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Innere Medizin 4. April 2006

Atypische Symptome: An Sprue denken!

Ein zwölfjähriger Junge klagt seit längerem über postprandiale Bauchschmerzen. Er hat Blähungen, ist ständig schlecht gelaunt, und die Mutter berichtet über Lernschwierigkeiten in der Schule.

Bei diesen eher untypischen Symptomen auf die einheimische Sprue oder Zöliakie als Ursache zu tippen, das gelingt selbst gewieften Diagnostikern nicht ohne weiteres. Bei der Sprue, der Gluten-sensitiven Enteropathie mit Entzündung des Dünndarms und Verlust an Darmzotten, sind unspezifische Symptome aber nur ein Problem in der Diagnostik.

Hohe Prävalenzrate

Ein anderes Problem: Zehnmal häufiger als die klassische Sprue ist die atypische oder klinisch stumme Sprue. Sie soll eine Prävalenzrate von eins zu 500 haben. Oft wird die Erkrankung wegen allenfalls geringer Symptome erst bei Erwachsenen diagnostiziert. Eine Folge kann außer einer refraktären Sprue und ulzerativen Jejunitis auch ein erhöhtes Risiko etwa für intestinale Malignome sein, besonders für das T-Zell-Lymphom. Dieses Malignom wird bei bis zu zwei Prozent der älteren, unbehandelten Sprue-Patienten gefunden.
Auch nimmt, solange die Krankheit unerkannt bleibt und deshalb keine Therapie erfolgt, offenbar die Wahrscheinlichkeit zu, dass sich Sprue-assoziierte Autoimmunerkrankungen wie Typ-1-Diabetes, Dermatitis herpetiformis oder Schilddrüsenerkrankungen entwickeln.
Viele dieser Patienten leiden zudem an vorzeitiger Osteoporose, an Arthritiden, an psychiatrischen oder an neurologischen Erkrankungen wie Ataxie und Migräne.
Um früh therapeutisch intervenieren zu können, ist bei Verdacht oder erhöhtem Risiko eine serologische Untersuchung auf IgA-Autoantikörper gegen Gewebetransglutaminase (t-TG) oder Autoantikörper gegen das Muskelfaser-Hüllgewebe Endomysium (EMA) angebracht.
Das gilt auch für Verwandte ersten und zweiten Gerades von Sprue-Kranken, von denen zehn bis 20 Prozent auch eine Sprue haben. Vor allem bei Kindern, die häufig an Bauchschmerzen leiden, minderwüchsig sind und bei denen Lernprobleme auftreten, sollte diese Darmerkrankung in Erwägung gezogen werden.

Unauffällige Blutparameter

Bei Kindern mit Zöliakie sind die Standard-Blutparameter oft unauffällig. Im Differenzialblutbild können jedoch oft niedrige Ferritin-Werte aufgrund einer Eisenmangelanämie auffallen. Den Sprue-Verdacht bestätigen Biopsien bei der Ösophagogastroduodenoskopie. Die Zahl intraepithelialer Lymphozyten - über 40 pro 100 Epithelien - ist als weiteres Indiz für eine Sprue erhöht. Als eine neue diagnostische Möglichkeit dient die Kapsel-Endoskopie. Was bei Sprue derzeit einzig hilft, ist bekanntlich strenge lebenslange Gluten-freie Ernährung. Das heißt: keine Lebensmittelprodukte, die diese Kleberproteine aus Weizen, Dinkel, Gerste oder Roggen enthalten. Damit lassen sich sowohl die Laborparameter normalisieren als auch die Beschwerden in kurzer Zeit vermindern. Als attraktive Behandlungsansätze gelten die bakterielle Endopeptidase, die antigene Glutenpeptide zerstört, oder die orale Hemmung der t-TG.

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