings zuallererst die Ärzte von der Sinnhaftigkeit überzeugt sein. Schließlich entwickeln in Österreich jährlich 5.000 Menschen ein kolorektales Karzinom. Das bedeutet, dass jede 17. Person im Laufe ihres Lebens daran erkrankt. Ich versuche diese Dramatik auch den Kollegen vor Augen zu führen: Von 100 Ärzten sind 6 Betroffene. Daher ist es auch wichtig, dass sie sich selbst aus dem Vorsorgeprogramm nicht ausschließen.

Wie lautet die aktuelle Empfehlung für das kolorektale Screening?

Weiss: Ziel sollte es sein, ein dichtes Vorsorgeprogramm für Menschen jenseits des 40. Lebensjahres zu erstellen. Ein in jüngeren Jahren geführtes Anamnesegespräch gibt zudem Aufschluss über genetische und individuelle zusätzliche Risikofaktoren, die eventuell ein genaueres frühzeitiges Vorgehen erfordern. Bis zum 50. Lebensjahr ist eine jährliche Untersuchung auf okkultes Blut im Stuhl ausreichend. Ab dem 50. Lebensjahr wäre eine Coloskopie indiziert. Bei negativem Befund und Nicht-Risikopatienten kann man etwa sieben Jahre bis zur nächsten Untersuchung verstreichen lassen. Wir wollen mit der Coloskopie in erster Linie Vorstufen eines Malignoms diagnostizieren und diese bei Bedarf rechtzeitig entfernen.

Ist der DNA-Stuhltest zur Diagnose eines kolorektalen Karzinoms praxistauglich?

Weiss: Zur Zeit ist dieser Test sicherlich noch zu kompliziert. Allein die logistischen Probleme, die sich daraus ergeben, dass hierfür die gesamte Stuhlmenge untersucht werden muss, sprechen gegen ein solches Screeningverfahren. Zudem liegt die Sensitivität lediglich bei 70 Prozent und die Kosten sind hoch. Bei Verbesserung dieser Parameter könnte der DNA-Test allerdings durchaus Zukunft haben. Auch die virtuelle Coloskopie mittels CT ist eine an sich reizvolle Perspektive. Von vielen Patienten wird jedoch die Vorbereitung auf eine Darmuntersuchung als belastender eingestuft, als die Coloskopie selbst. Diese Vorbereitung ist auch beim CT noch nötig. In den nächsten Jahren ist die Bildgebung sicher ein ernst zu nehmender Konkurrent.

Welche weiteren Bereiche sind Ihnen noch ein Anliegen?

Weiss: Es scheint mir wichtig, die Erkennung von Personen, die mit dem Hepatitis C-Virus infiziert sind, voranzutreiben. Mehrere 10.000 Menschen wissen in Österreich nichts von ihrer Infektion. Neben Informationsveranstaltungen wäre es sinnvoll, bei den Standardlabortests zusätzlich oder gar statt der Gamma-GT die GPT zu bestimmen.
Und natürlich ist mir die Förderung des medizinischen Nachwuchses ein großes Anliegen. Wir schicken zum Beispiel junge Kollegen zur Erlernung interventionell endoskopi-scher Techniken nach Japan. Anfang nächsten Jahres werden sie über ihre Erfahrungen berichten.

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